| 07.05 Uhr

Der Sound des Meeres

Der sardische Trompeter Paolo Fresu gilt als stilles Genie im Jazz. Wieder hat er eine Platte seinem geliebten Meer gewidmet. Von Wolfram Goertz

Wenn es diesen Trompeter nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Einen, der seine Linien mit dem Silberstift zeichnet. Einen, der sich das Auftrumpfen verbietet, weil sein Instrument für die stillen Momente, für die Glasbläsereien gebaut ist. Einen, der wie ein Sänger atmet. Einen, der die ganze Welt in seinem Musikerherzen trägt, doch auch die Klänge seiner Heimat ehrt. Einen, der radikale Loops, kleine Melodieschleifen, geradezu intellektuell verbastelt und am nächsten Tag entspannte Einkäufe bei Claudio Monteverdi und Giacomo Puccini tätigt. Einen, der den Jazz zu einem Pfingstfest erhebt, bei dem alle Sprachen in einer Arena zusammenkommen, in der nicht gestritten, sondern geliebt wird.

Dieser Trompeter heißt Paolo Fresu, wurde 1961 in Sardinien geboren und gilt als einer der großen Versöhner des Jazz. Wo Fresu mit seiner Trompete und seinem Flügelhorn erscheint, verwandeln sich die bösen Tiere in Lämmer. So ging einem das beispielsweise im Jahr 2007, als Paolo Fresu mit der exzentrischen Jazz-Pianistin Carla Bley zusammenspielte und sie im Quintett das Album "The Lost Chords" aufnahmen: Das Enfant terrible Bley schien 70 Minuten lang gebändigt, zur Sanftheit bekehrt. Ihre Krallen lagen unter den Kissen, die Fresu mit unermüdlicher Friedlichkeit aufschüttelte.

Vielleicht wird man so, wenn man das Meer als Insulaner immerzu um sich weiß, diesen trostvollen und zugleich nachtschwarzen Abgrund, dem man opfern muss, will man nicht verloren gehen. Fresu opfert Balsam und wohlriechende Hölzer. Gelernt hat er das schon früh, als er in einer Band seiner Heimatstadt Berchidda spielte, einem Kaff im Norden Sardiniens. Dort fürchteten sie sich früher vor den Männern aus Korsika, bis sie begriffen, dass ihre Inseln nicht etwa verlorene Kinder ihrer französischen oder italienischen Stiefmütter sind, sondern Festungen, abgeschieden und unerreichbar. Berchidda war und ist nicht der Nabel des Jazz.

Trotzdem kam hier, am Finis terrae Sardiniens, eines Tages der große Jazz-Bassist Bruno Tommaso vorbei, hörte den jungen Paolo, wie wehmütig der Trompete spielte, und nahm ihn bei der Hand - er holte ihn einfach in seine Band. Und gab ihm die wertvollsten Tipps, wie er weiterkam. Zuerst blieb Fresu in Sardinien und studierte in Cagliari, dann wechselte er - es war das Jahr 1984 - nach Bologna, wo die Trompeten-Koryphäe Enrico Rava lehrte. Kaum war er dort, veröffentlichte Fresu sein erstes Album namens "Ostinato". Es zeigte uns schon damals, wie dieser Mann dachte: überzeitlich. Wie eine Boje im Strom. Und er klang wie einer, an dem sowieso kein Trompeter vorbeikam: der junge Miles Davis. Fresu wollte aber mehr sein als ein ferner Eleve, er wollte tief hinein in das Neue, in den Ausdruck, und er wollte Melodien spielen, deren Schönheit einen fesselte und entzückte. Er verstand sich sozusagen als die männliche Sirene der Mythologie, die Klänge von der Insel schickte, die einen umhauten. Als die schönste Form der Gefangennahme.

