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Krefeld
Der Kollaps des Planeten als Thema der Kunst

Krefeld. Die Krefelder Museen Haus Lange und Haus Esters zeigen eine intelligente Schau über die Natur. Von Alexandra Wach

Welche Kräfte verbirgt ein Schwamm hinter seiner Form? Zuallererst ist er nicht das, was er zu sein vorgibt. Jens Risch hat für sein erstes Seidenstück vier Jahre gebraucht. Das seltsame Ding in der Glasvitrine ist nämlich eine Fleißarbeit. Der Berliner reiht Knoten an Knoten und verkürzt so die am Anfang kilometerlange Seidenschnur in mehreren Durchgängen so lange, bis kein weiterer Knoten mehr dran passt. Der Zwirn komprimiert sich zu einem korallenartigen Gebilde mit grauer Tönung, die von dem Körperfett des Fadenbezwingers stammt. Ohne Frage eine seismographische Spinnerei nah am Puls einer heillos verworrenen Welt, der nur noch durch das Ritual beizukommen ist.

Wissenschaftler aller Couleur kreisen längst um das Anthropozän, eine Epochenbezeichnung, in deren Mittelpunkt der in das Ökosystem eingreifende Mensch steht. Kein Wunder also, dass auch der Ausstellungsbetrieb ins gefährdete Erdinnere schaut. Die Museen Haus Esters und Haus Lange möchten in ihrer Schau "Die Kräfte hinter den Formen" nur ungern ins Metaphysische abgleiten. Der Titel stammt vom dänischen Maler und Bildhauer Per Kirkeby. Der war im Hauptberuf Geologe. Weswegen es der Kuratorin Magdalena Holzhey vielmehr um die Prozesse in der Natur geht, die bereits vor dem Menschen-Zeitalter im Gang waren, oder heute gerade Künstler zur Nachahmung von Phänomenen wie Wachstum oder Elektrizität inspirieren.

Giuseppe Penone wählt als Vertreter der Arte Povera zwei Marmorbrocken, um sich der Natur dann doch möglichst raffiniert zu bemächtigen. Die Zwillinge empfangen den Besucher gleich am Eingang mit der Botschaft "Essere fiume", also "Fluss sein". Der formenden Kraft des Wassers konnte der eine Findling aus einem Bachbett nicht widerstehen. Den aus dem Steinbruch kommenden Klotz gestaltete Penone zum vermeintlich "ungeformten" Doppelgänger und schlüpfte nebenbei augenzwinkernd in die Rolle des Schöpfers.

Ilana Halperin aus New York verschlägt es immer wieder an besondere Orte der geologischen Produktion. Wenn sie nicht gerade Körpersteine in Bezug zu Vulkanen setzt, die mit dem Ausspeien von Lava neues Terrain errichten, entdeckt sie in einer Tropfsteinhöhle in der Auvergne, dass unser Zeitempfinden nicht zwingend dem der dortigen Kalksteinquellen entspricht. In den Höhlen lässt sich Kalk auf vorgefertigten Kautschukmodellen im "rasenden" Tempo von vier Monaten nieder. In herkömmlichen Tropfsteinhöhlen braucht es hundert Jahre, um einen Zentimeter einer Plastik zu erzeugen.

Natürlich kommt der drohende Kollaps des Planeten nicht zu kurz. Julian Charrière lässt in seiner beklemmenden Meteoritenlandschaft "Metamorphism" Elektroschrott mit Lavasand verschmelzen. Gegen den Klimawandel kämpft er erst gar nicht an. Im Gegenteil. Eine Foto-Dokumentation zeigt ihn auf einem Eisberg mit einem Schweißbrenner in der Hand. Und Katie Paterson lässt aus Gletschereis geformte Schallplatten abspielen. Eine intelligent ausbalancierte Themenschau, die laut genug Alarm schlägt, aber auch genug Raum für wissenshungrige Naturromantiker lässt.

Info "Die Kräfte hinter den Formen. Erdgeschichte, Materie, Prozess in der zeitgenössischen Kunst"; Museen Haus Lange und Haus Esters, Wilhelmshofallee 91-97, Krefeld; bis 31. Juli; Di.-So. 11-17 Uhr

Quelle: RP
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