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Daumen runter

Bewertungs-Portale lassen kein Produkt ungeschoren davonkommen. Die öffentliche Lust am Urteil explodiert in unerwartetem Ausmaß. Doch wird nicht nur geschimpft, sondern auch ausgiebig gelobt. So wird das digitale Massenurteil zu einem überraschend getreuen Spiegel der Wirklichkeit. Leider fördert es die Denunziation. Von Wolfram Goertz

Um das Tomaten-Gewächshaus Modell "Napoli" der Firma Ultranatura tobt im Internet eine windige Debatte. Die Rohre, die das Häuschen tragen, seien schon beim ersten Sturm gebrochen, der über den Balkon fegte, moniert ein Benutzer. Ein Leidensgenosse, ebenfalls "verifizierter Käufer", pflichtet bei: Der Kauf von "Napoli" sei "rausgeworfenes Geld". Ein weiterer Kunde glaubt, dass das Häuschen nur für "windstille Bereiche geeignet" sei. Andere Kunden feuern nicht mit Tomaten, sondern beteuern: "Auf meinem Balkon steht es felsenfest."

Was soll man da sagen ? Was tun? Kann man "Napoli" guten Gewissens erwerben oder nicht? In einem Internet-Kaufhaus bekommt es als Schnitt aus 65 Kundenbewertungen 3,4 von fünf Sternen, das ist nicht berauschend, aber auch kein Weltuntergang. Der Preis ist indes günstig (38,44 Euro), da wird keiner ein Fort Knox für Tomaten erwarten. "Napoli" ist - so lernen wir - nicht die erste Wahl, doch für Amateure brauchbar. Vermutlich bin ich der ideale Adressat für "Napoli", leider wohne ich in einem Stadtteil, der zu Recht Windberg heißt.

Die Welt ist voller Portale für Noten, Sterne, Mützen, Gabeln, Punkte. Folglich voller Hymnen und Strafen, Hochrufe und Lästereien, Bravi und Buhs. Seit das Internet an jeder Ecke und unter jedem Klick ein Bewertungs-Portal bereithält, befleißigt sich alle Welt, die Riege der Experten basisdemokratisch zu erweitern und den Elfenbeinturm der Fachrezensenten zu erklimmen. Voilà, 65 Bewertungen für ein kleines Tomaten-Haus sind viel, aber eine Lappalie im Vergleich mit anderen, größeren Geschäftsfeldern. Der neue VW Polo! Das flammneue Hotel "Astoria" in München! Da brummt und zischt das Netz dermaßen, dass es fast vom Netz genommen werden muss. Bei Meinungen zur ebenfalls neuen Imbissbude "Bei Helga" in Lüttringhausen geht es wieder geruhsamer zu.

Jeder, der dort gekauft, gebucht, gelegen, gelöffelt oder getrunken hat, wähnt sich als Fachmann, der seinen Senf ans Würstchen geben muss. Dieser Senf ist gern scharf. Auf Bewertungs-Portalen kommt das in vielen Menschen schlummernde Empörungs-Gen oft brüsk zum Ausbruch. Friedliche Familienväter werden zu Bluthunden, die einem spanischen Hoteldirektor wegen eines angerosteten Stützpfeilers im Kinderparadies digital an die Kehle gehen und Warnungen an alle Welt aussprechen. Ein anderer User widerspricht fünf Minuten später: Natürlich dürfe Rost nicht sein, aber man solle die Kirche im Dorf lassen und begreifen, dass die Witterungsverhältnisse auf einer kanarischen Insel eben sind, wie sie sind - und dass Wind und Wasser die Materie schneller heimsuchen als hierzulande.

Nun, das Internet profiliert sich dadurch, dass es Ausgeruhtheit und Augenmaß willentlich unterdrückt. Wie heißt übrigens die Sturmflut, die Racheengel und Henker im Internet so lebhaft zu entfesseln verstehen? Es ist der Shitstorm.

Man könnte denken, dass auf diesen Portalen zufriedene Kunden, die für ihr Geld die in ihren Augen geldwerte Leistung bekommen haben, ihr Urteil träge für sich behalten. Niemanden müssen sie warnen, niemandem ihren Zorn verabreichen. Das Gegenteil ist der Fall. Auch die Glücklichen jubeln öffentlich, und zwar unerwartet offenherzig. "Absolut wunderbar, dieses Tomaten-Häuschen", heißt es über "Napoli" anderswo. Noch kürzer ein anderer Rezensent: "Hammer!" Wir hoffen, dass er damit die Qualität des Häuschens meint und nicht das Instrument, mit dem er "Napoli" voller Zorn zu Grund und Boden getrümmert hat.

Wie flächendeckend übrigens die Regeln zu Orthografie, Grammatik und Interpunktion einer Sprache in Gebrauch sind, ist nirgendwo so gläsern abzulesen wie im Internet. Ja, wenn der Mensch zum Kritikus wird: "Von disem Tomahtenhäuschen, das wir letze Woche gekaufd haben wrüde ich apraten."

Dass dies alles so ist und unzensiert erlaubt ist, hat mit der Schnelligkeit der Zugriffsmöglichkeit im Netz zu tun. Erinnert sich jemand an die gammeligen Hotelbewertungsformulare, die von 1000 Fingern, an denen noch Olivenöl und Frittenfett klebte, eben nicht ausgefüllt wurden? Und die auch wir auf dem Tisch liegen ließen? Klar, diese Blättchen mit den Smileys sind Legende, aber niemand hat sie gemocht und für nützlich befunden, denn die mickrigen drei Zeilen für Bemerkungen reichten beileibe nicht aus für das, was man zu sagen hatte.

