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Das ABC des Francisco de Zurbarán

Eine sehenswerte Ausstellung bietet das Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Zur Einstimmung die Fakten der Kunstgeschichte vorab. Von Beat Wismer

Eine Bilderschau lockt derzeit ins Düsseldorfer Museum Kunstpalast. Wir geben ein Stichwort, und Generaldirektor Beat Wismer, der zugleich Kurator der Ausstellung ist, skizziert den Kosmos Zurbaráns.

A - wie Ausstellung Überraschenderweise ist es die erste Ausstellung des hier kaum, in Spanien allerdings sehr bekannten und gerade auch von modernen und zeitgenössischen Künstlern hochgeschätzten Malers im deutschen Sprachraum - gleichzeitig vielleicht die schönste Ausstellung, die ich in meiner 30-jährigen Museumsarbeit realisieren konnte. A wie Augenverführung!

B - wie Barock Gehen Sie von der Ausstellung in den Rubens-Saal unserer Sammlung, dann sehen Sie: Barock ist nicht gleich Barock! Zurbarán ist mit dem Adjektiv barock, das ja oft das Überschwängliche, Üppige meint, nicht annähernd zu beschreiben. Seine Ekstase ist eine tief verinnerlichte, meditative.

C - wie Casilda Ich kann's ja zugeben: Für mich eine der schönsten Frauen der Kunstgeschichte! Wenn ich den nur zart angedeuteten Heiligenschein übersehe, wird sie zu meiner heimlichen Miss Sevilla. Eine luxuriös gewandete, sehr modebewusste spanische Schauspielerin, die überzeugend eine demütige Heilige spielt. Einfach göttlich!

D - wie Details Es lohnt sich, vor- und zurückzutreten, die Bilder mit ihren exquisiten Details sorgfältig von Nahem zu betrachten und dann wieder aus der Distanz die Malerei in ihrer Sinnlichkeit auf sich wirken zu lassen. Um dann zu sehen, wie das eine das andere braucht und in seiner Wirkung steigert.

E - wie Engel In Zurbaráns Bildern gibt es eine unglaubliche Menge von Engelsfiguren zu entdecken; meistens sind es Puttenköpfe, die Maria umgeben: Sie tragen sie auf Wolken, lugen unter ihrem Gewand hervor, bilden ihren Heiligenschein, schauen aus dem Himmel herab. Die Engel vermitteln uns das Göttliche, denn die lebensnahen Kinder sprechen uns ganz besonders emotional an.

F - wie Franz von Assisi Den damals so populären Heiligen, seinen Namensvetter, hat er immer wieder gemalt, vom Frühwerk bis zuletzt. Der Heilige in ruhiger Meditation, über der zerfledderten Bibel, im stillen Zwiegespräch mit dem golden schimmernden Schädel. Zurbarán widmet der Darstellung der schäbigen Kutte des Bettelmönchs die gleiche Sorgfalt wie den luxuriösen Gewändern seiner weiblichen Heiligen: Unwillkürlich spürt der Betrachter das Kratzen des derben Flickenstoffs auf seiner Haut.

G - wie Glaube Wir können davon ausgehen, dass Zurbarán ein tief gläubiger Mensch war. Aber der allergrößte Teil seiner Malerei ist religiösen Themen gewidmet, die indes von einer tiefen, innigen Menschlichkeit geprägt sind. Als göttlich, auf Spanisch "a lo divino", werden viele seiner Darstellungen umschrieben, seine bildschönen weiblichen Heiligen ebenso wie seine Stillleben: gemäß dem damaligen Glauben wohnt das Göttliche nicht nur dem nächsten Mitmenschen, sondern ebenso jedem, auch dem profansten Gegenstand inne.

H - Evelyn Hofer Ähnlich wie Zurbarán als "an artist's artist" bezeichnet werden darf, galt Evelyn Hofer als "die berühmteste ,unbekannte' Fotografin Amerikas"; ihre Fotografien wurden mit "aufrichtig und ehrlich" beschrieben, dies trifft ebenso auf die 350 Jahre früher entstandenen Gemälde zu. Sie hat in den 1990er-Jahren eine Reihe von spanischen Stillleben geschaffen, die sich auf Zurbarán beziehen: Wir zeigen diese wunderbaren Aufnahmen in einer Extra-Ausstellung.

