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"Der Revisor"
Vorhang auf im D'haus

"Der Revisor": Vorhang auf im D'haus
Szene aus "Der Revisor" FOTO: Horn
Düsseldorf. Mit drei Premieren am Wochenende hat Wilfried Schulz den Beginn seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus fortgesetzt. Im Zentrum stand Gogols "Der Revisor" in der Inszenierung von Linus Tunström. Von Annette Bosetti

Geld regiert die Welt. Bundespräsidenten, Fußballkaiser und politische Parteien sind verwickelt in Affären, bei denen es um Bestechlichkeit – oder anders ausgedrückt: um unerlaubte Vorteilsnahme geht. Ein Tatbestand, der nicht erst in unserer Zeit erfunden wurde, sondern einer verhängnisvollen menschlichen Schwäche geschuldet ist, einem charakterlichen Defekt.

In Nikolai Gogols erstmals 1836 aufgeführter Komödie "Der Revisor" wird dieser Mechanismus des Bösen auf die Spitze getrieben – Bestechlichkeit ist ein ergiebiges Thema, mit dem Düsseldorfs neuer Intendant Wilfried Schulz seinen ambitionierten Premierenreigen fortsetzt und in zehn Wochen zwölf Inszenierungen präsentiert.

Abstrakte, mobil gezimmertn Bühnenlandschaft 

"Der Revisor" ist eine Story ohne Held und ohne Happy End. "Im Revisor beschloss ich, alles Schlechte, das ich nur kannte, zusammenzutragen und mit einem Schlag dem Gelächter preiszugeben", schrieb Gogol und stellte eine Anweisung dazu: "Schimpf nicht auf den Spiegel, wenn du in eine Fratze blickst."

Anders als "Gilgamesh", der in der ersten "D'haus"-Premiere als erdenschwerer, unbehauener Held im Sandkasten seines Lebens Orientierung sucht und uns anrührt, wurde der Mensch im "Revisor" schon mehrmals durch die Mühlen der Zivilisation gedreht. Er hat über die Jahrtausende perfide Herrschaftssysteme entwickelt, in denen es nicht wirklich um Gerechtigkeit und um soziales Handeln geht, sondern um Macht und Gewinnmaximierung.

Gogols Komödientitel legt nahe, ein Revisor spiele mit. Doch das ist fiktional. Einen anderen hält man für ihn. Der Revisor kommt nicht wirklich vorbei, allein die Ankündigung seiner Ankunft macht die Menschen in der Provinzstadt kirre. Das Schuldbewusstsein ist bei den Mandatsträgern ausgeprägt.

In einer abstrakten, mobil gezimmerten Bühnenlandschaft (Alissa Kolbusch) ist "die Falle aufgestellt", die Ankunft des Revisors wird verkündet, was in jedem eine heimliche Überprüfung seines Sündenregisters auslöst. Denn alle haben sie Dreck am Stecken, ("ich sage ganz offen, ich lasse mich schmieren"). Der Bürgermeister als der mächtigste Mann der Stadt sitzt auf dem größten Kübel Dreck. Dass der im Gasthof eingetroffene mutmaßliche Revisor ein ahnungsloser Lebemann ist, stellt sich erst am Ende des Stückes heraus. Bis dahin wickelt der naive Jüngling die Menschen um den Finger und erzielt große Erfolge darin, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen, das sie hergeben, um Gunst zu erwerben.

Gogols Russenmafia trägt in Düsseldorf zeitlose Alltagskleider. Wenn sie Geld zählt, wird das Rascheln der Scheine lautmalerisch verstärkt, auch die Nackenwirbel der Gerichtsbarkeit verrenken sich unüberhörbar per Mikrofon. Überhaupt gibt es in der Inszenierung des Schweden Linus Tunström nicht nur unerwartet Softgetränke aus dem Safe, sondern viel zu lachen. Er lässt Menschen kopfüber auftreten, senkt die Bühne so weit hinunter, dass aufrechter Gang unmöglich ist, er verklumpt die Typen zu seltsam geordneten Figurengruppen, was suggeriert: Wir sind zwar schlecht, aber wir halten uns und diese Gesellschaft zusammen.

Show hat wenig Biss, dafür wird viel gelacht

Aus fünf Stunden Originaltext werden 120 Minuten ohne Pause, auch Charaktere eingespart – Tunström wählte eine modernere Bearbeitung und hat doch das Stück nicht aktualisiert. Tatsächlich weiß man nicht, in welcher Zeit es spielt. Nur weil der Stadthauptmann Bürgermeister heißt, sind wir nicht in 2016 angekommen. Auf einer eigenen Zeitschiene bewegen sich Frau Bürgermeister und ihre sonderbare Tochter, vor allem die "Mutti" genannte exzentrische Beamtengattin (Cathleen Baumann) gewinnt der Rolle unerwartete Reize ab, gibt kokett eine Figur aus der Hippie-Zeit – nicht unähnlich den manchen noch aus "Klimbim" bekannten Frauen.

Mit dem Intendanten stellt sich eine neue Schauspielriege in Düsseldorf vor, die im "Revisor" Qualitätsarbeit liefert. Alle sind präsent, weniger akrobatisch zwar als in Gilgamesh, aber doch genügend wie etwa Cennet Rüya Voß und ihr Ebenbild Christof Seeger-Zurmühlen beim wendigen Umkreisen der Wahrheit. Als Bürgermeister wünschte man sich Thomas Wittmann diabolischer und dass er nur einmal die Hosen fallen lässt. Bester Mann im Set ist der für den verletzten Moritz Führmann eingesprungene Christian Friedel, der nach nur drei Probentagen als mutmaßlicher Revisor zügellos, vielfarbig und einnehmend agiert.

Anders als im Buch, an dessen Ende die Gesellschaft erstarrt, darf sie hier jubeln, und der Revisor tanzt auf dem Tisch. Das Spiel geht immer weiter: Die Ankunft des echten Kontrolleurs schockt nun niemanden mehr. Man füllt sogleich einen Koffer mit viel Geld und kauft sich frei von allem Übel. Zu dieser unmoralischen Auflösung hören wir "Misty", die nebelschwere Ballade Erroll Garners; zuvor gab's James Brown, Abba, Esther & Abi Ofarim, eigens Komponiertes. Eine zu naheliegende Musikauswahl, die die Inszenierung nah an den Klamauk rückt.

Die Show hat wenig Biss, dafür wird viel gelacht. Nur bleibt einem das Lachen nicht im Halse stecken. Der lange Applaus war aufrichtig.

Quelle: RP
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