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Düsseldorf
Das ganze Leben ist kein Spiel

Düsseldorf. Im Düsseldorfer Schauspielhaus brachte Intendant Günther Beelitz "Biografie. Ein Spiel" zur Premiere. In einem grandiosen Bühnenbild wird Leben im Konjunktiv durchgespielt. Ordentlicher Applaus für die berührende Komödie. Von Annette Bosetti

Am Ende, so sieht es Autor Max Frisch, ist Kürmann frei. Viele Versuche hat er hinter sich, sein Leben anders zu führen, als er es tat. Der Verhaltensforscher hatte sich noch einmal verliebt, Glück empfunden, zum zweiten Mal geheiratet. Bald war er eifersüchtig über das Fremdgehen seiner Frau geworden, gab tödliche Schüsse auf sie ab. Dann wurde er todkrank. Und die Frage, was wäre, wenn er noch einmal von vorne beginnen könnte, scheint beantwortet: Alles wäre genauso gekommen.

1968 kam Max Frischs tragische Komödie in Zürich zur Uraufführung, mitten in der Zeit der Studentenunruhen. Zehn Jahre hatte der Schriftsteller sich nicht mehr fürs Theater interessiert. Mit "Biografie. Ein Spiel" leitete er die Rückkehr des Theaters ins Private ein. Die Kritiken waren mau. 1984 schrieb er eine Neufassung von dieser schrägen Ehemisere, welche nun in einer weiteren Verschlankung und als Kondensat im Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere hatte. Von ehedem mehr als 67 Rollen sind drei geblieben. "Das Stück bleibt Probe", hatte Frisch einst angemerkt, und dass es nichts bewerten wolle.

Günther Beelitz, Regisseur des knapp zwei Stunden dauernden Abends und bis zur Sommerpause noch Intendant in Düsseldorf, versteht diese ebenso routinierte wie berührende Inszenierung als sein Abschiedsgeschenk, als eine Art Resümee seiner vielen Jahrzehnte währenden erfolgreichen Theaterarbeit. Auch er, Beelitz, hätte wahrscheinlich nicht viel anders gehandelt. Denn, obwohl der Mensch frei ist, entscheidet er kopf- u n d bauchgesteuert. In der Liebe sowieso, wie es Frisch mit diesem autobiografisch gefärbten Stoff zeigen will. Liebe kann den stärksten Intellekt ausschalten. Anders wäre Professor Kürmann, der sich von Berufs wegen verhaltenstechnisch gut auskennen müsste, nicht in diese fatale Beziehung hineingeschlittert.

Die Bühne ist mehrdimensional angelegt, vorne ist ein Schachbrett im Boden eingelassen, hinten Platz für das Leben jenseits des Vorhangs. Was im Vordergrund geschieht, scheint Echtzeit anzudeuten und spiegelt sich, perspektivisch verengt, im Hintergrund. Eine grandiose Idee von Bühne, die das Spiel im Spiel möglich und anschaulich macht. Der Tiroler Heinz Hauser hat diesen raffinierten Raum gebaut, mitunter verdichtet er ihn, deckt das Geschehen zu mit Farbe, etwa in den Schwüngen grün leuchtender informeller Kunst.

Der verliebte Verhaltensforscher und seine deutlich jüngere Antoinette beginnen des Nachts in seinem Wohnzimmer mit dem Spiel ihrer Liebe. Sie lernen einander kennen, kommen nah und entfernen sich wieder voneinander. Sie schnurren wie zwei verliebte Katzen, stimmen ein Konzert aus Miau-Tönen an. Am Ende bleiben sie zusammen, woraus die Beziehung erwächst. Es hat so kommen müssen. Diese eine Nacht ist die Schlüsselszene, die später immer neu wieder aufgerollt wird. In der Nacht bahnt sich die Liebe ihren Weg und, wenn man so will, auch das Verhängnis. Zwischen Sesseln agieren die Protagonisten, ein Wagen mit Alkoholika steht da, denen Kürmann zuspricht, die schwarz-weißen Flächen bilden das Spielfeld. Ein Schachbrett bietet die Plattform für alle Strategien. Man weiß: Eine Dame ist freier in den Zügen als ein Bauer.

Registrator heißt der dritte Spieler, der Anweisungen gibt und der ausspricht, was Kürmann überlegt, der ihm Leben im Konjunktiv vorschlägt. Dieser Registrator trägt wie Kürmann helle Hose, dunkles Sakko und braune Slipper. Mehr als das agiert und reflektiert er als sein Alter Ego. Er ist auch die Instanz des Theaters, er gewährt den Zuschauern Zugang zu den verschiedenen Spielebenen. Virtuos, humoristisch und wandlungsfähig spielt Dirk Diekmann diesen Strippenzieher, schlüpft dazu in alle Nebenrollen, was die Figur noch unheimlicher erscheinen lässt. Er ist Kürmanns US-Geliebte, zieht sich den Schleier über als dessen erste Ehefrau, erscheint als düstere Magnifizenz, leitet eine Yoga-Einheit oder gibt den Schulkameraden, dem Kürmann einst mit dem Schneeball ein Auge ausgeschlagen hat.

Nicht so locker wie Diekmann geht das ungleiche Paar bei der Premiere seine Rollen an. Wäre sie etwas weniger gekünstelt, nähme man Katrin Hauptmann besser ihre sich immer weiter abkühlenden Gefühle zu Kürmann ab. Auch Andreas Grothgar wird sich noch freispielen. Es ist eine große Dimension von Beziehung, in der er sich bewegt, einerseits in Rückblendungsschnipsel zerlegt und andererseits doch im Moment erfühlt. "Wir haben einander verkleinert" sagt er. Er will einen Liebenden zeigen, der leidet, "wenn die Geheimnisse verbraucht sind". Und doch Sehnsucht hat. Grothgar legt seine Figur zu düster an.

Am Ende ist Antoinette am Zug. Sie zögert nicht, macht die Nacht ungeschehen. Dieses amüsante Gedankenspiel einer Wunschbiografie erhielt ordentlichen Applaus.

Quelle: RP
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