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Weltkulturerbe
Deutsches Erbe

Düsseldorf. Die Unesco berät über neue Kandidaten für das immaterielle Kulturerbe. Deutschland geht mit seiner Orgeltradition ins Rennen. Von Lothar Schröder

Ist es das nun, was als typisch und vorzeigbar deutsch überleben wird? Sind wir das oder waren wir das, was die Unesco auf ihrer Liste zum immateriellen Kulturerbe zusammenfasst? Der Anspruch dieses Verzeichnisses ist jedenfalls nicht gering, sollen darin doch Bräuche und Rituale, Ausdrucksformen, Praktiken und Handwerkstechniken aufgeführt werden, die man als Kulturerbe der Menschheit identifiziert hat. Deutschland - dem Unesco-Übereinkommen vor vier Jahren beigetreten - ist dabei mit bloß zwei Nennungen nicht sehr beachtenswert: Neben der sozialen Genossenschaftsidee verbucht die Bundesrepublik noch die Falknerei, muss diese aber mit 17 weiteren Ländern teilen, darunter Kasachstan, Katar, Marokko, Mongolei, Pakistan und Saudi-Arabien. Gejagt wird halt vielerorts. Ohnehin sind andere Länder kulturerblich gesegneter - China mit 39, Japan mit 21, Südkorea mit 19 Einträgen.

Ein klein wenig soll sich daran in dieser Woche ändern, wenn auf der südkoreanischen Insel Jeju der Unesco-Ausschuss über Deutschlands neuen Antrag entscheiden wird: ob die Tradition des Orgelbaus und der Orgelmusik hierzulande den Sprung schafft vom bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes zum Kulturerbe der Menschheit. Das ist wie der Aufstieg aus der Bundesliga in die Champignons League.

Allein die Zahlen, mit denen die tiefe Verwurzelung des deutschen Orgelwesens dokumentiert wird, bringen selbst Einheimische zum Staunen: Etwa 50.000 Orgeln gibt es in Deutschland, 400 handwerkliche Orgelbetriebe, 3500 hauptamtliche und zehntausende ehrenamtliche Organisten. Und wer einmal erlebt hat, wie eine kleine Kirchengemeinde mit Spendenläufen und Basaren Geld für die Restaurierung ihrer kleinen Kirchenorgel über etliche Jahre aufzubringen sucht, kann erfahren, wie dieses Instrumenten-Ungetüm auch identitätsstiftend wirkt. Man ist stolz auf die Orgel seiner Gemeinde, selbst wenn man den Gottesdiensten schon längere Zeit ferngeblieben ist.

Auf der südkoreanischen Halbinsel wird nicht über das sogenannte deutsche Kulturerbe entschieden. Und vernehmlich ist auch die Kritik an solchen Listen, die nicht schrecklich viel bringen - jedenfalls keine finanzielle Unterstützung durch die Unesco. Eine Platzierung aber fördere den Respekt und die Wertschätzung, heißt es. Na ja.

Vielleicht ist das Bewerbungsverfahren schon das Wertvollste. Wenn Menschen beginnen, die Bedeutung einer Tradition zu formulieren und anderen verständlich zu machen. Das Immaterielle ist ja nicht greifbar und für viele Menschen auch schon nicht mehr erlebbar. Doch anders als beim "richtigen" Weltkulturerbe mit seinen bedeutenden Stätten, ist diese Liste nicht so sehr ein Museum. Dass nämlich das Zusammenleben der Menschen, ihr Verhalten und ihr Umgang mit der Welt bedacht und vermerkt wird, ist auch die Dokumentation unseres Verhaltens, vielleicht unseres Wesens. Die Liste des immateriellen Welterbes ist kein historischer Reiseführer. Vielmehr beschreibt sie geradewegs uns und unsere Art zu leben.

Man wird über manche nationale Nennung vielleicht schmunzeln, dies oder das als Anekdote sehen. Doch in seiner Gesamtheit trifft dieses Kulturerbe unseren Alltag - wie er ist und höchstwahrscheinlich auch, wie er gewesen ist. Was es auf der nationalen Liste alles schon gibt: den modernen Tanz und die Theaterlandschaft, die alemannische Fastnacht, den Karneval, das Biikebrennen, die Lindenkirchweih zu Limmersdorf, die Flößerei und die Brotkultur, das Sternsingen, das Schützenwesen, die Teekultur Ostfrieslands, der Skat. Und wer möchte nicht wissen, was der Georgiritt ist, die Tölzer Leonhardifahrt und das Forster Hanselfingerhut-Spiel.

Nur zu wissen, was einst den Menschen Sinn gab, kann einem helfen bei der Frage, was einem selbst wichtig ist. Die südkoreanische Insel Jeju ist ganz weit weg, und die vielen Ausschuss-Sitzungen der Unesco-Leute sind furchterregend bürokratisch. Aber vielleicht sollten wir wieder in die Kirche gehen und einfach nur hören, wie schön die Orgel der Gemeinde klingt.

Quelle: RP
 
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