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Köln
Darf man Hitler mitreißend lesen?

Köln. Der Schauspieler Sylvester Groth hat in Köln aus "Mein Kampf" rezitiert. Von Christoph Driessen

Kann man Hitler zu gut vorlesen? Das war die Frage, die jetzt nach einer Lesung aus seiner Hetzschrift "Mein Kampf" im provisorischen Kölner Schauspielhaus diskutiert wurde. Einigkeit herrschte, dass Schauspieler Sylvester Groth seine Sache beim Literaturfestival Lit.Cologne sehr gut gemacht hatte. Einige meinten sogar: zu gut.

Lesungen aus "Mein Kampf" sind nichts Neues. Allein der deutsch-türkische Schauspieler Serdar Somuncu veranstaltete mehr als 1500 davon, einige sogar in KZ-Gedenkstätten. Legendär sind die Auftritte von Helmut Qualtinger, der Hitler mit seinem österreichischen Idiom besonders nahe kam. Sowohl er als auch Somuncu ließen den Demagogen als lächerliche Figur dastehen. Das ist nicht schwer, denn "Mein Kampf" ist eben nicht nur schlimm, es ist auch schlecht.

Dennoch muss da mehr sein. Schließlich hat die Forschung es längst als Schutzbehauptung widerlegt, dass "Mein Kampf" zwar gekauft, aber nicht gelesen worden sei. Zumindest passagenweise muss das Buch - das in einer Auflage von mehr als zwölf Millionen kursierte - vielen Lesern aus dem Herzen gesprochen haben.

Die erste Passage, die Groth las, handelte von Hitlers "Erweckungserlebnis". Es ist der Herbst 1918, er liegt im Lazarett und erfährt, dass sich deutsche Politiker um einen Waffenstillstand bemühen. Sie können gar nicht anders, denn das Kaiserreich ist militärisch am Ende. Aber Hitler weiß davon nichts, er hat noch die große und zunächst scheinbar erfolgreiche Frühjahrsoffensive der Deutschen im Kopf. Er hält alles für Verrat. Groth bringt das so ungeheuer gut, dass man zumindest eine Ahnung davon bekommt, was für viele einmal die Überzeugungskraft dieser Tiraden ausgemacht haben muss.

Christian Hartmann, der Projektleiter der kritischen Edition von "Mein Kampf", bekundet "große Ehrfurcht" vor Groth. "Sehr mutig" sei es gewesen, den Text so zu lesen. Und dann fügt er hinzu: "Hitler ist eigentlich dann am stärksten, wenn er von sich selbst erzählt."

Das ist eine Formulierung, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen. Hitler "am stärksten"? Wird ihm damit nicht zuviel Ehre angetan? Läuft das am Ende nicht wieder darauf hinaus, ihn als den großen Verführer hinzustellen, dem sich niemand entziehen konnte? Und Millionen Deusche damit freizusprechen? Hartmann selbst ist Jahre mit der Edition beschäftigt gewesen, sie umfasst Tausende Fußnoten, die Hitlers Text geradezu umzingeln und ihn entzaubern sollen. Gleichwohl lautet die Bilanz des Wissenschaftlers: "Er ist mir natürlich noch unheimlicher geworden."

Wenn dem so ist, dann stellt sich die Frage, ob dieses Buch nicht doch noch gefährlich ist und zurück in den Giftschrank muss. Das Urheberrecht an "Mein Kampf" ist zum Jahresende 2015 erloschen, seitdem darf es nachgedruckt werden. Und bei Pegida-Veranstaltungen - darauf weist an diesem Abend Moderatorin Bettina Böttinger hin - sei doch mitunter schon ein ähnlich zügelloser Hass festzustellen.

Für Neonazis mag das Buch Fetisch und Nährboden sein. Für alle anderen dürfte gelten, was Hitler-Biograf Ian Kershaw sagte: "Die Lektüre von Hitlers unsäglichem Text wird keinen unvoreingenommenen Menschen zum Nazi konvertieren." Es bleibt wüster Ideenschutt. Da hilft auch der beste Vorleser nichts.

(dpa)
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