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Der Heldenmacher

Machen wir uns nichts vor: Der Dichter Miguel de Cervantes wäre 400 Jahre nach seinem Tod eine Sache staubiger Archive, wäre da nicht ein anderer, alter Mann, der zwar hager und klapprig ist, der aber in den Köpfen der Leser bis heute rumspukt: der edle Don Quijote aus der La Mancha. Von Lothar Schröder

Der Lanzenträger bleibt allein deshalb unschlagbar modern, weil er der Ahnherr aller Leser ist. Schließlich ist er in der Weltliteratur die erste Figur, die - geradezu postmodern - durch Lektüre zum Romanhelden wird. Denn weit vor allen Windmühlen-Abenteuern steht bei ihm das Abenteuer der Bücher. So heißt es bei Cervantes, Don Quijote habe sich in seinem Lesen so sehr verstrickt, "dass er die Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die Tage, sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam es vom wenigen Schlafen und vielen Lesen, dass sein Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor."

Damit beginnt alles: Don Quijote aus der La Mancha liest alte Ritterbücher und glaubt irgendwann tatsächlich, selbst Ritter werden und Heldentaten bestehen zu müssen. Das Dumme daran ist allerdings: Die Welt solcher heroischer Figuren ist auch zu seiner Zeit bereits ein Stück aus der Mottenkiste der Geschichte. Das macht unseren dürren Helden auf seinem kaum besser genährten Pferd zu einer ziemlich tragischen, aber auch ehrenhaften Figur.

Das Wappen von Don Quijote ist das "Erbarmen", hat der russische Erzähler Vladimir Nabokov einmal geschrieben, und "sein Feldzeichen die Schönheit. Er steht für alles, was edel ist und hilflos, rein, selbstlos und ritterlich."

Bloß die Welt hat sich verändert, hat das Mittelalter abgehakt und sich in die vielversprechende Neuzeit aufgemacht. Don Quijote aber fühlt sich noch wahrhaft berufen, die Welt besser, gerechter, freier zu machen; wie einst die fahrenden Ritter. Und natürlich steht er damit auf verlorenem Posten. Doch das Gelächter derjenigen, die ihn zum Narren machen wollen, ist das Geschrei der wirklich Törichten. Der Figur des Ritters Don Quijote wohnt nämlich ein utopisches Denken inne, wie es Ernst Bloch nannte. In der Traumwelt unseres Ritters bleibt ein großer Wunsch sichtbar: die Wirklichkeit zu überschreiten und eine andere zu denken und zu leben.

Don Quijote ist aber alles andere als ein Tölpel und weit weniger ein Verlierer, als er manchmal in miserablen Verfilmungen zu sehen ist. Vladimir Nabokov hat sich sogar einmal die Mühe gemacht, alle Don-Quijote-Zweikämpfe nach Sieg und Niederlage zu sortieren. Endstand: Unentschieden 20 zu 20. Wenigstens das.

Wobei Nabokov allerdings seinen Lieblingszweikampf nicht hinzugerechnet hat. Denn zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Don Quijote war 1614 eine gefälschte Fortsetzung des Romans erschienen - mit einem falschen Don Quijote. Alonso Fernández de Avellaneda hieß das Pseudonym des Schreiberlings. Warum sollte der falsche nicht gegen den richtigen Don Quijote kämpfen?, fragt sich Nabokov. Und dann: Wer sollte gewinnen? Der wahre Don Quijote natürlich - rufen darauf alle Gerechten dieser Welt.

Von wegen! Natürlich muss der Falsche obsiegen, erwidert ihnen Nabokov. Das verlangt die Moderne; es ist vielleicht sogar ihr trauriges Signum: Weil im wahren Leben "der Hochstapler stets das wahre Verdienst aus dem Sattel wirft", schreibt er.

Modern ist der Schriftsteller Miguel de Cervantes bis zu seinem letzten Atemzug geblieben. Noch auf dem Sterbebett arbeitet der Autor an seinem "Persiles"-Roman. Eine Geschichte von Bootsflüchtlingen und Asylsuchenden, von Schiffbrüchen und Strandungen. Die irdischen Verhältnisse sind fragil geworden; ein sicherer Hafen ist nicht in Sicht.

Auch das ist der Eintritt in die europäische Neuzeit - vor 400 Jahren geschrieben und gespenstisch aktuell.

Quelle: RP
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