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Düsseldorf
Der schwermütige Superstar

Düsseldorf. Mit Bruce Springsteen am Lagerfeuer: "Born To Run" ist ein Bildungsroman aus der amerikanischen Wirklichkeit. Von Philipp Holstein

Am Abend des 11. September 2001 fährt der Mann, den sie in den USA voller Anerkennung den Boss nennen, in New Jersey an den Strand. Normalerweise kann man von dort die Zwillingstürme des World Trade Centers drüben in Manhattan sehen. Nun erkennt Bruce Springsteen nur noch eine dünne, graue Linie aus Staub und Asche. Eine "dystopische Ruhe" liegt über der Stadt, schreibt er. Auf dem Heimweg hält ein Auto neben ihm, der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und ruft: "Bruce, wir brauchen dich jetzt!" Springsteen nimmt den Auftrag an. Zehn Monate später steht sein Album "The Rising" auf Platz eins der US-Charts. Es ist eine Ansprache an die Nation, ein Appell: "May the living let us in / Before the dead tear us apart."

Bruce Springsteen beschreibt diese Szene in seiner Autobiografie "Born To Run". Das ist ein herrliches Buch, ein Bildungsroman voller Pathos und Selbstironie, und es ist genau das Buch, das man sich von einem Kerl erhofft hat, der so wahrhaftige Lieder über das Aufbrechen und die Freundschaft, über die Sehnsucht nach der Jugend und das Unterwegssein schreibt: "We swore blood brothers against the wind / I'm ready to grow young again", singt er in "No Surrender".

Springsteen spricht seine Leser direkt an, er stiftet Gemeinschaft. Er begibt sich mit uns auf die Suche nach seinen Ursprüngen, und einen großen Teil der fast 700 Seiten verbringen wir in der Randolph Street in Freehold, im Haus neben der mächtigen Rotbuche, wo Springsteen in einer strenggläubigen katholischen Familie aufwächst. Die Mutter hat italienische Wurzeln, sie ist sanftmütig und kauft ihm seine erste Gitarre. Der Vater ist irischer Herkunft, er ist depressiv und leidet an Wahnvorstellungen; an ihm arbeitet sich der Sohn bis zuletzt ab. Man merkt, dass er sich noch immer nicht sicher ist, ob der Vater ihn geliebt hat: "Sein Lieblingszeitgenosse war ich jedenfalls nicht gerade." Vom Vater erbt Springsteen die Schwermut, und man wusste bisher nicht, dass Springsteen in Behandlung war und manchmal nicht auftreten konnte. "Meine Heimatfront" nennt er die Krankheit.

Die besten Stellen erzählen von der Wut des Kindes gegen Autoritäten und von jenen Momenten, da Springsteen Elvis und die Beatles entdeckt und sie seinen Zorn kanalisieren. "Astral Weeks" von Van Morrison lässt ihn schließlich an das Schöne glauben. Er will Musik machen, beschließt er mit seinen Kumpels, die Southside Johnny und Sunshine Kruger heißen. Und zur Unterzeichnung des ersten Plattenvertrags fährt er im Bus, die Gitarre trägt er auf dem Rücken wie ein Asphalt Cowboy. 35 Dollar die Woche sichert ihm der Kontrakt zu: Springsteen fühlt sich, als sei er zum Himmel hinaufgeklettert, um sich mit den Göttern zu unterhalten. Das Debüt "Greetings From Asbury Park, NJ" erscheint 1973.

Das Tolle an diesem Buch ist die Erzählerstimme, sie führt einen am goldenen Schnürchen durch diesen Textberg, es ist die Stimme eines Freundes, warm und melancholisch: Man sitzt mit Springsteen am Lagerfeuer.

Er hat zunächst wenig Erfolg, wird als Dylan-Epigone bezeichnet, aber dann schreibt er auf der Kante seines Betts den Song "Born To Run", und das zugehörige Album ist der Durchbruch: "Time" und "Newsweek" nehmen ihn auf den Titel. Springsteen ist nun die Stimme Amerikas, aber er hadert mit dem Erfolg, er liegt wach, und wenn er es nicht mehr aushält, rast er durch die Nacht. Er kauft sich eine 1960er Corvette, einen 69er Ford XL mit weißem Verdeck und ein 63er Impala-Cabrio, und davon handeln ja auch seine frühen Lieder: vom Ausreißen, Fortziehen, Verschwinden. Volltanken, Gaspedal durchdrücken, Born To Run.

Das Buch beschreibt außerdem, wie sich das Ankommen anfühlt. Er sei in seiner Band ein Diktator, gibt Springsteen zu, aber anders klappe es nun mal nicht. Er erklärt uns, dass das oft missverstandene Lied "Born In The USA" kein Ausdruck von Hurra-Patriotismus sei, sondern voller Bitterkeit. Er schüttelt den Kopf über sein Aussehen auf dem Höhepunkt des Ruhms: Stirnband, abgeschnittene Ärmel - Desaster. Er fordert, man möge in Kinderbetreuung, Jobs und Gesundheitsfürsorge investieren. Er schaut sich fasziniert Konzerte jüngerer Künstler wie Taylor Swift und Rihanna an. Und er baut den Freunden Denkmäler: Seit Saxofonist Clarence Clemons gestorben ist, gibt es keinen Regen mehr, schreibt er. Ehefrau Patti Scialfa nennt er seine "rothaarige Revolution". Die Flitterwochen verbringen sie stilecht im Yosemite-Nationalpark.

Wir lernen den Boss als wehmütigen Haderer kennen, der indes immer da ist, wenn es drauf ankommt. Springsteen hat die Memoiren innerhalb von sieben Jahren in seine Notizbücher geschrieben, und entstanden ist durchaus etwas, das man als "Great American Novel" bezeichnen kann. Am Ende bricht er erneut auf, um sein Elterhaus zu besuchen. Er ist nun 67, und er kommt nicht los davon, er muss immerzu an früher denken, an den Vater, die Mutter. Da sitzen wir also mit ihm im Auto, er betet tatsächlich das "Vaterunser" mit uns, er will den Geist des Gebets an uns weiterreichen, schreibt er, auf dass der uns Kraft gebe und helfe, Sinn in unsere eigene Geschichte zu bringen.

Wir nicken dankbar, und er schaltet hoch: "Ich gebe Gas, und mein Zuhause fliegt mir entgegen."

Quelle: RP
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