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Das faszinierende 19. Jahrhundert

Interview Der Historiker Jürgen Osterhammel hat mit seinem Großwerk "Die Verwandlung der Welt" das 19. Jahrhundert und seine Wirkung bis in unsere Zeit untersucht. Für diese Arbeit wird er jetzt mit dem mit 100 000 Euro dotierten Gerda-Henkel-Preis ausgezeichnet. Von Lothar Schröder

Konstanz Dieses Buch wurde als ein "intellektuelles Feuerwerk" und zugleich "großes Lesevergnügen" gefeiert: die monumentale, fast 1600 Seiten starke historische Darstellung des 19. Jahrhunderts: "Die Verwandlung der Welt" vom Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel (50). Neben diesem publizistischen Lob gibt es auch wissenschaftliche Anerkennung. So wird das Werk im Oktober in Düsseldorf mit dem Gerda-Henkel-Preis für besondere Forschungsleistungen ausgezeichnet.

Es gibt Zeitalter, die besonders beliebt sind – wie das Mittelalter oder die Renaissance. Das 19. Jahrhundert, über das Sie schreiben, es habe die Welt verändert, gehört nicht unbedingt dazu.

Osterhammel Als "Zeitalter der Nationalstaaten" ist es bei Historikern immer noch gefragt. "Verwandlungen" müssen wir auf verschiedenen Ebenen suchen. Eine davon ist die Makroverwandlung der Industrialisierung. Hinzu kommen Mikroverwandlungen, die man im 19. Jahrhundert besonders im Alltagsleben feststellt. Importierte Konsummuster gewinnen an Einfluss. Ernährungsgewohnheiten und Wohnstile verändern sich. Zum Beispiel verbreitet sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weltweit die westliche Herrenmode. Gleichzeitig kommt es zu einer allmählichen Übernahme westlicher Zeitvorstellungen und der mit ihnen verbundenen Taschenuhr.

Haben wir mit dem 19. Jahrhundert auch eine erste Ahnung von Mobilität und Globalisierung bekommen?

Osterhammel Ganz deutlich. Man gewinnt eine Vorstellung von der interaktiven Einheit der Menschheit. Solch ein Bewusstsein gab es zwar schon im 18. Jahrhundert, aber nur unter sehr kleinen intellektuellen Eliten in Europa. Dieses Bewusstsein verbreitet sich nun. Das hat auch technologische Ursachen in den neuen Verkehrsmitteln, die schneller, verlässlicher, von größerer Kapazität und vor allem billiger sind: dem Dampfschiff und der Eisenbahn. Dazu gehört die neue Kommunikationstechnik der Telegraphie in der interkontinentalen Nachrichtenübermittlung – um 1880 ist die ganze Welt bereits verkabelt. Als Folge dieser Neuerungen gibt es erstmals einen echten Welthandel mit dem Transport von Massenkonsumgütern: also Baumwolle statt Seide. Wir haben es nun mit global vernetzten Systemen zu tun. Dass der bürgerliche Sparer sein Geld in fernen Ländern anlegt, ist auch eine Neuerung des 19. Jahrhunderts. Globale Finanzmärkte kamen bereits vor dem Ersten Weltkrieg auf.

Hatte man denn im 19. Jahrhundert ein noch ungebrochenes Verhältnis zur Globalisierung?

Osterhammel Das wäre die Perspektive der damaligen Macher und Profiteure in den großen Zentren Europas und Nordamerikas, der strategischen Globalisierer. Auf der anderen Seite gab es neben den Gewinnern schon damals Verlierer dieser ersten Globalisierung: vom Weltmarkt abgekoppelte Produktionszweige, aber auch diejenigen, die nun ganz von ihm abhängig wurden, zudem Millionen asiatischer Arbeitsmigranten, etwa "Kulis" aus China. Im Westen fürchtete man, sie würden die Arbeitsmärkte unterwandern und warnte vor einer "gelben Gefahr". Die neuartige Vernetzung der Welt in den Jahrzehnten vor 1914 weckte gleichzeitig Hoffnungen und Ängste. In Teilen der europäischen Gesellschaft herrschte durchaus eine morbide, rassistisch aufgeladene Stimmung.

Kann man als eine Art Gegenbewegung zu dieser Dynamik den zugleich bewahrenden, reflexiven Charakter des 19. Jahrhunderts sehen – mit vielen neuen Museen, den Gründungen von Nationalbibliotheken?

Osterhammel Eine Neuerung im 19. Jahrhundert ist die umfassende Institutionalisierung von kultureller Überlieferung, die nun überall als staatliche Aufgabe gesehen wurde. Sie diente nicht nur der Bewahrung der Tradition, sondern auch der Gewinnung neuen Wissens – ähnlich wie in der modernen Universität.

Viele Historiker lassen das 19. Jahrhundert bereits mit der Französischen Revolution 1789 beginnen und nicht vor dem Ersten Weltkrieg 1914 enden.

Osterhammel Diese Idee eines "langen" 19. Jahrhunderts ist sehr populär. Ich bin skeptisch. Für mich ist die Geschichte kein Theater, in dem plötzlich ein Vorhang fällt. Viele Zeitgrenzen sind zwangsläufig vage. Gesellschaftliche und kulturelle Prozesse beginnen und enden nicht von heute auf morgen. Wir sollten die scharfen Randdaten nicht zu ernst nehmen.

Welche Rolle spielt denn für das Selbstverständnis dieser Epoche der Untergang der "Titanic" im Jahre 1912?

Osterhammel Darin spiegelt sich die für das 19. Jahrhundert typische Mischung von Optimismus und Zweifel. Das Unglück war ein Sinnbild überschätzter technischer Sicherheit. Damals erwies sich die Hochseeschifffahrt mit einer solchen Katastrophe als fragil, heute ist es die Atomkraft.

Sind wir stärker Kinder des 19. Jahrhunderts als wir gemeinhin glauben?

Osterhammel Das 19. Jahrhundert ist nur noch bedingt aktuell. Damals grenzten sich die Nationen stark voneinander ab, Feindbilder innerhalb Europas wurden emotional stark aufgeladen. Das ist im Wesentlichen überwunden. Wir erleben heute mit der Rückbesinnung auf Menschenrechte und universale Werte mental eher eine Anknüpfung an das 18. Jahrhundert.

Welche Spuren des 19. Jahrhunderts sind heute denn noch erkennbar?

Osterhammel Die deutlichsten Spuren sind sinnlich-ästhetischer Natur: in der Architektur ganzer Stadtbezirke, in immer noch gelesenen literarischen Klassikern wie Dickens, Tolstoi oder Fontane. Und warum pilgern die Leute nach Bayreuth und feiern 2013 ein Richard-Wagner-Jahr?

Quelle: RP
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