| 08.19 Uhr

Düsseldorf
Der König der Beats

Düsseldorf. Timbaland ist einer der erfolgreichsten Musikproduzenten der Welt. Nun legt der 43-Jährige eine unterhaltsame Autobiografie vor. Von Philipp Holstein

Wer diese Autobiografie gelesen hat, wird seinem Kind möglicherweise bald erlauben, mit dem Kochlöffel auf Töpfen herumzuschlagen - vielleicht wird er es dazu sogar nachdrücklich ermuntern. Mit Trommeln in der Küche fing das bei Timbaland nämlich auch an. Heute verkauft der Mann hauptberuflich Beats, er designt den Rhythmus der Lieder von Madonna, Justin Timberlake und One Republic, und er verdient bis zu 21 Millionen Dollar pro Jahr.

Timothy Zachary Mosley, genannt Timbaland, gehört mit Jay Z, Dr. Dre und P. Diddy zu den erfolgreichsten Produzenten schwarzer Popmusik; man könnte sagen, dass er den Klang der Gegenwart entwirft. Angemessen selbstbewusst hat er denn auch seine soeben in den USA erschienene Autobiografie betitelt: "Emperor of Sound".

Der "Herrscher des Sounds" wuchs in armen Verhältnissen auf, es ist die alte, aber immergrüne Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird. Elemente dieser Lebensgeschichte liegen dem Drehbuch der TV-Serie "Empire" zugrunde, die gerade in der zweiten Staffel vom Aufstieg eines Kleinkriminellen zum Rapper und schließlich zum Plattenboss erzählt. Timbaland fungiert als Berater und schrieb den Soundtrack.

Das Leben des 43-Jährigen beginnt in Norfolk, Virginia. Timbaland wächst in einer Sozialsiedlung mit dem Namen "Robin Hood" auf, und eines der ersten Geräusche, an das er sich erinnert, ist das Summen der Kakerlaken in der elterlichen Küche. Samstags legt sein Vater Prince und Rick James auf, Funk und Soul also, dazu tanzt die Familie, und mit drei Jahren bekommt Timbaland einen Spielzeug-Plattenspieler von Fisher Price. Sein Jugendfreund ist Pharrell Williams, der später als Produzent und Sänger des Songs "Happy" zu Weltruhm kommt, und beide nehmen so viel Geld mit Plattenauflegen bei Partys ein, dass sie nicht wie die Kumpels mit Drogen dealen müssen.

Das Buch ist eine Art "Dichtung & Wahrheit" der HipHop-Szene, sehr amüsant zu lesen, sogar wenn nur die Hälfte von der Heldensaga wirklich passiert sein sollte. Einmal wird Timbaland bei einem Aushilfsjob angeschossen, er spürt seinen Arm nicht mehr, und vom Schmerzensgeld kauft er sich das Keyboard, das er heute noch benutzt. Nach sieben Monaten kehrt das Gefühl im Arm zurück. Ein Selfmade-Millionär mit Street Credibility.

Man lernt viel über jene Branche, die die mächtigste Jugendkultur der vergangenen 30 Jahre füttert: HipHop. Timbaland wird jahrelang von DeVante Swing ausgenutzt, den hierzulande niemand mehr kennt, der in den 90ern mit seiner Band Jodeci aber Hit an Hit landet. Timbaland baut ihm die Beats, doch er sieht kaum Geld dafür, und als er sich schließlich befreit, kommt der Erfolg: Timbaland produziert "Pony" von Ginuwine, ein Lied, das das Genre R 'n' B in seiner heutigen Form definiert. Er macht Missy Elliott und die früh verstorbene Aaliyah zu Stars und richtet die Mega-Alben von Nelly Furtado und Justin Timberlake ein. Am Ende des Buchs gießt Timbaland seine Erfahrungen in Regeln: "Erkenne Deine Talente und baue sie aus", lautet eine, "rede nicht, hör lieber zu" eine andere.

Das Geld fließt in Strömen, Timbaland kauft seinen Eltern ein Haus, sich auch und acht Autos dazu, von Ferrari bis Porsche. Seine Mutter ermahnt ihn, er möge auf dem Boden bleiben, deshalb will er sich den panzerartigen Cadillac Escalade für den Alltagsgebrauch kaufen; ein solider und unprätentiöser SUV, wie er meint. Im Autohaus spielt eine der bemerkenswertesten Szenen des Buchs. Timbaland bittet um eine Probefahrt, doch die weiße Verkäuferin sieht sich den Kerl an, der da in Kapuzenjacke vor ihr steht, und sie sagt: Nein. Der Juniorchef kommt hinzu und klärt auf, wer dieser ungewöhnliche Kunde ist. Zu spät: Timbaland rät ihm, die Frau rauszuwerfen, er zeigt die 100.000 Dollar, die er in bar in der Tasche hat. Und er geht, ohne etwas zu kaufen.

Erhellend ist dieser selbstgewisse, aber nicht unsympathische Bildungsroman auch in Hinblick auf die Zusammenarbeit von Produzent und Interpret. Timbaland macht tatsächlich kaum mehr, als Beats zu fertigen. Wenn ein Künstler ihn anfragt, zeigt Timbaland sein Portfolio an Rhythmen vor, und davon sucht sich der Künstler dann etwas aus. Superstars lassen oft jedes Stück ihrer Alben von einem anderen Produzenten gestalten; Beats sind dabei die Währung, und Timbaland hat die besten. Sie liegen leicht neben der Spur, man erkennt seine Produktionen sofort, und das Geheimnis seines Trademark-Sounds ist dieses: Timbaland legt Vinyl-Platten in die Sonne, davon werden sie wellig, und den eiernden, verschleppten Klang nimmt er auf und entwickelt ihn weiter.

Die meisten Künstler, mit denen er arbeite, könnten weder Noten lesen, noch ein Instrument spielen, schreibt er. Das sei aber egal, denn es gehe in seiner Branche nicht um Talent, sondern um Atmosphäre und klare Ansagen. Die Sängerin Björk hat ihm tagelang ihre Träume erzählt, bis die beiden den richtigen Rhythmus für sie fanden. Jay Z sagte nach zehn Anläufen: "Ganz nett, aber jetzt pack die guten Beats aus, Mann! Die Geheim-Beats." Und Madonna beschrieb kühl und präzise, was ihr vorschwebte; danach ließ sie ihn alleine werkeln - sie habe Besseres zu tun.

Am Ende rät Timbaland, man solle immer seine Schulden bezahlen, sich aber nie ausnutzen lassen. "Frag nie, ob du etwas machen kannst, sondern wann", sagt er. Und: "Falls dir etwas nicht gleich gelingt, versuch es wieder. Try Again."

Will man sich gern dran halten.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Der König der Beats


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.