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München
Das Schlimmste war die Hilflosigkeit

München. Dirigent Lothar Zagrosek berichtet vom Missbrauch bei den Domspatzen. Von Lothar Schröder

Bis vor kurzem las sich seine künstlerische Laufbahn wie der Weg eines Glückskindes. Und der begann für den berühmten Dirigenten Lothar Zagrosek - der später als Generalmusikdirektor auch in Solingen und Krefeld/Mönchengladbach wirken sollte - bei den Regensburger Domspatzen. Unter Domkapellmeister Theobald Schrems war er Solist und sang als Zwölfjähriger den Ersten Knaben in der "Zauberflöte". Das war 1954 bei Salzburger Festspielen.

Doch das Glück eines Jungen, der seine große Begabung in einem geschützten Raum zu entdecken und entwickeln schien, ist nur ein Märchen gewesen, eine Illusion. Vor einigen Tagen hat sich der 73-Jährige über seinen Anwalt zu Wort gemeldet und eindringlich beschrieben, was er und seine Mitschüler in Regensburg erleben und vor allem erleiden mussten. Die regelmäßigen Züchtigungen etwa, von denen dunkelblaue Striemen auf den Rücken der Jungen fürchterliches Zeugnis ablegten. Und dann berichtet Zagrosek von seinem jüngeren Bruder, wie dieser das Kirchenlied im Gesangsbuch nicht gleich gefunden habe und noch während der heiligen Messe herausgerufen wurde. In der Bibliothek wurde er dann nach dem Bericht Lothar Zagroseks "so geschlagen, dass man eine Putzfrau rufen musste, um das Blut aufzuwischen".

Zagrosek schreibt über den Priester Zeitler, den Internatsdirektor, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde; auch von ungeklärten Selbstmorden früherer Schüler. Und er gibt Einblick ins Seelenleben eines jungen Menschen: "Das Schlimmste aber war die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein und die totale Schutzlosigkeit in einem Alter, in dem man eigentlich Zuwendung braucht. Die Eltern waren weit weg. Nach Hause kam man nur zu Weihnachten, Ostern und in den Sommerferien. Viele hat diese ,Erziehung' gebrochen."

Lothar Zagrosek nicht. In ihm haben dieses Unrecht und diese Peinigung eine "Rebellion" ausgelöst - "gegen jede ungerechte Behandlung und den unbedingten Willen, ein niemals und von niemandem bestimmtes Leben zu führen". Als Dirigent hat er keinen mehr über sich, eine Fremdbestimmung gibt es selten. All dies ist ihm unschätzbar wichtig geworden nach seiner Zeit bei den Regensburger Domspatzen, bei denen vier Jahrzehnte ein System der Angst geherrscht haben soll. Mindestens 231 Misshandlungsfälle soll es gegeben haben - insbesondere in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen.

Wir haben Lothar Zagrosek, der auch in Wien und London, in München, Berlin und Dresden arbeitete und der zweimal zum Dirigenten des Jahres gewählt wurde, um ein Interview gebeten. Er wollte es verständlicherweise bei dem einen Bericht belassen. Seine öffentlichen Worte sind mutig; und sein Glück ist es vielleicht, dass die Täter ihn als jungen Menschen nicht brechen konnten. Zagrosek ist stark genug geblieben, der unglaublichen Misshandlung ein Gesicht zu geben.

Quelle: RP
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