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Duisburg
Das letzte Raubein

Duisburg. Im Alter von 77 Jahren ist der große Charakterdarsteller Götz George nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Als "Schimanski" hat er einen neuen Ermittlertypus geschaffen - und Duisburg als ehrliche Malocherstadt ins Herz der Menschen gespielt. Von Dorothee Krings

Er war ein Rebell, störrisch, streitlustig, höchst verletzlich hinter all der Angriffslust. Und so hat er den "Schimanski" gespielt, als Outlaw im öffentlichen Dienst, als Macho der Nach-68er-Generation, als Staatsdiener, der sich seine Gesetze selbst gibt. Und trotzig lacht, wenn er sich wieder eine blutige Nase holt, weil die Verhältnisse sind, wie sie sind.

Natürlich dreht dieser Kerl den Leuten den Rücken zu, als er 1981 im "Tatort" auftaucht. Er will ja nicht gefallen, nur seinen Job machen, Scheiße noch mal. Und so steht Götz George im schmuddeligen Unterhemd an einem Fenster und blickt auf das Stahlkocher-Duisburg, die trübe Malocherstadt, sein Revier.

Und dann geht Schimanski hinüber in seine gammelige Küche, diese Kampfansage an jede Häuslichkeit, will sich Spiegeleier braten, findet in all dem Ungespülten keine Pfanne, schlägt die rohen Eier in ein Glas, kippt sie wie einen Korn in der Kneipe. Da war ein neuer Ermittlertyp geboren, der antibürgerliche, antibürokratische Held, Draufgänger in abgewetzter Feldjacke, James Bond der kleinen Leute, Proletarier unter den Kommissaren, ein ruppiges, selbstgerechtes Großmaul, aber einer, der große Pflaster auf seinen Wunden trägt. Der sein Scheitern nicht vertuscht, der Gefühle zeigt. Und Selbstironie. So einer durfte ganz Mann sein. Bei ihm war das nicht lächerlich. Nicht selbstverliebt. Es hatte nichts von Til Schweiger. "Schimanski" war ja für die da unten, ein Rüpel, aber 'ne ehrliche Haut. Einer, der in die Prügeleien hineingeriet, weil es um etwas ging, nicht weil er gut aussehen wollte.

Götz George hat diesen "Schimanski" geformt, verkörpert, hat sich darin ausgelebt. Er lag ihm einfach, dieser schroffe Typ mit Schnauzbart, der sich im Duisburger Hafen seine Schrammen holt, sich vom Chef nicht gängeln lässt, ein echter Kumpel ist für Thanner, den verlässlichen Kollegen und vernünftigen Gefährten. "Schimanski", das war eine Injektion Wirklichkeit in die Welt der öffentlich-rechtlichen Kommissare mit ihren gebügelten Wettermänteln und Aktentaschen. Und er war eine Provokation. Der coole Cop aus Duisburg mit seinem neuen Naturalismus gab der gesamten Region das Image der rauen Ehrlichkeit. Natürlich zelebrierte er das Schmuddelige, Trübe, Aussichtslose auch derart überzeugend, dass es manchem Ruhrgebietler zu viel wurde. Es gab auch Proteste gegen "Schimmi", den ewigen Revoluzzer, der zwischen rauchenden Schloten gegen die da oben kämpft. Doch solche Leidenschaften weckt eben nur ein Schauspieler, der glaubhaft aufmüpfig sein kann, aufbrausend, rücksichtslos - und zugleich so sensibel, wie es Kerle immer sind.

Götz George hat sich mit dieser Figur ein Alter Ego geschaffen, das die Leute lange faszinierte. In 29 "Schimmi"-Folgen hat er den Ruhri gegeben, hat sich durchs Revier geprügelt, gesoffen, geflucht. So erfolgreich, dass ihm das Erste 1997 mit "Schimanski" eine eigene Serie einrichtete. Und auch das funktionierte 48 Folgen lang bis ins Jahr 2013. Obwohl man diesen Typen doch in- und auswendig kannte und sich das Ruhrgebiet längst strukturgewandelt hatte. George sah man trotzdem weiter zu, weil er Figuren so verinnerlichte, so mit Leib und Seele spielte, dass er in ihnen alt werden konnte.

