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Hümmel
Der Bestseller-Förster

Hümmel. Peter Wohlleben erklärt uns das vielfältige Seelenleben der Tiere und hat damit schon wieder ein Erfolgsbuch geschrieben. Von Lothar Schröder

Seinen Ausgang nimmt dieser neue Bestseller im Garten von Förster Peter Wohlleben. Und es beginnt mit einem Eichhörnchen, das an einem heißen Sommertag 1996 über den Rasen in Richtung Planschbecken hoppelt und nach wenigen Schritten auf die Seite fällt. Das Tier ist nicht krank, sondern fürsorglich und liebend. Ein Jungtier umklammerte nämlich den Hals seiner Mutter, die dadurch kaum noch Puste hat und immer wieder erschöpft pausiert. Was dieses Tier einzig vorantreibt, ist aufopferungsvolle Mutterliebe.

Das ist nur eine kleine Beobachtung. Viele von uns würden sie allenfalls verbuchen unter "schönes Ferienerlebnis". Peter Wohlleben aber hat die Episode aus dem Garten auf eine Fährte gesetzt - auf das "Seelenleben der Tiere". Und wie das so ist, wenn man einmal mit dem Suchen begonnen hat, dann wird man bald auch fündig. Daraus ist jetzt ein Buch geworden: 240 Seiten voller tierischer Liebe und Trauer, Humor und Mitgefühl - und zudem ein Bestseller, der die einschlägigen Hitlisten seit einem Monat anführt und Autoren wie den Dalai Lama, Thilo Sarrazin und Benjamin von Stuckrad-Barre hinter sich lässt. 90.000 verkaufte Exemplare sind erstaunlich und wahrscheinlich erst der Anfang. Weil nämlich Wohllebens Vorgängerbuch aus dem vergangenen Jahr phänomenale 27 Wochen unsere Bestsellerlisten anführte und seine Übersetzungsrechte in 25 Länder verkauft wurden. Ganz schön viel Holz, das demnächst für die Produktion weltweit gefällt werden muss.

Auch wenn Zynismus fehl am Platze ist, drängt sich doch die Frage auf, warum die Deutschen erst jüngst das Schreddern lebender Küken sanktionierten und Wohllebens Einblicke in die weite Glücks- und Leidensfähigkeit der Tiere dann von Herzen lieben. Bloß eine Alibi-Lektüre? Oder der Wunsch nach Romantisierung? Wohlleben sagt dazu kein Wort, weil das nicht seine Art ist. "Wir sind schon von so vielen Regeln umgeben, da will ich - etwa zum Umgang mit Tieren - keine weiteren hinzufügen. Ich möchte nicht moralisieren und als Autor den Zeigefinger heben."

Vielleicht liegt auch darin ein Erfolg des Buches. Wohlleben belehrt nicht und erzieht nicht, er erzählt Geschichten. Und dass es meist seine Geschichten sind, macht ihn glaubwürdig. Eigentlich ist sein ganzes Buch ein einziger Spaziergang durch die Natur mit ihm als Förster.

Und so staunen wir über Krähen, die aus Spaß an der Freud Dächer runterrutschen, erleben die Familienhündin Maxi, die gerade noch in der Küche eine Schüssel voller Knödel verdrückte und nun eine unglaubliche Unschuldsmiene auflegt. Keine "biologische Fressmaschine" schaut uns da an, schreibt Wohlleben, sondern ein Schlitzohr. Und so geht es munter weiter mit Geschichten von Raben, die offenbar zu echter Liebe fähig sind, Eichhörnchen, die die Namen ihrer Verwandten kennen, und schließlich Goldfischen, denen das Hormon für Mutterliebe nachgewiesen werden kann.

So etwas ist manchen dann doch etwas zu viel. Wohlleben, so heißt es, vermenschliche nur die Tiere. Solche Analogien seien unwissenschaftlich, auf jeden Fall träumerisch, wenn nicht gar esoterisch. "Ich sehe das eher umgekehrt", sagt uns Wohlleben, "dass nämlich der Mensch wieder zurück ins Glied einsortiert wird und da landet, wo er streng genommen auch hingehört - ins Tierreich." Streng biologisch betrachtet sei der Mensch ohnehin ein Tier. Peter Wohlleben ist unaufgeregt, hat nichts Missionarisches an sich.

Das ist seine Stärke und macht ihn weniger angreifbar. Auch mit persönlichen Bekenntnissen wie diesen: "Die Sichtweise, Tiere als eine Art Bioroboter zu begreifen, fand ich immer schon merkwürdig." Oder: "Ich konnte mir nie vorstellen, dass Tiere einfach nur dumpf und blöde vor sich hinleben." Für ihn steht fest, dass Tiere, die ihren Instinkten folgen, auch zwangsläufig fühlen können. Eine Rechnung, die nicht gleich deshalb falsch sein muss, nur weil sie einfach ist.

Peter Wohlleben ist ein bisschen deutscher Rebell des Waldes. Als Gymnasiast las er den Bericht des "Club of Rome" und beschloss, der Natur zu helfen. Als Beamter der Forstverwaltung erkannte er, wie die Natur ausgebeutet wird. Jetzt, als Förster der kleinen Eifelgemeinde Hümmel, geht er schonend mit dem Wald um; verzichtet auf Pflanzenschutzmittel und bringt Pferde zum Einsatz. Ein Leben fast in der Natur und sehr nah bei den Tieren.

Auch bei Fridolin, seinem Hahn. Der hat nur zwei Hennen, Lotta und Polly, und muss diese für seine ständigen Paarungsattacken überlisten. Mit einem Lockruf, der eigentlich leckerem Essen vorbehalten ist. Ein erfolgreicher Trick. Anfangs jedenfalls. Bis die beiden Damen misstrauisch wurden und jetzt - wie Wohlleben beobachtete - selbst bei echten Futterfunden auffallend zurückhaltend sind.

Auch Hühner haben Seelen.

Quelle: RP
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