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Berlin
Luft raus: Carpenter langweilt auf seiner neuen Digital-Orgel

Cameron Carpenter langweilt auf seiner neuen Digital-Orgel
FOTO: Hans-Peter Reichartz
Berlin. Er ist der böse Bube eines frommen Berufsstands, und immer wenn er Konzerte gibt, glaubt mancher, dass der Bischof eingreifen sollte. Cameron Carpenter, 1981 in den USA geboren, gilt als brillantester und frivolster Organist der Welt. Wenn er Kathedralen bespielt, zählen neben Bach immer auch Lennon, Cohen oder andere Orgelferne zu den Komponisten. Wenn Carpenter Tasten drückt und Knöpfe zieht, klingt's zuweilen wie Gottesdienst bei Walt Disney. Das bleibt so bei Carpenter, doch seine neue Platte bedient sich neuer Technik: Sie ist auf seiner eigenen digitalen Konzertorgel entstanden. Von Wolfram Goertz

Früher war er stets von den Bedingungen vor Ort abhängig, jede Orgel ist ja ein Unikat, überall neue Register. Und immer diese Mängel: hier eine windschief knatternde Trompete, dort eine hakende Pedalfeder. Damit ist jetzt Schluss: Mit der eigenen Orgel reist Carpenter jetzt auch. Alles ist programmiert, und nach den rituellen 30 Liegestützen, die er zur Stählung und Durchblutung seines Leibes vor dem Konzert für unerlässlich hält, kann er sich gleich auf die Bank schwingen und loslegen. Und braucht keine Gehilfen mehr, die ihm Knöpfe ziehen.

Trotzdem ist die neue Platte unter dem Motto "If You Could Read My Mind" (Sony) enttäuschend. Wieder gibt es Bach (G-Dur-Triosonate) und Dupré (Variationen über ein Weihnachtslied), daneben viel geborgtes Zeug (Rachmaninows "Vocalise", Piazzollas "Oblivion" oder Skrjabins 4. Klaviersonate) und eine fette Pop-Abteilung. Indes ist (auch mangels Pfeifen) die Luft raus: Alles wirkt so künstlich wie ein Pudding aus der Chemiefabrik. Früher gab es wenigstens das Phänomen des Sakralschocks, wenn Carpenter eine geweihte Domorgel fast zu Tode ritt. Jetzt ächzt nichts mehr, es blinken nur noch Knöpfe und fauchen Prozessoren. Beichten beim Bischof muss auch keiner mehr: Carpenter spielt fast nur noch in Philharmonien, kaum noch in Kathedralen.

Doch wo keine Sünde, da auch keine Freude, spricht der Prophet.

Quelle: RP
 
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