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Hamburg
Der malende Reporter Manet

Hamburg. Die Hamburger Kunsthalle krönt ihre Wiedereröffnung mit einer furiosen Ausstellung. Das Museum zeigt Werke des Malers Édouard Manet. Das Ausstellungshaus am Hamburger Hauptbahnhof wurde für 22 Millionen Euro umgebaut. Von Bertram Müller

Die Manet-Ausstellung war noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, da bildete sich vor der Hamburger Kunsthalle schon eine Menschenschlange. Bei freiem Eintritt, gültig bis Ende Mai, nahmen das Bildungsbürgertum und viel junges Volk nach anderthalb Jahren ihr für 22 Millionen Euro umgebautes Museum wieder in Besitz. Erstmals ist nun ein Rundgang vom Mittelalter über die Alten Meister bis zur Gegenwartskunst möglich. Die jüngst eröffnete Manet-Schau krönt jetzt die Eröffnungswochen.

Mut gehört dazu, fünf Jahre nach der weltweit beachteten Manet-Retrospektive des Pariser Musée d'Orsay den Maler der Skandale noch einmal zu feiern, diesmal ohne die vielzitierten Hauptwerke "Olympia" und "Frühstück im Grünen". Doch jede Ausstellung führt der Kunst wieder neue Bewunderer zu, und so ist auch "Manet sehen" in Hamburg ein Gewinn.

Das "Frühstück im Grünen", die seinerzeit als anstößig empfundene Darstellung einer nackten Frau inmitten zweier dandyhaft gekleideter Männer, und "Olympia", die im Bett posierende Nackte, die ganz ungöttlich als Model in Erscheinung tritt - beide Werke sind heimlich auch in Hamburg präsent. In einem Porträt rückt Manet (1832-1883) sein Modell Victorine Meurent ins Bild, seine Olympia und zugleich seine Dame im Grünen. Zudem ruft eine kleine Radierung den Besuchern die Olympia-Szene ins Gedächtnis.

Und dann gibt es diese großartige Parade von Bildern, die Manet als den "ersten Ausstellungskünstler" vorführen; als Maler in einem Zeitalter, in dem die Kunst vor allem über den Pariser Salon in die Öffentlichkeit gelangte. Auch Manet war dabei, doch häufiger noch war er nicht dabei, denn viele seiner Motive galten als unschicklich. Allein schon die Tatsache, dass seine weiblichen Modelle die Bildbetrachter meist unmittelbar anschauen, erregte Anstoß.

Man blicke in Hamburg nur einmal Nana in die Augen, einer jungen Frau, die sich in Gegenwart eines elegant gekleideten Herrn vor einem Frisierspiegel zurechtmacht, wobei die Beziehung beider Personen zueinander im Unklaren bleibt.

Manet erntete für seine Bilder viel Häme nicht nur moralisierender, sondern auch technischer Art. Bis zu einem gewissen Grad mag man die Kritiker verstehen, wenn man etwa den klobigen Fuß der Prostituierten Nana betrachtet. Manet war ein malender Reporter, einer, dem es darum ging, ein neues Lebensgefühl auszudrücken. Die Sorgfalt blieb hinter seinen Vorbildern Velázquez und Goya oft zurück.

Zu den Glanzstücken der Schau zählen der bewegte "Maskenball in der Oper", eine Leihgabe der National Gallery of Art in Washington, "Philosoph (Bettler im Wintermantel)" aus dem Art Institute of Chicago und "Das Frühstück im Atelier" aus den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München. Gegen Ende ufert die Schau ein wenig aus, doch im Kern zeugt sie mit packenden Bildern davon, wie die Metropole Paris seit den 1860er Jahren ihr Gesicht und zugleich die Sichtweise der Kunstbetrachter veränderte.

Manet, der malende Flaneur, starb 1883 an den Folgen einer Syphilis-Erkrankung. Richtig berühmt wurde er erst, als er schon tot war.

Quelle: RP
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