Neuer Roman "Reckless": Cornelia Funke ist wieder da
VON ULRIKE FRENKEL - zuletzt aktualisiert: 19.09.2010 - 14:11(RP). Nach "Tintenherz" und "Tintentod" hat die Bestseller-Autorin jetzt nach längerer Pause wieder einen Roman veröffentlicht: "Reckless". Dabei griff sie auf Gedankengut und Sprache der Grimmschen Märchen zurück.
Es geht um den jungen Jacob Reckless, der jenseits seines normalen Lebens eine Welt hinter den Spiegeln kennt und dorthin von seinem Bruder Will verfolgt wird, was diesem nicht gut bekommt. Sogenannte Goyls greifen Will an. Das führt dazu, dass seine Haut nach und nach zu Jade versteinert, und natürlich muss er gerettet werden.
Leichte Lektüre ist etwas anderes. Mancher Kapitelanfang liest sich zäh wie ein mittelalterliches Epos. Bis man zum Beispiel den ersten Satz von "Goyl" verdaut ("Das Feld, über das Hentzau mit seinen Soldaten ritt, roch immer noch nach Blut"), die Oberflächenbeschaffenheit der beschriebenen Personen visualisiert und den Inhalt begriffen hat, kann es dauern.
Dennoch wird es in diesen Tagen wieder zahllose Neugierige in die Buchläden oder vor ihre Briefkästen mit Amazon-Sendungen treiben, die nur ein Ziel haben: möglichst schnell in diesen düsteren Kosmos, diese geheimnisvolle Geschichte mit dem Titel "Reckless. Steinernes Fleisch" abzutauchen. Denn geschrieben hat die Geschichte Cornelia Funke, die inzwischen weltweit berühmte Kinder-, Jugend- und All-Age-Buchautorin, von der seit der Millionenbestseller-Trilogie "Tintenherz" nichts mehr zu hören war.
Ganz so berühmt wie ihre britische Kollegin Joanne K. Rowling ist Cornelia Funke zwar noch nicht, aber ihre Erfolge können sich sehen lassen. Mehr als 15 Millionen Exemplare ihrer Kinder- und Jugendbücher wurden bisher verkauft, sie sind in 40 Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet. Dabei liegt der Durchbruch der 52-Jährigen auf dem internationalen Markt noch gar nicht so lange zurück. Erst 2002 gelangte ihr im Jahr 2000 in Deutschland erschienener Roman "Herr der Diebe" auf die US-Bestsellerlisten – und blieb dort lange Zeit.
"Tintenherz" erschien dann 2003 gleichzeitig in ihrer Heimat und im englischen Sprachraum, "Drachenreiter" wurde 2004 übersetzt. Als das "Time Magazine" die gebürtige Westfälin 2005 schließlich zu den 100 weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten zählte, hatte sie einen weiten Weg zurückgelegt. Von der Diplompädagogin, die auf einem Hamburger Bauspielplatz mit Kindern arbeitete und nebenher Illustration studierte, zur weltweit gefeierten Autorin und Millionärin: Solch ein Märchen hätte sich nicht einmal Cornelia Funke selbst ausgedacht.
Überaus hilfreich – das hat die Autorin nie verschwiegen – war ihr bei der Arbeit 25 Jahre lang ihr Ehemann, ein gelernter Buchdrucker, der den gemeinsamen Haushalt führte, die beiden Kinder großzog und sie in kreativen Fragen beriet, während sie das Geld verdiente. Rolf Funke ist 2006, gerade als die Familie nach Los Angeles gezogen war, nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben – ein schmerzhafter Verlust nicht nur für die Ehefrau, sondern wohl auch für die Schriftstellerin Cornelia Funke.
"Reckless" entstand zuerst auf Englisch
Deren Gedankenwelten waren zuletzt schon bei "Tintenblut" und "Tintentod" immer düsterer und grausamer geworden, als hätte sie die Wendung zu Trauer und Verlust in ihrem Leben vorausgeschrieben. Für ihre neue Trilogie nun tat sie sich mit dem britischen Filmemacher Lionel Wigram zusammen, der unter anderem die Harry-Potter-Reihe produziert und vor kurzem die actionreiche "Sherlock- Holmes"-Verfilmung auf die Leinwand brachte. Die beiden entwickelten "Reckless" gemeinsam, dann schrieb sie das Buch zuerst auf Englisch und dann auf Deutsch.
Mag sein, dass daher seltsame Formulierungen stammen wie "bevor sie (die Leichname) zu rotten begannen", mag sein, dass das Buch deshalb streckenweise eigenartig künstlich wirkt und seine kurzen Kapitel den Eindruck vermitteln, sie seien auf eine potentielle Verfilmung hin berechnet. Echte Fans werden das als Einschätzung nicht gelten lassen. Interessant ist jedenfalls, dass Cornelia Funke, nachdem Deutschland räumlich hinter ihr liegt, sich literarisch stärker denn je mit ihrem deutschen Erbe auseinandersetzt.
"Reckless" ist von den Grimmschen Märchen inspiriert, darauf deuten die Namen der Protagonisten, aber auch Objekte wie Lebkuchenhäuser und Goldkugeln im Roman hin, die aus dem Erzählkosmos des Göttinger Brüderpaars stammen. Sie habe lange gebraucht, sagte Funke kürzlich in einem Interview, sich einzugestehen, dass sie nicht in der angelsächsischen, sondern in der Tradition der dunklen Poesie der Grimms, eines E. T. A. Hoffmann oder Novalis schreibe. Das liege wohl daran, dass "die Nationalsozialisten unsere phantastische erzählerische Tradition missbraucht haben, die Nibelungen, unsere Sagen und Mythen" und man sich nicht dazugesellen wolle.
"Dass man mit Wörtern durch und durch teuflische Gestalten gebären kann", findet sie beim Schreiben immer noch irritierend. Cornelia Funke kann mit ihrer Fähigkeit, in verschiedene Figuren zu schlüpfen, nach wie vor spielen wie ein Kind.
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