| 18.47 Uhr

Eine Führung durch die Ruhr-Metropole
"Bochum wird das neue München"

Christoph Zöpel: "Bochum wird das neue München"
Der ehemalige NRW-Städtebauminister Christoph Zöpel. FOTO: Bretz, Andreas (abr)
Bochum. Jahrzehntelang galt Bochum als Zechen- und Opel-Stadt, als Inbegriff des Ruhrpotts. Mittlerweile hat sich die Stadt an der Ruhr gemausert. Der frühere NRW-Städtebauminister Christoph Zöpel führt durch die ehemalige Arbeiterhochburg. Von Martin Kessler

Eines stellt der Minister a.D. gleich zu Beginn klar. "Wenn positiv vom Revier gesprochen wird, wird Ruhr gesagt. Der Begriff Ruhrgebiet ist eher negativ besetzt." Christoph Zöpel (SPD), von 1980 bis 1990 Stadtentwicklungsminister und danach auch Verkehrsminister im Kabinett von Johannes Rau, hat die Entwicklung an der Ruhr wie kaum einer begleitet und geprägt. Er kennt die Befindlichkeiten der Bewohner. Daher gibt es die Ruhrfestspiele, den Initiativkreis Ruhr, den Regionalverband Ruhr. Aber niemals das Ruhrgebiet und schon gar nicht den Ruhrpott.

Und Bochum? Die Blume im Revier? Ne ehrliche Haut? Leider total verbaut. "Einspruch", ruft Zöpel. "Bochum hat im Süden, zur Ruhr hin, traumhafte Ecken, das Bild einer völlig verbauten Stadt ist absurd." Die Stadt steht für Ruhr und Ruhrgebiet. Für Zukunft und Vergangenheit. Für städtebauliche Höhepunkte und Abbruchkante. Zöpel, Ökonom, Stadtplaner und Intellektueller, zeigt eine Stadt, die typisch ist für Europas größte Städte-Agglomeration, aber auch individualistisch wie im berühmten Lied des gebürtigen Bochumers Herbert Grönemeyer.

Die Stiepeler Dorfkirche - das älteste noch funktionierende Gebäude Bochums

Wir beginnen die Tour de Bochum in der ländlichen Idylle. Die Stiepeler Dorfkirche im Süden der Stadt ist ein romanisches Kleinod aus dem 12. Jahrhundert. Sie ist das zweifellos älteste noch funktionierende Gebäude der Stadt, liebevoll gepflegt vom Verein der Freunde und Förderer der Dorfkirche.

Nur 20 Fußminuten davon entfernt ruht der Kemnader See, genauso verträumt und idyllisch, aber aus dem Jahr 1975. Dazwischen liegen mehr als 800 Jahre Stadtgeschichte, Mittelalter, Reformation, Industrialisierung, der Pulsschlag aus Stahl, die Ruhr-Universität. "Der Kemnader See ist einzigartig", sagt Zöpel. In einem aufgelassenen Grubenfeld entstand das erste künstliche Naherholungsgebiet im Revier. 1966 wurde das Projekt beschlossen - im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ruhr, dem ehrgeizigen Plan der damals neuen sozialliberalen Landesregierung. Erholung kannten die Ruhris bis dahin nur in ihren Kleingärten, Taubenzüchtervereinen oder "aufm Platz", bei ihrem Fußballverein.

Vom See geht es weiter in eine anmutige Hügellandschaft. Relikte der Industriegeschichte sucht man vergebens. Zöpel hat sichtlich Spaß, die Postkartenlandschaft im Süden Bochums zu präsentieren. Menschen des Ruhrgebiets sind geradezu süchtig danach, die grünen Seiten des Reviers zu zeigen - fast ein bisschen zur Enttäuschung mancher Besucher, die lieber Schornsteine, Werkshallen und Hochöfen sehen wollen. "Eine Stadt wie Bochum muss an die Zeit vor der Industrialisierung anknüpfen", sagt Zöpel, der aus Oberschlesien stammt, einem Gebiet, das in seiner industriellen Prägung dem Revier ähnlich ist.

"Opel war eine interessante Episode"

Ein wehmütiges Loblied auf Industrie, Kohle und Stahl, oder auch nur auf Opel liegt dem früheren Stadtentwicklungsminister fern. "Opel war eine interessante Episode in der Geschichte der Stadt, nicht mehr", findet der Sozialdemokrat. Die wahre Bestimmung der Stadt wird in den langen Bauriegeln am Horizont sichtbar - die Ruhr-Universität. Jetzt kommt Zöpel in Fahrt. Sie ist für das einstige "Gehirn" des Rau-Kabinetts die wichtigste Investition Bochums in den vergangenen 50 Jahren. "1965 gab es in Ruhr 4000 Studenten, ausschließlich an der Pädagogischen Hochschule Dortmund. Jetzt haben wir über 200.000." Bochum machte den Anfang. Seitdem hat Ruhr eine vielfältige Universitätslandschaft, allein Bochum hat sieben Hochschulen.

