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Düsseldorf
Die analoge Cloud

Düsseldorf. Notizbücher erleben im Zeitalter des Smartphones eine Renaissance. Sie sind die Rache des Analogen an der digitalisierten Welt. Von Philipp Holstein

Obwohl wir im Jahr 2017 leben und fast jeder ein Smartphone hat und rasch in einer der schlauen Apps festhalten könnte, was er nicht vergessen möchte oder bald erledigen muss, bekommt man neuerdings überall und massenhaft Notizbücher. In Buchhandlungen sowieso, aber auch an Bahnhöfen, in Kiosken und Supermärkten. Sie haben sogar schon das Silicon Valley überschwemmt, und als Joe Gebbia, einer der Gründer der Vermietungs-Plattform Airbnb, einen Vortrag über die Geschichte seines Unternehmens hielt, zeigte der 35-Jährige auf sein Notizbuch: Darin habe er die Idee notiert, mit der alles begann, sagte er. Der Gründungstext einer Internetfirma wurde auf Papier geschrieben.

Der bekannteste Hersteller von Notizbüchern ist die italienische Firma Moleskine, sie verkauft 20 Millionen Stück pro Jahr, und irgendwie hat sie es geschafft, diesem banalen Objekt etwas Mythisches zu geben, für das viele Menschen gern zwischen 13 und 23 Euro bezahlen. Obwohl die ersten Moleskine-Produkte 1998 auf den Markt gekommen sind, wirbt das Unternehmen damit, dass schon van Gogh und andere große Geister ihre Gedanken in solche Bücher gekritzelt hätten - wobei mit "solche Bücher" ganz allgemein gebundenes Papier gemeint ist. Das Notizbuch wurde durch Moleskine und seine Aura-Offensive zum Statement: "Der Benutzer zeigt, dass er sich Zeit nimmt fürs Denken und Schreiben, also Sinn für Muße und Lebensqualität besitzt", schreibt Klaus Koziol in seinem Wirtschaftsbuch "Der Sinn macht den Erfolg".

Moleskine ist inzwischen börsennotiert und in 90 Ländern aktiv, der Jahresumsatz soll 2015 bei 128 Millionen Euro gelegen haben, der Gewinn bei 27 Millionen Euro. Firmen wie Leuchtturm 1917, Rhodia, Muji und Fantasticpaper befeuern die Renaissance des Papiers, und der Kulturkritiker David Sax bezeichnet die neue Lust am klassischen Notizbuch als "Rache des Analogen an der digitalen Welt". Als Papier die Vorrangstellung im Kommunikationsbereich verloren habe, sei es in den Rang eines seltenen und edlen und begehrenswerten Materials erhoben worden, schreibt er. Anders gesagt: Früher war Papier egal, nun ist es cool. Der relativ hohe Preis vieler Notizbücher macht sie zudem zu Lifestyle-Objekten, und ähnlich ergeht es derzeit Waren wie der Vinyl-Schallplatte: technisch obsolet, aber als Distinktionsmerkmal brandaktuell. Das nur nebenbei: Die LP kostete einst 15 Mark, heute liegt ihr Preis im Schnitt bei 25 Euro.

Tatsächlich ist das ja ein ziemlich schönes und liebenswertes Comeback: Notizbuchschreiber, heißt es in einem Essay der Schriftstellerin Joan Didion, sind widerständige Neuordner der Dinge. Wer regelmäßig aufschreibt, was ihm begegnet, was ihn umtreibt und beschäftigt, erstellt nach und nach ein Buch voller Denkfäden, die einzeln womöglich nicht zu gebrauchen sind, zusammengeführt aber viel über den Schreiber verraten. Jede Beobachtung hat einen gemeinsamen Nenner: den Beobachtenden selbst. Beim Wiederlesen erinnert man sich an die Umstände von einst, an Stimmungen; man blickt in einen Spiegel. Notizbücher, schreibt Didion, sind ein vergessenes Konto mit angewachsenen Zinsen. Eine analoge Cloud, sozusagen.

Dabei unterscheidet sich das Notizbuch vom ordentlich geführten Tagebuch. Im Notizbuch steht alles wild und gleichberechtigt nebeneinander: Einkaufslisten. Zeichnungen von Blumen, deren Namen man gern wüsste. Titel von Büchern, die man im Urlaub lesen möchte. Platten, die man aus einem brennenden Haus retten würde. Menschen, die man demnächst küssen möchte. Sätze, die man schön findet. Wörter, die man bald mal verwenden will. Gespräche, die man belauscht hat. Internetseiten, auf denen man sich umzugucken plant. Und Begebenheiten, die dem Vergessen entrissen werden sollen.

Der Schriftsteller Paul Valéry hat im Alter von 23 Jahren begonnen, sich jeden Morgen Notizen zu machen. "Meine Gehirnwiese abgrasen", hat er das Ritual genannt, das er über 50 Jahre beibehielt. Es war eine reiche Ernte: Seine in sechs Bänden erschienenen "Cahiers" sind eine ungemein anregende Lektüre. Ein anderes Beispiel für die Schönheit des notierten Augenblicks liefert der Journalist Peter K. Wehrli. Er reiste 1968 im Orient-Express von Zürich nach Beirut, und kurz nach Abfahrt merkte er, dass er seinen Fotoapparat vergessen hatte. Er ärgerte sich, aber dann beschloss er, all das, was er sonst fotografiert hätte, mit Worten nachzubilden. Das Projekt wuchs sich zu einem "Katalog von Allem" aus, dessen neueste Lieferungen unregelmäßig als Buch erscheinen und so inspirierend sind wie ein Fotoalbum. Dazu passt, was die Journalistin Josephine Wolff neulich im US-Magazin "Atlantic" schrieb: "Mein Beruf findet am Computer statt, aber mein Leben ereignet sich im Notizbuch."

Im Internet breitet sich das Phänomen des "bullet journal" aus. Bei Instagram findet man unter diesem Stichwort 100.000 Bilder. Sie zeigen Notizbücher, von Hand beschriftet: eine Gegenbewegung von Leuten, die das Web entschleunigen. Notieren ist Besinnung und Selbstversicherung, deshalb mutet es so ungewöhnlich an, dass die Tempomacher der Digitalisierung die physische Erfahrung, Papier zu beschriften, auf Computer übertragen. Auf das iPad Pro etwa kann man mit einem speziellen Stift schreiben. Apps wandeln Handgeschriebenes in Druckbuchstaben um. Und Moleskine kooperiert mit digitalen Notizbüchern wie Evernote.

Der Angriff der Vergangenheit auf die übrige Zeit. Jedes Notizbuch ist ein Roman, den der Besitzer erst noch schreiben muss.

Quelle: RP
 
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