I - wie Inquisition Als Maler religiöser Themen, der sich an die Regeln und Empfehlungen des Trienter Konzils betreffend der bildlichen Darstellung religiöser Themen hielt, bekam Zurbarán keine Probleme mit der Inquisition. Hingegen wurde ihm vorgehalten, dass seine luxuriös herausgeputzten, schönen jungen Frauen nicht unbedingt dem Bild entsprachen, das sich die Kirche von vorbildlichen weiblichen Heiligenfiguren vorstellte.

J - wie Juan de Zurbarán Obwohl mit 29 Jahren verstorben und noch weniger bekannt als sein Vater, war Juan de Zurbarán weit mehr als dessen vielversprechender Gehilfe: Mit ganz wenigen Werken, von denen wir acht erlesene Beispiele zeigen können, gehört er zu den besten Stillleben-Malern seiner Zeit.

K - Königsmaler Als Zurbarán am Königshof arbeitete, nannte ihn Philipp IV. nicht nur "Maler des Königs", sondern auch "König der Maler". Der Maler wird im spanischen Königshaus auch heute noch sehr geschätzt: Königin Letizia reiste zur Ausstellungseröffnung an.

L - wie Landschaften Man spricht über den Maler der Mönche, der Heiligen und der Stillleben: Tatsächlich ist in der Begegnung mit den Originalen auch ein vorzüglicher Landschaftsmaler zu entdecken. Für mich eine der überraschenden Entdeckungen!

M - wie modern Viele seiner Bilder wirken ungemein modern: In ihrer strengen Komposition, in ihren monochromen und doch nicht zugemalten Hintergründen, in der hyperrealistischen Darstellung der Gegenstände: Und wenn er dann in diese Augentäuschung zusätzlich noch einen Zettel montiert mit der Aufschrift "Ich, Francisco de Zurbarán, habe das gemalt", also darauf hinweist, dass es nur ein Bild ist, dann mag man auch an einen Modernen wie Magritte denken.

N - wie Nikolaus von Bari Ein Hammerbild aus dem Spätwerk, in dem alles, was wir an ihm schätzen, steckt: Das eindringliche Bildnis, die wunderbare Stofflichkeit des luxuriösen Priestergewandes, das Stillleben, die szenische Darstellung, die Landschaft und das Bild im Bild: in mindestens vier Bild-, Realitäts- und Zeitebenen.

O - wie Opferlamm Das hinreißend gemalte Schaf, immer mit zusammengebundenen Läufen, können wir in drei (von vier) eigenhändigen Fassungen zeigen. Man kann den gehörnten Schafsbock als reines Stillleben, man muss das Tierchen mit dem Nimbus als Lamm Gottes betrachten - immer steckt in diesen Bildern von der geschundenen Kreatur beides drin. Virtuos die Darstellung des wollenen Fells: Man muss sich zurückhalten. Immer wieder war beim Aufbau der Ausstellung der Ruf zu hören: "Bitte nicht das Schaf kraulen!"

P - wie Porträt Das Porträt des Malers mit Palette und Pinseln im Dialog mit dem Gekreuzigten gehört zu den ergreifendsten Bildern: Der Maler - ist es ein Selbstporträt, ist es der Heilige Lukas, steht er für den Maler überhaupt? - scheint dem, der für ihn gestorben ist, zu danken für das Talent, das er ihm geschenkt hat. Die Darstellung ist einmalig in der ganzen Kunstgeschichte.

Q - wie Qual der Wahl Zurbarán, der Maler der vielen Titel: der Maler der Mönche; der schönen, elegant gekleideten Frauen; der Maler der Stillleben, der Schafe, der luxuriösen Textilien, der geflickten Bettelordenskutten; der Maler des tiefsten Schwarz, des differenziertesten Weiß; der innigsten Muttergottes- und-Kindbeziehung, der Unbefleckten Empfängnis, der ergreifendsten Kreuzigungen; der Maler des Königs, der König der Maler. Q wie erlesene, allerhöchste Qualität.

