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Düsseldorf
Der Traum vom freien Museumseintritt

Düsseldorf. Eine Studie für das Essener Folkwang Museum zeigt, dass ein Museumsbesuch eine Sache der Bildung ist. Von Lothar Schröder

Diskutiert wird es oft, empfohlen fast immer und umgesetzt so gut wie nie. Bei diesem Kuriosum in der deutschen Kulturlandschaft handelt sich um den freien Eintritt für deutsche Museen - zumindest in den Abteilungen der sogenannten Ständigen Sammlungen. Dies scheint ein so verwegener Gedanke von geradezu anarchischer Gesinnung zu sein, dass man davon bislang nahezu unbeirrt Abstand nahm.

Dies sogar mit Blick auf die stimulierenden Beispiele aus dem europäischen Ausland. In Großbritannien beispielsweise ist der Museumseintritt seit gut 15 Jahren vielerorts kostenlos - mit entsprechenden Resultaten: So stieg die Zahl der Besucher in den Museen Londons nach Wegfall des Obolus um durchschnittlich 62 Prozent; im "Victoria and Albert Museum" sogar um 157 Prozent.

Doch auch solche Zahlen sind für ein Umdenken hierzulande nicht immer förderlich. Warum auch? Die jährlichen Zahlen scheinen einen Handlungsbedarf in Grenzen zu halten. Erst jüngst konnten wieder Rekorde vermeldet werden. So stieg die Zahl der Besucher in deutschen Museen 2014 im Vergleich zum Vorjahr um weitere drei Millionen auf insgesamt 118 Millionen.

Nachdenklicher stimmen andere Untersuchungen, wie die aktuelle Studie, die die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität für das Folkwang-Museum in Essen erstellte. Darin wurde unter anderem ermittelt, dass der Museumsbesuch wesentlich vom Bildungsgrad abhängt. Befragte mit einem Universitätsabschluss besuchen danach acht Mal so häufig das Folkwang Museum wie Menschen ohne vergleichbare Qualifikation.

Das spiegelt sich auch in der Struktur der Essener Museumsbesucher wider. Von ihnen haben 66,5 Prozent einen Fachhochschul- oder Uni-Abschluss, 8,8 die Hochschulreife, 6,3 die Mittlere Reife und lediglich 0,6 Prozent den Hauptschulabschluss. Düsterer Befund dieses Forschungsprojekt: Museen sind eine elitäre Stätte, ein Ort der Abgrenzung, an dem soziale Schranken sichtbar und die Unterschicht so gut wie unsichtbar ist. Das liegt nicht selten am Eintritt. Zehn Euro pro Karte sind oft eine zu hohe Schwelle.

Das aber widerspricht dem Grundgedanken von Museen, die im 19. Jahrhundert ein Zeichen bürgerlicher Emanzipation waren. Was lange Zeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Fürstenhäusern gesammelt wurde - auch in sogenannten Kuriositäten-Kabinetten - wurde plötzlich für alle zugänglich. Das 20. Jahrhundert hat diese offenen Tore indes wieder verriegelt.

Ein freier Eintritt ist sicherlich kein Patentrezept gegen diese "sozio-institutionelle Distanz". Aber er gibt Hinweise für zukunftsträchtige Konzepte. Als das Folkwang Museum für die Sammlung einen freien Eintritt einführte, konnten zumindest vermehrt junge Menschen angesprochen und zu Mehrfach- beziehungsweise Folgebesuchen animiert werden. Laut Studie sind im Essener Museum etwa 17 Prozent aller Besucher mittlerweile jünger als 25 Jahre. Das ist für Kunstmuseen ein außergewöhnlich hoher Wert.

Seit ein paar Monaten ist Bewegung in die deutsche Museumslandschaft gekommen. So wird in den 19 Museen des Landschaftsverbandes Rheinland seit August des vergangenen Jahres freier Eintritt gewährt - allerdings nur für Flüchtlinge. "Um niemanden auszugrenzen oder zu benachteiligen", wie es heißt. Diese forsche Tat müsste jetzt nur noch für die gesamte Bevölkerung gelten.

Quelle: RP
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