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Recklinghausen
Das Reden des Brian

Recklinghausen. Herbert Fritschs Version der "Apokalypse" des Johannes in Recklinghausen. Von Max Florian Kühlem

Am 21. Dezember 2012 wurde Weltuntergangs-Fanatikern erneut der Wind aus den Segeln genommen: Trotz Ende des Maya-Kalenders ging am nächsten Morgen die Sonne auf. Trost konnten sie in Lars von Triers Meisterwerk "Melancholia" oder der Offenbarung des Johannes finden: Wo Lars von Triers Film endet, setzt Johannes ein. Der Prophet gibt der Apokalypse, dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, eine Sprache und eine Form. Die Theologie hat den bilder- und symbolreichen Text zwar weitgehend entschlüsselt, liest ihn als Trost und Hoffnung für das Martyrium der frühen Christen, die unter dem römischen Imperium litten. Trotzdem bewahrt die Offenbarung ein Geheimnis und eine rätselhafte Anziehungskraft. Mit ihr arbeitet Herbert Fritschs "Apokalypse", die bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen war.

Das Berliner-Volksbühnen-Gewächs Fritsch, der das Genre Regietheater mit seinen waghalsigen Inszenierungen auf eine neue Ebene gehoben hat, bringt den kompletten Text des letzten biblischen Buchs auf die Bühne. Wolfram Koch spricht ihn quasi als Monolog, aber eben doch nicht wirklich, denn "Souffleuse" Elisabeth Zumpe spricht auch und weicht ihm mit ihrer Textmappe keinen Augenblick von der Seite. Wie der biblische Prophet wird der Schauspieler so zum Medium ihrer Botschaft, doch ihr Wispern und Raunen hat eher diabolischen Charakter. Dazu passt, dass Koch zu Beginn dieser fulminanten anderthalb Stunden aus einem dampfenden Loch steigt, in dem er am Ende wieder versinkt.

Koch ist auch das Medium seines Regisseurs, seiner Kostümbildnerin - und nicht zuletzt ist er der zum Darsteller gewordene Mensch mit all seiner Erfahrung auf der Bühne und im Leben. Sie bringt er mit Macht ins Spiel, wenn er die Offenbarung brühwarm weitererzählt. Es steckt etwas von den verwirrten Propheten aus Monty Pythons "Leben des Brian" darin, aber auch der schwarze Zynismus eines Harald Schmidt, eine ironische Distanz, eine Pseudo-Emphase bei den drastischen Passagen - wenn die Städte in einem Erdbeben einstürzen und das Meer zu Blut wird.

Koch nestelt an seinem knallgelben Jackett wie an einer Zwangsjacke, irgendwann steigt er auf in den Schnürboden und kehrt zurück auf einer Show-Treppe, die er schließlich in einer Art hautengem Harlekins-Kostüm betritt. Macht er sich lustig? Darf man mit einem biblischen Text so umspringen? Einige Zuschauer jedenfalls verlassen während der Vorführung den Saal. Koch zeigt auf sie und ruft: "Dies ist die erste Auferstehung!" Für ihn ist diese Treppe ein Weg in den Himmelreich der Bühnenkunst - so viel ist im Unklaren jedenfalls klar.

Quelle: RP
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