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Mönchengladbach
Cohen betört in Mönchengladbach
Mönchengladbach. Das dritte Lied an diesem Abend war "Bird On A Wire", und der Herr in Reihe vier begann zu weinen. Er saß da in seinem Anorak, er flennte, das Wasser lief ihm die Wangen hinunter. Seine Frau tröstete ihn nicht, im Gegenteil, sie filmte das Ganze mit dem Handy, sie hielt drauf, und der Mann sagte: "Lass das doch." Aber sie machte weiter, "dass ich das einmal erlebe", sagte sie, und dann musste der Mann schmunzeln, wenn auch unter Tränen. Von Philipp Holstein

Leonard Cohen war zu Gast im Hockeypark in Mönchengladbach, es wurde ein wunderbarer Auftritt, knapp drei Stunden lang, und vielleicht sollte mal jemand darüber nachdenken, die Konzerte dieses Künstlers auch offiziell in den Rang des Weltkulturerbes zu erheben. In Kürze feiert der Kanadier seinen 78. Geburtstag, er lebte eine Zeit lang als Mönch in einem buddhistischen Kloster, und die Entrückung kultiviert er seit seiner Comeback-Tournee 2008 auch auf der Bühne.

Cohen hatte längst begonnen, da suchten viele der 8500 Zuschauer noch ihre Plätze, sie trugen bunte Decken gegen die Kälte mit sich, eine Dame warf Rosen, und von der Tribüne rief ein Zuschauer: "Meister!" Cohen achtete nicht darauf, er kniete, er zelebriert seine Lieder ja am liebsten in der Haltung des Büßers, er trug schwarzen Anzug, und er sang "Dance Me To The End Of Love". Er hielt die Augen geschlossen, als wollte er sagen: "Was euch wichtig ist, liegt hinter mir."

Sechs versetzt angeordnete Stoffbahnen verlängerten die Bühne nach hinten, eine großartige Lichtregie illuminierte sie in unterschiedlichen Farben, sie bissen sich nie mit dem Abendrot. Als Cohen "Suzanne" zunächst alleine an der Gitarre spielte, bevor die sechsköpfige Band und die drei Background-Sängerinnen hinzukamen, sah man den Schatten dieses fahrenden Dichters auf dem Prospekt: so mächtig, dass er die Jahrzehnte zu überbrücken schien. Cohens Stimme ist noch dunkler geworden, gravitätisch. Die vier, fünf Stücke des aktuellen Albums "Old Ideas", die er vortrug, fügten sich bruchlos in den Katalog mit Jahrhundert-Songs wie "Hallelujah" und "Sisters Of Mercy", berühmte Zeilen bedachten die Fans mit Szenenapplaus.

Im Publikum saßen Menschen, die seit Cohens Debüt 1968 an seinen Texten entlangleben, schließlich erhoben sie sich und drängten nach vorne. "So Long, Marianne" sangen alle gemeinsam. "Als wir uns trafen, waren wir beinahe noch jung", heißt es in dem Lied.

Quelle: RP
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