Und dass die Zuschauer bisweilen das Grauen packte, wie 1995, als er in "Der Totmacher" den homosexuellen Massenmörder Fritz Haarmann gab, der in den 1920er Jahren 24 junge Männer tötete. In der Enge eines Verhörzimmers gab George wieder, was Haarmann über seine Taten gestanden hatte, und machte aus diesem dokumentarischen Experiment das bestürzend intime Porträt eines Täters. George lieferte sich an seine Rollen aus. Und er war immer dann besonders gut, wenn sie ihn innerlich zerrissen.

Denn natürlich konnte George mehr als Prolet und Raubein - komisch sein zum Beispiel, wenn er mit Gesellschaftssezierern wie Helmut Dietl arbeiten konnte. In "Schtonk!" etwa spielte er den Skandalreporter Hermann Willié, der dem "Stern" Hitlers vermeintliche Tagebücher aufschwätzt. Sein manieriertes Schniefen, die zur Schau gestellte Blasiertheit und Selbstgefälligkeit dieser Figur spielt George mit solcher Lust und Präzision, dass man sich wünschte, er habe den "Schimanski" ein paar Jahre eher an den Drachen gehängt und über das Ruhrgebiet davonsegeln lassen, um Zeit für andere Rollen zu haben.

Natürlich ist sein Filmschaffen auch so vielfältig genug. Es reicht von den Anfängen in "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" über diverse Karl-May-Filme, in denen er die Stunts alle selbst absolvierte, bis zu den großen Charakterrollen: Götz George spielte den KZ-Arzt Josef Mengele ("Nichts als die Wahrheit"), einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer ("Mein Vater"), einen blinden Klavierlehrer ("Der Novembermann") und einen todgeweihten Staatsanwalt ("Nacht ohne Morgen").

Und dann war da noch seine anstrengendste Rolle, die als der öffentliche Götz George, als der Unberechenbare in den langweiligen Talkrunden, der sich plötzlich mit Thomas Gottschalk anlegte, der Interviewer vorführte, der den Querulanten gab, oft klug, kritisch, unnachgiebig, manchmal selbstgefällig, launisch, divenhaft. Jedenfalls schien George besessen davon, herauszustechen, außergewöhnlich, unbequem zu sein. Als wolle er gesehen werden von dem Vater, den er nicht mehr hatte. Mit dem er sich nicht mehr auseinandersetzen konnte.

Heinrich George, der große Mime, hatte auch während der Nazi-Zeit Karriere gemacht, hatte in Propagandafilmen mitgespielte und war 1946 in sowjetischer Gefangenschaft gestorben. Götz, der seinen Vornamen der Lieblingsrolle des Vaters als Goethes "Götz von Berlichingen" verdankt, war damals acht Jahre alt. Die Mutter, Schauspielerin Berta Drews, musste ihren "Putzi" ohne den Vater aufziehen, doch der blieb eine mächtige Figur in der Familie. Zumindest gab Götz George das selbst zu Protokoll: "Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener", hat er in einer Doku über seinen Vater gesagt. Und ihn dann doch noch besiegt - indem er ihn spielte. "George" heißt der Film schlicht.

Mit 77 Jahren ist Götz George nun am 19. Juni nach kurzer, schwerer Krankheit in Hamburg gestorben. Das gab seine Agentin erst jetzt bekannt. Götz George war ein Schauspieler, der an Grenzen ging, sich nie schonte, seiner selbst nie zu gewiss war. Das macht die ganz Großen aus. Mit "Schimanski" hat er den Deutschen einen rebellischen Helden geschenkt, einen Aufmüpfigen, Leidenschaftlichen, Unverbesserlichen, einen echten Kerl. Solche Typen sind unsterblich.

Quelle: RP
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