| 09.13 Uhr

"The Who"
Die alte Wut der Jugend

Oberhausen. Noch einmal "The Who" - auf ihrer weltweiten und vielleicht letzten Tour diesmal in der ausverkauften Oberhausener Arena. Ein Konzert, bei dem Pete Townshend und Roger Daltrey zeigten, dass Rock doch unsterblich ist. Von Lothar Schröder

Veteranen gibt es an diesem denkwürdigen Abend reichlich. Darunter die mit den uralten, maximal verblichenen Band-T-Shirts. Die sind unter den Fans, ach was: den Pilgern Dekorationen, die die grellen Shirts zur aktuellen Tour himmelweit überstrahlen und sie zur Ramschware degradieren. Und natürlich sind alle vorher schon beseelt. Denn wer hätte das gedacht, The Who noch einmal zu sehen, zu fühlen, zu hören und so weiter. Unglaublich, oder? Als sie 1969 in Woodstock einige hunderttausend Menschen begeisterten, gab es die Band schon fünf Jahre! Und jetzt haben sie ein für die Rockmusik fast peinliches Jubiläum zum Anlass genommen, noch einmal um die Welt zu touren: Vor etwas mehr als 50 Jahren erschien mit "My Generation" das Debütalbum der Engländer.

Also alles Nostalgie? Zumindest die Einstimmung vor dem Konzert gerät ein wenig morbid mit großen Fotos des vor geraumer Zeit verstorbenen Rückraums der Band - in den Erinnerungen an den fingerflinken Bassisten John Entwistle und den turbulenten Drummer Keith Moon, der nur 31 Jahre alt wurde.

Die Band hat eine große Vergangenheit, sollte das auch heißen. Doch sie hat eine ebenso große Gegenwart - jetzt, hier, auf der Bühne der selbstredend ausverkauften Oberhausener Arena. Und es geht los ohne großes Pipapo. Roger Daltrey (mit Teetasse) und Pete Townshend kommen auf die Bühne, schnappen sich mit den anderen die Instrumente und legen los, einfach so, ungestüm und zuversichtlich, weil ihre Musik immer noch das Selbstverständlichste auf der Welt ist.

Dabei machen sie es sich selbst nicht so bequem mit "Who Are You" zum Auftakt. Sicher, das ist eine Art Präambel der Band; aber sie läuft nicht rund, hat Kanten und Rhythmenwechsel und stellt einige Anforderungen auch an die Jubelwilligen.

An diesem großen Rockabend aber ist nichts falsch; alles stimmt in diesem Augenblick. Es gibt auch nichts von den alten Uralt-Liedern zurückzunehmen oder ein bisschen aufzupeppen, selbst "Pictures of Lily" nicht mit seinem süßlich unterlegten Beatles-Sound. Das meiste ist dann doch dramatischer Rockbombast unter anderem aus den Konzeptalben "Tommy" und "Quadrophenia", nicht eben kleinlich aufgetragen, aber voller Überzeugung und Überwältigung: "5:15" oder "The Acid Queen", "Pinball Wizard" und natürlich "My Generation", dieser anarchische Schrei aller Jugend mit der grimmigen Hoffnung "Hope I die before I get old" (lieber tot als alt). Für die heute über 70-jährigen Daltrey und Townshend hat sich diese freilich nicht erfüllt.

Dass sie das immer noch in die Welt hinausschreien, klingt nicht verlogen. Die beiden sind eben Überlebende. Und dass auch wir es sind, zeigt uns die Kamera, die gelegentlich die jubelnden Fans auf die riesige Leinwand projiziert, etwas infam in Schwarz-Weiß. Zu kunstvollen Background-Einspielungen macht Pete Townshend immer noch das, was er am besten kann: also Getöse, Wutgeheul und Show, wie er selbst sagt. Nicht alles ist genial, was er da an der Gitarre veranstaltet, aber vieles ist sehr richtig und glaubhaft. Townshend spielt nicht nur seine Gitarre - die er früher auf der Bühne regelmäßig in Stücke zerlegte -, er scheint mit ihr zu tanzen. Meist führt er sie tief unten, und wenn er sie am ausgestreckten Arm anschlägt, mit der legendären Windmühle, ist es, als treibe er sich und das Lied und seinen Zorn noch schneller, weiter und lauter hinaus in die Welt. Townshend, der kurz geschoren und mit kleiner Sonnenbrille aus einem Stück von Samuel Beckett entflohen zu sein scheint, ist das Kraftpaket; Daltrey daneben manchmal nur der Knappe. Natürlich hat seine Stimme ein wenig Patina angesetzt, an Volumen und Klarheit verloren. Sein markerschütternder Schrei in "Won't Get Fooled Again" zieht seine Wirkung nicht mehr aus dem Zorn, sondern aus der am Mischpult sorgsam abgestimmten Lautstärke. Die Balladen aber bleiben seine Spielwiesen mit den Geniestreichen wie "Love, Reign O'er Me". Townshend hat seinen jüngeren Bruder Simon mitgebracht, ein solider Gitarrist im Hintergrund; und am Schlagzeug wütet der Sohn von Ringo Starr, Zak Starkey, der offenkundig einiges vom ungestümen Wahnsinn des Keith Moon erben konnte.

Das Konzert ist nie eine nur nette Rockgeschichte. Weil es mit jedem Lied noch immer die größte Revolution auf Erden befeuert und beschwört: die Jugend mit ihrer schier grenzenlosen Kraft und ihrem Übermut, ihrer Ratlosigkeit und Verzweiflung. The Who macht dann Schluss nach zwei ehrlichen Stunden ohne Zugabe. Warum auch noch diese Nachreichungen, es gibt nichts mehr zu sagen. Manche schlagen dann auf dem Parkplatz noch mit langem Arm beseelt die geduldige Luftgitarre. Geht alles noch. Wer sagt's denn?

Quelle: RP
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