Tote-Hosen-Sänger spielt in "Dreigroschenoper" mit: Campino: "Mackie ist ein brutaler Hund"
VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 08.08.2006 - 18:12Berlin (RP). Campino, Sänger der "Toten Hosen", wird den Mackie Messer in der "Dreigroschenoper" spielen, die Klaus Maria Brandauer in Berlin inszeniert. Premiere ist am Freitag im Admiralspalast. Im Interview spricht Campino über seine mangelnden schauspielerischen Fähigkeiten, Brandauers Besetzungsideen und darüber, was Weill mit Punk zu tun hat.
Warum hat Brandauer den Sänger der „Toten Hosen“ als „Mackie Messer“ besetzt?
Campino: Diese Frage muss man Herrn Brandauer stellen. Ich kann mir nur meine Gedanken machen, wenn ich bei den Proben sitze und sehe, wie toll jede Rolle auf die verschiedenen Typen passt. Gottfried John als Peachum ist ein genialer Coup. Das geht mir ähnlich bei Birgit Minichmayr als Polly und Kathrin Sass als Frau Peachum. Wenn diese Figuren also alle mit Bedacht ausgesucht wurden, dann hoffe ich, dass dasselbe auf mich zutrifft.
Was steckt dahinter?
Campino: Ich glaube, dass es ein Versuch ist, über diese interessante Konstellation der Leute eine neue Aktualität zu schaffen. Das Schwierige an der „Dreigroschenoper“ ist, dass die Weill- und Brecht-Stiftungen sehr auf den Stoff achten, dass Interpretationen, die frei sind, kaum geduldet werden. Man schafft es also nur über die Besetzung, einen neuen Geruch da rein zu kriegen. Und was wir alle versuchen wollen, ist, diese tausend Mal gehörte Geschichte so zu spielen, dass man wieder zuhört und fragt: „Was sagen diese Worte uns eigentlich?“ Das schafft man nur, wenn man das den Leuten mit einer gewissen Härte einbläut. Vielleicht hat Brandauer gedacht, dass ich für diese Lieder der geeignete Mann bin.
Was für ein Mackie Messer werden Sie denn auf der Bühne sein?
Campino: Ich weiß noch nicht, in welche Richtung die Feinheiten gehen werden. Wir haben alles Mögliche ausprobiert. Mackie Messer muss jemand sein, der jederzeit Brutalität ausstrahlt, denn er ist ein brutaler Hund. Er wird sich nicht beim Publikum anbiedern müssen, er muss nicht charmant sein. Andererseits hat er durch seine Gefährlichkeit etwas Faszinierendes.
Eine große Aufgabe.
Campino: Natürlich bin ich schauspielerisch nicht so versiert, dass ich aus jeder Stimmungslage, mit der ich hier ins Theater komme, sofort 100 Prozent in meiner Rolle bin. Das ist eine Kunst, und diese Kunst eignen sich Menschen in Jahren an. Ich muss versuchen, die Freude, die ich daran habe, hier teilzunehmen, zu zelebrieren und in den Aufführungen beizubehalten. Es geht nicht darum, mich zu messen mit diesen Leuten, die das Tollste sind, was wir im deutschen Sprachraum an Schauspielern haben. Da komme ich nicht heran.
Die Musik von Kurt Weill ist komplizierter als man denkt. Wie kommt der Punk-Sänger mit den Tönen klar?
Campino: Der kommt eigentlich sehr gut damit klar. Ich empfinde, von der Bandbreite der Stimme her, die Lieder auch nicht als schwierig. Sie sind fein, man muss sich konzentrieren, damit man auch liebevoll damit umgeht und die einzelnen Töne nicht verschludert. Aber das war überhaupt keine Schwierigkeit für jemanden wie mich, der es gewohnt ist, unter den abartigsten Soundverhältnissen zu arbeiten.
Das sorgt Sie also weniger...
Campino: Ich werde meinen Kopf über Wasser halten, und wenn das Orchester mal in eine ganz andere Richtung läuft als ich, dann werde ich es zum Ende des Liedes wieder eingeholt haben.
Zu welchen Genüssen oder Einsichten will Brandauers Inszenierung die Zuschauer verführen?
Campino: Fein wäre es, wenn wir den Laden so zum Atmen kriegen würden, dass die Leute sich überhaupt nicht fragen, wie oft sie das eigentlich schon gesehen haben oder wann wohl Pause ist. Sondern dass sie die Worte genießen und Spaß haben an den einzelnen Figuren. Und dass sie fragen, wie hat Brecht das gemeint, als er sagte: Erst kommt das Fressen und dann die Moral? Und wie lassen sich diese Sachen auf heute anwenden? Ist das nicht eigentlich noch aktueller als früher? Das ist doch für heute umwerfend, gerade jetzt, wo es kein Gegensystem zum Kapitalismus mehr gibt, sind die Inhalte viel beklemmender als früher.
Der Admiralspalast liegt nur ein paar Steinwürfe entfernt vom Theater am Schiffbauerdamm, dem heutigen Berliner Ensemble. Dort wurde die „Dreigroschenoper“ 1928 uraufgeführt. Was bedeutet Ihnen diese Tradition?
Campino: Das ist für mich ein unbedingtes Muss. Brecht hat auch hier im Admiralspalast Stücke aufführen lassen und hat sich in diesen Räumlichkeiten aufgehalten. Dieser Hauch Geschichte tut dem Stück wahnsinnig gut. Hier wurde die SED gegründet, hier war eine Führerloge drin. Dieser Laden hat sämtliche Höhen und Tiefen Berlins der 20er, 30er und 40er Jahre mitgemacht.
Wie ja auch die Friedrichstraße.
Campino: Die ist ja früher diese Lauf-, Sauf- und Kauf-Straße gewesen. Diese Mischung aus Glamour und Gosse, das ist schon ein Knaller. Das hat mich mit überzeugt, dabei zu sein. Es ist ein wahnsinniger prunkvoller Saal ohne irgendwo „zuckergussig“ zu wirken. Ich finde ja dieses Halbfertige der Baustelle unheimlich schön, gerade für Theater. Das ist ein Bruch, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte.
Wird die „Dreigroschen“-Erfahrung von Campino Einfluss haben auf die Musik der „Toten Hosen“?
Campino: Was soll ich vorher ankündigen, wie das in meine Arbeit einfließen wird? Ich weiß nur, dass diese Zeit für mich eine aufregende ist, das wird sich garantiert widerspiegeln. Da draußen geschehen so viele Dinge, und wir streiten uns hier, ob der Mackie humpeln oder laufen soll. Das ist eine komische Geschichte, dieses Hin-und-her-Springen zwischen den Realitäten und dieser Scheinwelt. Das fasziniert mich schon.
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