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Wien
Der Einspringer

Wien. Manche Musikerkarriere beginnt mit Nothilfe, wenn ein Dirigent erkrankt - wie jetzt bei den Wiener Symphonikern in Düsseldorf. Von Wolfram Goertz

Das Handy des unbekannten Dirigenten klingelt. "Grüß Gott, hier sind die Wiener Symphoniker. Was machen Sie am 26. Januar abends? Und was an den Abenden danach?"

Adrien Perruchon traf dieser Anruf, der ihn nach Düsseldorf einlud, in Paris. Dort ist der Paukist beim Orchester von Radio France schon für den berühmten Myung-Whun Chung eingesprungen - als Dirigent! Abgebrühtheit merkt sich die Fachwelt. Jetzt hat er den Düsseldorfer Gastauftritt der Wiener Symphoniker in der Tonhalle gerettet. Im Lebenslauf des gallischen Nothelfers ist bald zu lesen: "Perruchon, der für seine sensationellen Debüts als Einspringer in Paris und Düsseldorf gefeiert wurde . . ."

Die Musikgeschichte ist voll von Einspringern, die ihre Karriere mit solchen Rettungsmaßnahmen beflügelten. Leonard Bernstein wurde zur Legende, als er 1943 in New York bei einem Live-Radiokonzert für den kranken Bruno Walter ein- und ans Pult sprang. Der junge Dirigent muss damals für unauslöschliche Eindrücke gesorgt haben. Es war die Geburtsstunde vom Mythos Lennie.

Ähnlich lief's bei Andris Nelsons, dem famosen Chef des Boston Symphony Orchestra. Der war 23-jähriger Trompeter beim Lettischen Nationalorchester in Riga, als er in der Not eine Opernaufführung am Dirigentenpult übernahm. Es war wohl so grandios, dass man ihn alsbald an die Spitze des Orchesters bat. In Boston holte man ihn auch deshalb, weil er ohne Probe vom erkrankten James Levine ein Konzert mit Mahlers Neunter übernommen hatte.

Oder die Sopranistin Leonie Rysanek, die 1959 für die indisponierte Maria Callas an der Metropolitan Oper einsprang - mit furiosem Erfolg. Oder Astrid Varnay dort 1941 für Lotte Lehmann. Oder Hermann Becht, Bariton der Rheinoper, der 1979 die Gunst der Stunde ergriff und für den verstorbenen Zoltán Kélemen als Alberich im Bayreuther Chéreau-"Ring" einstieg.

Einspringer bleiben in bester Erinnerung, weil sie helfen, ohne dazu verpflichtet zu sein. Sie umgibt der Glanz der Selbstlosigkeit, der gehobenen Kollegialität, auch des Mutes, sich das Risiko eines Live-Auftritts ohne vorherige Probe anzutun. Andererseits kann der Einspringer nichts verlieren. Er bekommt einen riesigen Bonus und ist von jeglicher Verantwortung suspendiert. Er ähnelt dem Augenarzt, der auf dem Lanzarote-Flug einen Herzinfarkt versorgt: Haftung ausgeschlossen. Die Frage, ob zufällig ein Dirigent an Bord ist, wird im Musikleben auch aus anderen Gründen gern mit Ja beantwortet: Zu den einträglichen Vorteilen des Einspringers zählt der lange Hebel bei Honorarverhandlungen.

Jedenfalls ist der Vorgang weithin bekannt, dass der Intendant vor den Vorhang tritt, "eine gute und eine schlechte Nachricht" ankündigt und die Sopranistin wegen einer Kehlkopf-Entzündung entschuldigt. "Es ist uns aber gelungen", so der Intendant weiter, "eine Sängerin einzufliegen, die die schwierige Partie perfekt beherrscht . . ." Jubel!

Und Perruchon? Der hatte am Dienstag genau 45 Minuten, das Orchester vor dem Konzert erstmals zu beschnuppern. Gebucht hatte man ihn wenige Tage vorher. Auf die Frage, ob er die Werke des Abends kenne, wird er wohl professionell geschummelt haben. Dvořaks Violinkonzert und dessen "Karneval"-Ouvertüre kennt nicht zwingend einer, der ansonsten paukt. Beide Stücke lassen sich aber fix lernen. Schumanns Zweite ist Allgemeingut.

Die Aufführung in der Tonhalle verlief sozusagen ohne besondere Vorkommnisse. Perruchon ist ein sympathischer, leicht watschelnder Typ, der noch nicht weiß, wohin mit dem langen Leib und wozu die linke Hand da ist. Der Abend fand sozusagen unter seiner gütigen Begleitung statt; seinen Willen, seine Ideen, seine Vorstellungen von den Werken zwang Perruchon ihm nicht auf.

Vielleicht war die Zurückhaltung aus Klugheit geboren. Er wird auch die restlichen Tourneeabende des Wieners Orchesters dirigieren (heute in Essen, am Sonntag in Köln). Vielleicht hat er sich in Düsseldorf dezent orientiert, wie die Wiener musizieren, und vorerst nur die Einsätze gegeben. Kann sein, dass er erst heute in Essen den Deutungszampano herauskehrt, der aus einem Allegro ein Presto macht oder eine zarte Kantilene wild blühen lässt. Die Musiker schienen indes zufrieden mit Perruchon, der ihnen den Ruhm nicht wegfischte und dabei unauffällig die Noten studierte. Die Schumann-Symphonie hätte gewiss auch ohne ihn funktioniert. Die Bedeutung von Dirigenten wird ja gelegentlich überschätzt.

Perruchon ist kein Melodiker, er lauscht Holzbläser-Passagen unbeeindruckt, statt sich ihrer anzunehmen. Er ist auch kein Dirigent, der den Klang der nächsten Takte "antizipiert", wie es so schön heißt. Perruchon dirigiert nicht das Werden von Musik, sondern ihr Sein. Aber als Rhythmiker ist er sehr gut. Und die Art, in der er der prachtvollen Geigerin Hilary Hahn assistierte, die den Solopart im Dvořák-Konzert spielte, war uneitel und hellwach.

Vorschlag: Wir gucken uns Perruchon in ein, zwei Jahren an. Ob er dann ein Bernstein ist, ein Nelsons? Ob er an Charisma gewinnt oder ein Taktierer bleibt? Gute Handwerker auf dem Dirigentenpult sind nicht zu verachten. Doch mancher Einspringer bleibt eine Eintagsfliege.

Quelle: RP
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