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"Neuanfang"
Clueso verlässt die Komfortzone

Eigentlich alles okay beim Erfurter. Seit 15 Jahren geht es stetig aufwärts für den Mann, der sich nach dem tragisch-komischen Kommissar Clouseau benannt hat. Warum also ein Album, das den Titel "Neuanfang" trägt? Von Stefan Petermann

Was, wenn du eigentlich zufrieden bist? Wenn du gute Freunde hast, ein nettes Zuhause, in der Welt rumkommst, erfolgreich bist in einem Beruf, der dich erfüllt. Wenn es eigentlich so weiter gehen könnte, 20, 25 Jahre mit einer ähnlichen Zufriedenheit, die Risiken minimiert, die Komfortzone ausgelotet. Aber was, wenn dir diese Sicherheit irgendwann zu bequem wird, wenn du doch noch einmal hinaus willst in unbekanntes Land, dahin, wo du nicht jeden Schritt auf festen Boden setzen wirst, wo du nicht auf das Vertraute zählen kannst?

Bei Clueso kam dieser Moment im letzten Jahr. Nach Millionen verkaufter Platten, diversen Preisen, Kollaborationen mit den wichtigsten Musikern des Landes, am Ende einer ungemein erfolgreichen Tournee. Da war ihm das Bekannte zu viel. "Ich habe hinterfragt, was es bedeutet, so viel Verantwortung zu haben, und bin zu dem Schluss gekommen, nicht mehr so in der Verantwortung stehen zu wollen und es einfach mal alleine zu probieren. Das Bedürfnis, sich alleine zu bewegen, ist so gewachsen, dass ich das in meinem ganzen Umfeld gemacht habe", sagt er. Und so trennte er sich von seiner Band und seinem langjährigen Manager. Wechselte das Label. Zog aus seiner Musiker-WG aus. Versuchte einen Neuanfang.

Um zu verstehen, was es bedeutet, während einer solchen Reise die Richtung zu wechseln, muss man die Geschichte von Clueso kennen. Geboren wird er als Thomas Hübner in Erfurt. Früh lernt er Gitarre spielen und schreibt eigene Lieder. Durch den Breakdancefilm "Beat Street" wird sein Interesse an Hip-Hop geweckt. Er sprayt, rappt, textet, jamt, mischt auf Mixtapes Funk mit Reggae. Bald folgen die ersten Auftritte. Im legendären Kassablanca in Jena spielt er vor den Beginnern und den Massiven Tönen. Anschließend vermasselt er die Friseurlehre - der endgültige Abschied von einem Leben nach Vorschrift. Und genau genommen passiert da schon ein erster Neuanfang. Denn Hübner wagt den Sprung ins kalte Wasser, verlässt Erfurt und damit das Vertraute. Er zieht nach Köln, wo er niemanden kennt. Dort wird Four Music, das Plattenlabel der Fantastischen Vier, die zu Hübners musikalischen Helden zählen, auf ihn aufmerksam. 2001 erscheint sein erstes Album, das noch sehr hip-hop- und reggaelastig ist.

Dennoch hält er auch in dieser Zeit Kontakt nach Thüringen. Er gründet in Erfurt den Zughafen, ein Musikkollektiv, das offen sein will für alle Kulturen. Aus den Musikern formiert sich seine Liveband. Ein zweites Album folgt, das Goethe-Institut schickt ihn um die Welt, er absolviert mehrere erfolgreiche Auftritte beim Bundesvision Songcontest, in den Charts steigt er hoch ein, Herbert Grönemeyer nimmt ihn mit auf Stadiontour.

Nach und nach erobert sich Clueso so sein Publikum. Er entfernt sich von Hip-Hop, verschreibt sich dem Pop. Doch im Gegensatz zu Tim Bendzko, Andreas Bourani und anderen ist bei ihm Melancholie kein Effekt, der kleinste gemeinsame Nenner keine Option und ein gutes Ende nicht ausgemacht. Scheitern ist immer im Bereich des Möglichen. Dazu kommt die musikalische Offenheit Hübners. Von Reggae über Klassik bis zu Zusammenarbeiten mit Klezmermusikern wie Alan Bern versucht er stets, das Bewährte mit Unbekanntem aufzubrechen.

Den endgültigen Durchbruch schafft er, als Udo Lindenberg ihn einlädt, gemeinsam "Cello" zu singen. Damit wird Clueso auch älteren Generationen bekannt. Lindenberg nimmt ihn mit auf Tour, die beiden freunden sich an. Die Folgen dieser Begegnung lassen sich auf dem neuen Album hören. Manche Texte erinnern an Lindenbergs Duktus, bestimmte Wendungen, die Art, wie die Geschichten erzählt sind, ohne allerdings dessen Lakonie und Schnoddrigkeit kopieren zu wollen.

Nun also ein Neuanfang. Davon ist oft die Rede, wenn Künstler Platten veröffentlichen. Von "alles anders", einer Rückkehr zu den Wurzeln ist dann die Rede, Standardsprüche zu Werbezwecken, die Aufmerksamkeit generieren sollen. Wirklich neu ist allerdings selten etwas, die Veränderung kommt in homöopathischen Dosen. Auch "Neuanfang" klingt natürlich noch nach Clueso. Doch ist sein Pop diesmal zurückhaltender, kreisen die Texte um Abschied und die Frage, wie man durch Neues wieder sich selbst finden kann.

Würde man diese Hintergrundgeschichte nicht kennen, würde "Neuanfang" wie ein gereiftes Clueso-Album klingen, etwas düsterer und introvertierter vielleicht, aber keines, das einen Einschnitt in einem Leben markiert. "Ich kann den Wind nicht ändern / nur die Segel drehen", heißt es im Titelsong. Die Veränderung ist unvermeidbar, die Kunst besteht darin, sie anzunehmen und daran zu wachsen.

"Neuanfang" ist Hübners Versuch, genau das zu tun.

Quelle: RP
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