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Düsseldorf
Der Theater-Charmeur

Düsseldorf. Der Schweizer Regisseur Luc Bondy hat an den großen Bühnen Europas inszeniert. Mit größter Eleganz und Leichtigkeit hat er den Kern von Stücken freigelegt, ohne sie zu beschädigen. Nun ist er im Alter von 67 Jahren gestorben. Von Dorothee Krings

Die Marquise ist untröstlich. Nach nur einem Monat Ehe ist ihr Gemahl gestorben, nun zelebriert sie ihre Trauer, all die Lebensentsagungskonventionen, und hält den armen Chevalier auf Distanz. Wie die schwarzen Silhouetten eines Scherenschnitts bewegen sich diese noblen Figuren in künstlicher Grazie über die Bühne. Ganz anders die Dienerschaft: Da wird ohne höfische Zierereien geflirtet, frisch und unschuldig, und so sind die Kostüme des niederen Standes weiß.

Luc Bondy konnte in genialer Einfachheit das Wesen eines Dramas freilegen und so aus scheinbar harmlosen Rokoko-Stücken wie Marivaux' "Die zweite Überraschung durch die Liebe" ein Lob auf das Leben ohne falsche Konventionen und Enge inszenieren - so heiter, elegant, erhellend wie man es 2008 bei der Ruhrtriennale in Bochum erleben konnte. Mit 25 Jahren war der Schweizer Regisseur an Krebs erkrankt, hat von da an um sein Leben und die Leichtigkeit gerungen, ist an diesen Erfahrungen aber nicht verbittert, sondern hat seinen Erkrankungen eine tiefe, höchst diesseitige Lust am Sein abgetrotzt. "Ich habe durch eine riesige Lebensbejahung den Tod verdrängt", hat er einmal gesagt. Am Wochenende hat ihn die Kraft dafür verlassen. Im Alter von 67 Jahren ist Luc Bondy in Paris gestorben.

Der Regisseur stammte aus einer jüdischen Familie, in der die Liebe zum Theater wie zur Literatur tief verwurzelt ist. Sein Großvater war Dramaturg und Autor am Deutschen Theater in Prag, sein Vater Literaturkritiker und Essayist. Geboren wurde Bondy 1948 in Zürich, zur Erziehung schickten ihn seine Eltern in jenen prekären Zeiten auf ein calvinistisches Internat nach Südfrankreich. Dort mag er die Strenge des Denkens gelernt haben, die es braucht, um Stoffe zu durchdringen und als Regisseur deren Kern freizulegen.

Doch er war eben auch ein charmanter, sinnlicher Mensch, der nach der Schule in Paris bei Jacques Lecoq Pantomime studierte, die Essenz der Darstellungskunst.

Bondy wurde ein Schauspielerregisseur, der seine Rolle darin sah, dramatische Texte mit größtmöglicher Leichtigkeit zu vermitteln, sie in etwas Nachfühlbares zu verwandeln, ihnen darin zu dienen, sich nicht über sie zu stellen. Das hat ihn mit deutschen Regisseuren wie Peter Stein verbunden. Die beiden wurden Freunde, in Berlin beerbte Bondy ihn, von 1985 bis 1988 gehörte er dem Direktorium der Berliner Schaubühne an. Bondy hat an bedeutenden Theatern etwa in Hamburg, Berlin, Wien, Paris und New York inszeniert, er war ein Theaterkosmopolit, dem die Vermittlung zwischen Deutschland und Frankreich besonders am Herzen lag. Immer wieder hat er deutsche Klassiker auf Französisch, französische auf Deutsch inszeniert. Und er hat die Verantwortung des Intendantendaseins übernommen: Zwölf Jahre, von 2001 bis 2013, hat er die Wiener Festwochen geleitet, war auch dort ein Künstler mit internationaler Strahlkraft, ein Regisseur, der durch seine lässige Weltgewandtheit davor gefeit war, in die Konventionalismen und ästhetischen Grabenkämpfer zu geraten, wie sie in Deutschland mit piefigem Ehrgeiz ausgetragen wurden.

Bondys Inszenierungen im Sprechtheater wie in der Oper waren elegant durch ihre Klarheit und so souverän auf das Wesentliche konzentriert, dass sie den Zuschauer auf feine, sensible Weise berührten. Bondy war ein szenischer Ästhet, aber nie ein Manierist, denn es ging ihm ja um die Stücke. So hat er Werke gefragter Dramatiker zur Uraufführung gebracht, Botho Strauß' "Kalldewey, Farce" oder "Die Zeit und das Zimmer" oder Yasmina Rezas "Drei Mal Leben". Autoren vertrauten ihm.

Schauspieler ebenfalls: Mit empfindsamen Hochbegabten wie Isabelle Huppert hat er gearbeitet, seinen Landsmann Bruno Ganz nach dessen tiefer Theaterentfremdung auf die Bühne zurückgeholt und ihn in Harold Pinters gnadenlosem Familiendrama "Die Heimkehr" aufspielen lassen.

Für Tschechows "Iwanow" am Théatre de L'Odéon, das er seit 2012 leitete, wurde Luc Bondy noch Anfang des Jahres gefeiert. Ein "Othello" sollte folgen, doch für einen letzten Shakespeare hat die Kraft nicht mehr gereicht. Bei aller Lässigkeit war Bondy auch ein strenger Künstler - und Mensch. Neben seiner Theaterarbeit hat er auch Prosa verfasst. Den Roman "Am Fenster" etwa, in dem er mit zarter Resignation auf sein Leben blickt. Oder den Gedichtband "Toronto", in dem er auch über den Tod schreibt, der "schon vorbeigehuscht war" in seinem Leben. In einer der poetischen Miniaturen in diesem Band beschreibt er die Sekunden vor einer Operation, wenn die Narkose dem Patienten das Bewusstsein raubt und dessen Augenlider sinken. "Das willst du nicht./ Die Augen sind dein Leben.", heißt es da. Luc Bondy hat Texte zu Gesicht gebracht, hat inszeniert, damit Menschen durch Sehen verstehen. Auch seine Kunst war eine Lebensbejahung.

Quelle: RP
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