Daheim dagegen, bei ausgeruhter Betrachtung unserer Urlaubsfotos, keimt oft der Wunsch, in die Tasten zu greifen und eine Meinung zu geigen - gern ausführlich. Und wer sich einmal in Wut geredet hat, der kühlt so schnell nicht ab. Viel schneller und direkter, aber auch unverbindlicher ist die "Like"- oder "Dislike"-Offerte in sozialen Netzwerken. Da geht die Nachhaltigkeit gegen Null: Sie ist nicht mehr als ein flüchtiges Nicken oder Kopfschütteln, das gleich wieder vergessen ist. Bewertungs-Portale dagegen sind Foren, in denen es den Beiträgern um Relevanz geht - und um Volksbelehrung. Alle sollen ihr Urteil lesen, alle sollen davon profitieren, alle sollen gewarnt oder positiv entzündet werden.

Was bringen Bewertungs-Portale dem Veranstalter? Stefan Suska, Pressesprecher von Alltours-Reisen, berichtet, dass die Hoteldirektoren der "allsun"-Vertragshotels von sich aus darauf achten, dass sie alle Bewertungen im Internet lesen und tunlichst beantworten, auch die unangenehmen. "Diese Bewertungen sind für uns jedenfalls ein sehr guter Gradmesser, wenn etwas aus dem Ruder läuft", berichtet Suska. Andere Veranstalter sehen es ähnlich.

Tatsächlich ist das Internet auch auf Bewertungs-Portalen dem wirklichen Leben überraschend nahe. Ich fliege regelmäßig nach Fuerteventura, immer in dasselbe Hotel, da bin ich eindimensional - und so geht es offenbar vielen Bewertern bei "Holidaycheck". Dort lesen wir von einer gewissen Ingrid: "Ich fahre schon seit Jahren ins Paraiso Playa - immer top!" Andere mosern, dass das Restaurant einer Kantine ähnele und die Zimmer abgewohnt seien. Andere preisen den "traumhaften Strand". Bei "Holidaycheck" bekommt das Haus 4,7 von sechs Punkten und eine "Weiterempfehlungsrate" von 81 Prozent. Das trifft es gut, ich kann es beurteilen.

Der Schwachpunkt des ganzen Systems ist, dass nicht immer zweifelsfrei zu belegen ist, ob der Rezensent die Sache, die er lobt oder tadelt, auch wahrhaftig in Augenschein genommen hat. Wer ein Geschäft gegründet, eine Arztpraxis oder ein Restaurant eröffnet, der kann sich mit zehn gedungenen Freunden locker "zehn von zehn Punkten" spendieren, ohne dass irgendeinem der Leutchen jemals etwas verkauft, der Puls gemessen oder der Löffel gereicht wurde. Beängstigender ist die Tatsache, dass Bewertungs-Portale dem Typus des Heckenschützen die Möglichkeit geben, straffrei die Geschäftsschädigung etwa eines örtlichen Konkurrenten zu betreiben.

Diese geschützte, kaum je enttarnte Anonymität ist der Köder der Bewertungs-Portale (wie überhaupt des Internets). Wären die Rezensenten gezwungen, sich kenntlich zu machen und die Hecke, hinter der sie stecken, zu verlassen, würde das System von jetzt auf gleich kollabieren. Dies ist der wahre Haken an der Sache mit diesen Portalen: Sie räumen die Möglichkeit der Denunziation ein, die Verleumder unaufspürbar im Schatten verweilen lässt. Gewiss wähnt sich manche Netz-Posaune als weltwichtiger Wohltäter oder als weise Kassandra. Alle sollten sich indes eingestehen, dass ihre öffentliche Sprechmöglichkeit durch Tarnung erkauft ist.

Die Masse im römischen Kolosseum war eine Masse, aber sie bestand aus einzelnen Gesichtern. Das Internet ist gesichtslos, und einige Bewohner verwechseln Aggressivität mit Courage. Sie trauen sich nicht vor ihr Opfer, sie erlegen es hinterrücks. Beim Uni-Portal "MeinProf" mag man das verstehen, denn der von seinen Studenten Getadelte könnte im Examen ihr Prüfer sein. Anderswo ist die Vollverschleierung des Netzes unverständlich. Sie ist Makel und Magnet zugleich. Vor allem ist sie ein Ausdruck gesellschaftlich tolerierter Feigheit.

Lieben wir, hassen wir? Liken wir, disliken wir? Daumen rauf, Daumen runter? Wir lassen es die Welt wissen, auch wenn sie nicht darauf gewartet hat. Was übrigens diese archaische Geste der Moderne anlangt, sollten wir erst einmal umlernen. Schriften aus dem alten Rom belegen, dass der hochgestreckte Daumen zu Neros Zeiten mitnichten das Überleben, sondern den Tod bedeutete; der aufgerichtete Finger stand für das tödlich gereckte Schwert. Wollte das Volk jemanden begnadigen, zeigte der Daumen in die Tiefe - und das Schwert fuhr friedlich in die Scheide.

Quelle: RP
 
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