R - wie Ruhe In vielen seiner Bilder herrscht eine große Ruhe: Man möchte diese in den einsamen Kreuzigungen beinahe gespenstisch nennen. Einsamer war wohl nie ein Mensch. Beeindruckend, wie sich diese Ruhe auf den Betrachter überträgt: Ruhe gebietend müssen diese monumentalen Bilder in den dunklen Kirchenräumen gewirkt haben.

S - wie Stillleben Eigenständige Stillleben gibt es kaum. Die zahlreichen Stillleben aber, die wir in seinen Kompositionen finden, rechtfertigen seinen Ruf als Meister des Stilllebens. Erst sein Sohn Juan wird die Gattung des Früchtestilllebens mit einer bis dahin kaum bekannten Delikatesse exklusiv pflegen.

T - wie Textilien Als Sohn eines Kaufmanns, der auch mit Stoffen handelte, scheint er sich mit Textilien bestens ausgekannt zu haben. Der Herausforderung der Darstellung von Stoffen stellte er sich gerne, sie möchten den Betrachter immer wieder zur Berührung verführen.

U - wie unbekannt Beinahe unbekannt ist er nur (noch) außerhalb Spaniens. Das gilt indes generell für die spanische Malerei, der sich in Deutschland erst seit gut 30 Jahren wenige Ausstellungen widmeten. Zurbarán gehört aber, mit dem weit bekannteren Dreigestirn El Greco, Velázquez und Goya, zu den ganz großen spanischen Malern.

V - wie Verkündigungsszene Eine der größten und wichtigsten Leihgaben der Ausstellung ist die Verkündigungsszene aus dem Philadelphia Museum of Art. Wie auf so vielen Bildern ist hier besonders der Übergang von der himmlischen Sphäre in die irdische zu beachten: von links oben mit den zahlreichen Kinderengeln in den goldenen Wolken bis zum einfachen Gebetspult der anmutigen Jungfrau und der Vase mit den drei blühenden weißen Lilien rechts unten.

W - wie Werkstatt Zurbarán war ein erfolgreicher Maler, er konnte seine zahlreichen Aufträge nur mit der Hilfe einer effizienten Werkstatt erfüllen. In der Produktion gibt es qualitative Unterschiede, aber auch hervorragende Meisterwerke, die der Meister zusammen mit seinen besten Gehilfen ausführte. Zu den wichtigsten Mitarbeitern gehörte sein früh verstorbener Sohn Juan.

X - wie X-Rays Die Röntgenstrahlen bringen es ans Licht: Wer mehr wissen will über die Technik und den inneren Aufbau von Zurbaráns Bildern, erfährt im Katalog einiges über deren Entstehungsprozess. Hier finden wir auch die durch die X-Rays - die Röntgenstrahlen - sichtbar gemachten Untermalungen und Pentimenti: Sie zeigen Veränderungen in Kopf- und Körperhaltungen, Versuche mit verschieden geführten Konturlinien, Abfolgen von Malphasen etc.

Y - wie YouTube Wer sich zu Hause auf unsere Ausstellung einstimmen will, wird in den Sozialen Medien fündig. Auf YouTube können Sie Königin Letizia auf Ihrem Gang durch die Ausstellung begleiten (CasaRealTV), auf unserem Kanal (museumkunstpalast) finden Sie unter anderem die beeindruckende Restaurierung unseres Gemäldes "Heiliger Franziskus in Meditation".

Z - wie Zurbarán Francisco de Zurbarán ist schlicht und einfach ein absolut herausragender Maler! Die wunderbare Möglichkeit, seine Kunst in Bildern zu entdecken, die aus aller Welt zusammengetragen wurden, besteht jetzt, im Museum Kunstpalast, bis Ende Januar 2016. Sie werden den Namen, den Sie jetzt vielleicht zum ersten Mal hören, nie mehr vergessen!

Quelle: RP
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