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TV-Zeitschriften und Photoshop: Falsche Perfektion
TV-Zeitschriften und Photoshop: Falsche Perfektion FOTO: TV Spielfilm
Düsseldorf. Im Internet tobt die Diskussion über unretuschierte Fotos von einem Model. Um was es bei dieser Verhandlung indes wirklich geht, ist etwas anderes: unser Frauenbild. Und die Menschenwürde. Von Philipp Holstein

Beim Kurznachrichtendienst Twitter ist vor ein paar Tagen ein rätselhaftes Foto von Cindy Crawford aufgetaucht. Rätselhaft deshalb, weil das Supermodel auf diesem Bild nicht den Körper einer 18-Jährigen hat wie auf den Fotos aus den vorangegangen 30 Jahren. Sie sieht vielmehr so aus, wie eine zweifache Mutter von 48 Jahren nun mal aussehen könnte.

Das irritiert viele Menschen, deshalb diskutieren sie heftig über dieses Bild. Ob es echt ist, fragen sie, und falls ja, warum das Model es freigibt und was das zu bedeuten habe. Um was es bei dieser Verhandlung indes wirklich geht, ist etwas anderes: unser Frauenbild. Und die Menschenwürde.

Parallel zur Veröffentlichung des Fotos feiert das digitale Bildbearbeitungs-Programm Photoshop seinen 25. Geburtstag. Entwickelt wurde die Software ursprünglich, um Grau-Abstufungen auf Schwarzweiß-Monitoren anzuzeigen. Die Funktionen wurden jedoch immer stärker ausgebaut, es wurden verschiedene Filter hinzugefügt, die Farbskalen erweitert. Wer möchte, kann damit nun per Computer in Fotos eingreifen und Ansichten einer idealen Welt erschaffen. Photoshop wird von mehr als 90 Prozent der professionellen Gestalter benutzt, es ist Industriestandard.

Photoshop ist ein Segen für die meisten, die beruflich mit Bildern zu tun haben. Zugleich hilft es der Industrie, die Vorstellungen des Verbrauchers zu beeinflussen. Mit Photoshop kann man Schönheit definieren. Das Aussehen von Produkten lässt sich für die Werbung optimieren, und weil Models in der Werbung stets im Dienste des Produkts stehen und bisweilen sogar mit ihm verschmelzen, werden auch deren Körper optimiert.

Es gibt das Verb "photoshoppen", und wer den Film "Crazy Stupid Love" gesehen hat, wird sich an die Szene erinnern, in der Ryan Gosling sein T-Shirt auszieht und Emma Stone über sein Sixpack lachen muss: "Du siehst ja aus wie gephotoshoppt!"

Vor ein paar Jahren wurden Stadtkinder für eine Studie gebeten, Kühe zu zeichnen. Einige Kinder malten die Tiere lila an, weil sie Kühe nie in echt gesehen hatten, sondern nur in der Milka-Reklame. Ein bisschen was davon hat auch die Diskussion um das Foto von Cindy Crawford. Wie der Körper einer Frau auszusehen hat, gibt heute offenbar die Industrie vor. Und wenn er nicht den Maßen und Maßgaben entspricht, die man aus der Werbung von Victoria's Secret und Abercrombie & Fitch gewohnt ist, ist man mitunter enttäuscht.

Jeder weiß, dass die Bilder in der Werbung Schwindel sind oder doch zumindest über die Brüche und Macken der Realität hinwegtäuschen sollen. Dennoch zeigen die Bilder der Makellosigkeit, mit denen wir uns umgeben, ihre Wirkung. Sie beeinflussen Selbstbewusstsein und Selbstbild, indem sie Schönheit eine Norm geben.

Schönheit unterliegt dem Franchise-Prinzip, und die richtigen Maße sind für Frauenkörper eine notarielle Beglaubigung, Ausweis der Attraktivität. Auch für Männerkörper gibt es so eine Norm, aber Abweichungen in der Wirklichkeit werden mit Augenzwinkern quittiert. Bei Frauenkörpern ist man strenger, was auch daran liegt, dass man entblößte Frauen viel häufiger sieht als entblößte Männer.

Mit dem Auftauchen des Bildes von Cindy Crawford ergab sich die Möglichkeit, auf diesen Missstand hinzuweisen. Es gab denn auch viele Frauen, die jubelten und Crawford den Rang einer Rebellin des Photoshop-Zeitalters zubilligen wollten. Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis stellte ein Foto von sich online, das sie in Unterwäsche zeigt. Sie schrieb "Bravo, Cindy" darunter, weil sie dachte, Crawford habe ihr Bild selbst veröffentlicht.

Crawford hätte ein Interview geben können, etwas darüber sagen können, wie Grübchen oder Fältchen als Aufmerksamkeitsanker wirken, dass solche Zeichen der Individualität liebenswert sind, dass man dadurch überhaupt erst zum Menschen wird. Sie hätte sagen können, dass der Unterschied zwischen ihrem privaten und ihrem öffentlichen Körper der zwischen Mensch und Roboter ist. Und dass Körper in der Werbung attraktiv, aber kalt sind. Echte Körper hingegen sind warm und weich und viel schöner.

Aber Crawford schwieg und ließ ihren Ehemann ein Bild posten, auf dem sie am Swimmingpool posiert und aussieht wie 18. Da hoffte man für Cindy Crawford, dass der Geschäftsmann Rande Gerber sie auch dann mögen wird, wenn sie so alt aussieht, wie sie heute ist. Dass er sich nicht in ihr Image verliebt hat, in die Frau, die sie in der Reklame ist, in ihr Abbild also, sondern in die, die sie ist. Und dass er überhaupt weiß, wer sie ist. Und sie auch.

Gestern wurde bekannt, dass das Foto, um das es geht, gefälscht ist. Crawford sieht nicht so aus wie auf dem Bild, es ist gephotoshoppt, aber eben nicht in Richtung globales Idealmaß, in Richtung Schein also, sondern in die andere Richtung, die des möglichen Seins.

Crawford hat bereits ihren Anwalt eingeschaltet, denn die andere Richtung ist immer die falsche, auch wenn sie in die Wirklichkeit führt. Crawford möchte nicht aussehen wie eine 48-jährige Mutter, nicht echter sein als echt, und kalt ist ihr lieber als warm. Cindy Crawford ist Cindy Crawford, weil es die Photoshop-Kultur gibt.

Nicht die Kultur macht den Menschen, die Menschen machen die Kultur. Und wenn der Mensch in der Kultur zu kurz kommt, sollten die Menschen das ändern.

Quelle: RP
 
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