Können wir uns so das sardische Gemüt des Paolo Fresu vorstellen? Ein Künstler, der auch unversöhnliche Naturen zur Harmonie bringt, wie ein Schlangenbeschwörer oder auch Rattenfänger, der alle fängt und dann einlullt? Nein, Fresu versöhnt, aber er legt uns nicht schlafen. Er will, dass wir wach bleiben, dass wir mit ihm gemeinsam auf die Himmelsleiter klettern, mit der er seine Töne pflücken geht, und wie dieser Fruchtkorb gefüllt ist, hört man nirgendwo so faszinierend wie auf der genialen CD "Chiaroscuro" mit dem Gitarristen Ralph Tower (bei ECM Records). Dort gibt es das Stück "Punta Giara", das liegt im Südwesten Sardiniens, hinter dieser Landspitze liegt nur noch das weite, unerforschbare Meer, ein Ort, an dem man alle Sinne beisammen halten muss, damit man sich nicht verliert - und bei Fresu tritt dieser Moment irgendwann ein, dass er eine kleine mehrtönige Phrase gleichsam auf Repeat stellt. Das klingt wie eine Versammlung identischer Federn, die sich nebeneinander einreihen, vom thermischen Auftrieb der Trompetentöne in der Luft gehalten. Aber diese Federn sind nicht lahm, sondern sie blitzen, als spiegelten sie die Reflexe vom Meer.

Ja, das Meer - mit ihm hatte Fresu seinen größten Erfolg. Als er 2007 mit Bley spielte, ging er kurz darauf mit dem Akkordeonisten Richard Galliano und dem Pianisten Jan Lundgren ins Studio im italienischen Udine - und sie beschlossen, in 62 Minuten um die Welt zu reisen, immer die See vor Augen. Sie gelangten sogar zu Tom Jobim nach Brasilien und zu Charles Trênet nach Frankreich. Lundgrens Komposition "Mare Nostrum" (unser Meer) wurde natürlich zum Titel - und die CD zum Dreamliner des Jazz: Sie verkaufte sich sensationell, und die drei spielten das Programm fast in der ganzen Welt. Es war nur eine Frage der Zeit, dass "Mare Nostrum 2" auf den Markt kam.

È vero, in der Tat: Soeben rauschte die Platte aus einem kleinen Tonstudio in der Provence auf den Markt, und sie wird ihren Erfolg finden, weil sie die Poesie der Ozeane mit der Geschichte der Musik vereint, Erik Satie spielt mit und Monteverdi auch, wir reisen in norwegische Fjorde, deren Weite Lundgrens Klavier uns aufschließt, wieder weht uns Hörer der zutiefst menschliche Atem von Gallianos Akkordeon und Bandoneon an - und über allem liegen Fresus grandios leuchtende Töne, die ein Reinheitsgebot aufstellen, das außer ihm nur wenige erreichen, und die doch vom Atem eines Sängers getragen scheinen, vom Belcanto. Kein Wunder, dass Fresu sich so oft bei den großen Meistern der Oper bedient.

Auf der einen Seite die Welt, auf der anderen die Nachbarschaft: So kam es 2011 zum CD-Geniestreich "Mistico Mediterraneo". Dort tut sich Fresu mit Daniele di Bonaventura (Bandoneon) und dem korsischen Vokalensemble A Filetta zusammen. Das klingt ein bisschen wie die legendäre "Officium"-Ästhetik, an der das Hilliard-Ensemble und der Saxofonist Jan Garbarek woben, und ist doch völlig eigenständig. "Mistico" ist eben kein Esoterik-Scheibchen, sondern eine intensive Ideenreise zu den Leuchttürmen der Folklore, um die der Wind der Improvisation währt. Zugleich besingen die gottesfürchtigen Männer denjenigen, unter dessen Schutz sie ihre Insel stellen - ein Stück heißt "Rex tremendae", ein anderes "Gloria", ein drittes "Sanctus".

Und in allem und über allem ist er da, der Sound des Meeres - mächtig, zart, lockend, sinnlich -, wenn Paolo Fresu die Trompete hebt und seine Linien spielt, die nirgendwo anfangen und nirgendwo aufhören, sondern einfach da sind. Wie Grüße aus der Unendlichkeit.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Der Sound des Meeres


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.