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Düsseldorf
Das Logbuch des Fortschritts

Düsseldorf. Der sehr amüsante Blog "Techniktagebuch" listet technische Veränderungen auf, die unseren Alltag prägen. Jeder darf mitmachen. Von Philipp Holstein

Manchmal kommt auf Partys das Gespräch auf die Zeit, als es Handys noch nicht gab oder das Internet. Dann unterhält man sich kopfschüttelnd darüber, wie das war, und es hört sich an, als sei alles unfassbar weit weg, dabei geht es bloß um zehn oder 15 Jahre. Bisweilen ist das wehmütig, aber meistens ziemlich lustig, etwa wenn einer erzählt, dass er 1994 sein erstes Handy bekam, er damals noch studierte und ihm das Gerät mit der ausziehbaren Antenne unangenehm war. Wenn er auf dem Campus mit dem Trumm telefonieren wollte, verkroch er sich deshalb stets in eine Telefonzelle. Ausgerechnet.

Wie ein solches Partygespräch funktioniert nun auch der Blog "Techniktagebuch", und ebenso hören sich die Geschichten an, die die Beiträger dort erzählen. Kathrin Passig hat die Plattform erfunden, vor zwei Jahren schon, und am Anfang stand wie so oft bei guten Ideen das Wort "eigentlich": "Eigentlich müsste man mal aufschreiben, was man gerade wie macht und warum. Man vergisst sonst sofort, was sich wann geändert hat, und schreibt dann irgendwelche Romane, in denen 1990 alle Handys haben."

Kathrin Passig ist 45 Jahre alt, sie wird oft "Netzvordenkerin" genannt, sie selbst bezeichnet sich allerdings als "Sachbuchautorin und Sachenausdenkerin". 2006 hat sie das Wettlesen um den Bachmann-Preis gewonnen, sie arbeitet auch als Übersetzerin, und sie war mit Wolfgang Herrndorf befreundet und hat ihn bei der Niederschrift des Romans "Tschick" beraten. Man liest ihre Beiträge zur digitalen Gegenwartskultur in Dutzenden deutschsprachigen Medien.

Nun also das "Techniktagebuch". Mitmachen kann jeder, fast 300 Autoren haben Texte eingereicht, keiner wurde bisher abgewiesen. Die kleinen Stücke haben die Form von Unfallmeldungen: Wann ist wem und was wo passiert? Aber sie lesen sich viel heiterer, weil ihre Urheber staunen, verblüfft sind oder einfach etwas loswerden wollen, was zu interessant ist, als dass man es für sich behalten sollte. Unser Umgang mit Technik soll dokumentiert werden, wie sie unser Leben verändert und wie schnell sie das tut und wie rasch man sich daran gewöhnt. Praktische Alltagskunde also. Ein Beispiel: "Facebook-Freundin googelt ein Weihnachtsgeschenk für ihren Freund. Augenblicke später fliegt die Überraschung auf, weil er auf dem Facebook-Account der Freundin Werbung für das ergoogelte Geschenk entdeckt hat."

Es soll auch ein bisschen die Geschwindigkeit aus dem Leben genommen werden, damit man hinschauen und reflektieren kann. Man darf seine Einträge rückdatieren, man kann Erlebnisse aus der Vergangenheit notieren, und der Beitrag, der am weitesten zurückreicht, bezieht sich auf die 30er Jahre. "Man vergisst sehr schnell, wie man bestimmte Dinge gemacht hat und wie die Haltung dazu war", sagt Passig. "Man muss das sofort aufschreiben, sonst ist es weg." Mit welchen Argumenten war man vor fünf Jahren für oder gegen Facebook? Und womit hat man sich damals eigentlich an der Haltestelle die Zeit vertrieben? Eine Frau berichtet, dass sie sich für 2016 erstmals keinen Taschenkalender mehr gekauft hat, sondern das Jahr nun komplett per App plant. Jemand schreibt einen Nachruf auf das Wort "Brieffreundschaft", ein anderer prophezeit, dass wir in 20 Jahren darüber lachen werden, wie schwierig und teuer es heute in vielen Hotels ist, eine WLAN-Verbindung zu bekommen.

Die meisten Beiträge beziehen sich auf die digitale Welt. Da berichtet jemand, wie er seinem Vater zu Weihnachten den neuen Computer einrichtete und der Vater ihn bedauerte, weil man davon doch ganz müde Augen bekomme, wenn man lange auf einen Bildschirm schaue. Und eine Autorin war mit Freunden ein Wochenende lang offline, und als das Thema auf Quentin Tarantino gekommen sei, habe einer gefragt, wer denn noch mal den Mr. Orange in dem Film "Reservoir Dogs" gespielt hat. Niemand konnte es googeln, zwei Tage wilde Spekulationen, alle kurz vorm Wahnsinn, und erst als es wieder Netz gab, kam die erlösende Antwort: Tim Roth. Aber es geht im "Techniktagebuch" auch darum, dass Elektroautos gefährlich seien, weil Passanten sie nicht hörten, es geht um Einwegkameras und Walkman. Und: Wie heißt bloß das Ding, das dafür sorgt, dass sich Türen leise und langsam schließen? Genau, Türdämpfer. Jede Kleinigkeit ist wichtig.

Manchmal ist der Tonfall der Texte nostalgisch, etwa wenn jemand die Abwesenheit von etwas völlig Unzeitgemäßem wie "Schmierpapier" bedauert. Dann spürt man eine vage Sehnsucht nach jener Zeit, als Eltern noch keine Email-Adressen hatten und Kinder nicht mit Lichtschwertern statt Laternen zum Martinszug kamen. Aber zumeist geht es doch um die Erkundung der Gegenwart; darum, die Vergangenheit verstehen zu lernen, damit man die Zukunft konkretisieren kann. Neugier ist der Antrieb der Autoren, denn aus den technischen Veränderungen der Vergangenheit und Gegenwart entwickelt sich die Zukunft.

Ganz nebenbei lernt man viel über seine Zeitgenossen, und manchmal geben sie einem sogar freundschaftliche Ratschläge. Der Beiträger etwa, der gerade von der Blutspende kommt. Wenn man gefragt werde, aus welchem Arm das Blut entnommen werden soll, möge man nicht auf den rechten tippen, rät er. Er habe das gemacht. Es war also nur noch sein linker Arm einsatzfähig, und der bedauernswerte Kerl konnte in der Zeit, da ihm ein halber Liter abgezapft wurde, sein Smartphone nicht bedienen.

Er ist nämlich Rechtshänder.

Quelle: RP
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