Das wirkt sich bis in die Arbeiterpartei SPD aus. Von sechs Vorsitzenden des Unterbezirks Bochum seit 1975 sind drei Professoren, Zöpel war der erste. Wir fahren durch die Fakultätsgebäude des riesigen Universitäts-Campus, die auffällige Farbgestaltung verdeckt manche schadhafte Stelle. Auch die Ruhr-Universität wird offenbar nicht so gepflegt, wie es sich für die beste Hochschule an der Ruhr gehört. "Die Farbgestaltung war eine ministerielle Anweisung von mir. Fachleute meinten, Farbe verzögere die Verwitterung des Betons", klärt Zöpel auf. Er war für den Unterhalt der Hochschulen verantwortlich.

Wir passieren das neue Technologiezentrum der Hochschule. Glasbauten, kubische Formen, bunte Farben, blank geputzte Plätze. Wie in vielen anderen Universitätsstädten auch, die auf die Ausgründungen technologisch versierter Unternehmen hoffen. "Junge Bochumer Wissenschaftler rühmen sich, sie seien bessere IT-Spezialisten für Computer-Sicherheit als die in den USA", weiß Zöpel. So seien Wissenschaftler von der US-Technologie-Schmiede MIT ("Massachusetts Institute of Technology") nach Bochum zurückgekehrt. Die Städterankings sprechen eine andere Sprache. Nach dem der "Wirtschaftswoche" und des IW Consult belegt Bochum bei den Neugründungen nur den 42. Platz unter den 69 größten deutschen Städten. Im Vergleich des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI liegt die Stadt beim Anteil der Forscher und Ingenieure an den Beschäftigten auf Rang 24 der 30 größten Städte. Bei der Zahl der Beschäftigten in wissensintensiven Branchen kommt die Ruhr-Stadt sogar nur auf den vorletzten Rang. Für Zöpel zählt das nicht. "Die Top-Universitäten von München oder Berlin bekommen durch den Bund fünf bis sieben Mal so viel Forschungsmittel wie Universitäten in Ruhr."

Wir fahren durch die Hochhaussiedlung der Universitätsrahmenstadt. Sie heißt so, wie sie aussieht, ein städtebauliches Ungetüm. Ich komme noch einmal auf die magere Bilanz Bochums bei Ausgründungen und neuen Unternehmen zu sprechen. "Die Entwicklung einer Universität hin zu Spitzenleitungen in der Forschung braucht Zeit, sicher mehr als 50 Jahre, die die Ruhr-Universität jetzt besteht. Und unternehmensrelevante Spitzenleitungen werden vor allem in technischen Fächern erbracht. In Bochum wurden zunächst gute Juristen ausgebildet, die gehen in den Staatsdienst, nicht in innovative Unternehmen", beschwichtigt mich Zöpel. Der Ex-Minister ist vom Konzept der Universitäten überzeugt. "In 20 Jahren werden die Universitäten in Bochum und in Ruhr, und damit auch Ruhr-Städte wie Bochum, generell in der Forschung so gut dastehen wie heute Berlin oder München. Es sind jetzt vielleicht 80 Prozent von dem erreicht, was etwa München und seine Universitäten leisten", ist der Ex-Minister überzeugt. Ich bleibe ungläubig. "Na gut, es können auch 50 Jahre sein." Aber Ruhr werde aufholen. Der Prozess, so Zöpel. "ist unumkehrbar".

Inzwischen haben wir das kulturelle Herz Bochums erreicht: das Schauspielhaus und das Konzerthaus. Das eine hat Geschichte geschrieben - Peter Zadek, Claus Peymann, Matthias Hartmann hießen die Intendanten, die Bochum zum besten Theater Deutschlands machten. In einigen hundert Meter Entfernung das neue Konzerthaus direkt an der Marienkirche. Es wurde zum Teil finanziert vom Bochumer Bürgertum, anders als die Musik-Prachtbauten in Essen oder Dortmund. Da lässt Hamburgs Elbphilharmonie schon mal grüßen.

Kultur und Wissen, das sind für Zöpel die Rohstoffe der neuen Zeit, nicht Bergbau, Industrie und Opel. Im technischen Rathaus, das wir als nächstes besuchen, tüfteln die Stadtplaner an der Entwicklung des ehemaligen Opel-Geländes. Dort soll eine neue Wohnlandschaft entstehen - mit innovativen Unternehmen und gehobenen Ladenzeilen.

"Opel hat Bochum eine neue Facharbeiterschicht gebracht, die untypisch ist für das durch Bergbau und Stahl geprägte Ruhrgebiet", meint Zöpel, als wir uns eine Fläche ansehen, die für die Neuansiedlung vorgesehen ist. Die NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke (Zöpel: "Eine der fähigsten Politikerinnen des Landes") sei die Tochter eines Opel-Facharbeiters aus Rüsselsheim. "Auch die Migranten Bochums sind ein Schatz für die Stadt", findet der Ex-Minister.

Alles zusammen sei eine kreative Mischung, die es so nur im Revier gebe. An der Autobahn fliegen derweil die Abrissbauten des Opel-Werks vorbei, hässliche Wunden in einer geschundenen Industrielandschaft. Nur der Autobahnzubringer zum ehemaligen Werk ist nagelneu. "Das ist in Bochum und in Ruhr häufig so. Wenn eine große Straßenanbindung zu einem Wirtschaftsunternehmen gebaut wird, verschwindet das in der Regel bald." Das Technologiezentrum hat noch keinen eigenständigen Zubringer. Das lässt hoffen, dass Zöpel doch recht hat.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Christoph Zöpel: "Bochum wird das neue München"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.