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Die Angst vor dem Fremden

Der Philosoph Bernhard Waldenfels beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Phänomen der Fremdenangst und ihrer Kulturgeschichte. Ein Gespräch mit dem emeritierten Professor über eine der größten Herausforderungen dieser Tage. Von Annette Bosetti

Seit mehr als 30 Jahren ist Bernhard Waldenfels der Erforscher des Fremden unter den Philosophen. Für ihn stellt sich die Frage nicht primär soziologisch, sondern er untersucht das gesamtmenschliche Phänomen. Als er 1990 sein Buch "Der Stachel des Fremden" herausbrachte, war von Überfremdung in Deutschland noch nicht die Rede. Heute hat sich die Lage angesichts täglich neuer Flüchtlingsströme, anlässlich von Pegida-Demonstrationen und brennenden Flüchtlingsunterkünften dramatisch zugespitzt. Ein Gespräch mit dem in München lebenden Philosophen über das Fremde.

Sind wir in anderen Ländern, finden wir Gefallen an fremden Menschen und deren Sitten, Ritualen. Sind fremde Menschen hier bei uns, können wir vieles nur schwer tolerieren. Woran liegt das?

Waldenfels Diese Inkonsequenz gehört, so scheint mir, zur Ambivalenz des Fremden. Wir wollen etwas davon, aber bitte nicht zu viel. Fremdes, das uns aus sicherer Distanz begegnet, hat den Reiz des Exotischen, das unsere Neugier anregt. In der wilhelminischen Zeit des Kolonialismus stellte man "Neger" in Käfigen zur Schau wie in einem Zoo. So etwas ist heute nicht mehr zu befürchten. Auch die Völkerkundemuseen streifen das bloß Museale ab, indem sie historische und geographische Kontexte herstellen. Doch der Fremde, der uns auf den Leib rückt wie zur Zeit die vielen Flüchtlinge, der uns etwas abverlangt und uns im eigenen Haus heimsucht, erregt Widerstand; man klammert sich ans Eigene oder an das, was man für das Eigene hält. Erst in der Nähe entscheidet sich, wie man es mit dem Fremden hält.

Warum haben wir Menschen Angst vor dem Fremden?

Waldenfels Angst vor welchem Fremden, dem Fremden außer uns oder in uns? Ich bin überzeugt, dass Fremdheit im eigenen Haus, am eigenen Leib, in der eigenen Sprache beginnt. Freuds Satz "Das Ich ist nicht einmal Herr im eigenen Hause" und Nietzsches Bemerkung "Jeder ist sich selbst der Fernste" spielen an auf ein radikal Fremdes. Was die Angst angeht, so beginnt auch sie mit dem Unheimlichen im eigenen Heim, mit dem, was sich unserer Verfügung entzieht und uns doch anrührt und angeht. In der Angst vor dem fremden Anderen spiegelt sich die Angst um uns selbst und vor uns selbst. Diese Angst verführt zu Abwehrmaßnahmen, die sich gegen das Fremde richten, als sei dieses etwas, das zu überwinden ist.

Dieses Gefühl sitzt wohl sehr tief?

Waldenfels In der Tat, das Gefühl der Angst prägt unsere leibliche Existenz, beginnend mit der Geburt, die für uns selbst nie Gegenwart war, und endend mit dem Tod, der für uns nie Gegenwart sein wird. Das Erschrecken ist ein Pathos, das uns widerfährt, gleich dem Erstaunen, mit dem laut Platon die Philosophie beginnt. Die Frage ist, wie wir mit der Angst vor dem Fremden umgehen, ob sich ein Fremdvertrauen herausbildet. Diese Frage stellt sich schon beim Fremdeln des Kindes, das Sprache zunächst als eine Welt fremdartiger Laute und als eine Sprache der Anderen kennenlernt. "Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde", schreibt Hölderlin.

Wann und warum kann dieses Gefühl in Hass umkippen?

Waldenfels Fremdheit und Feindschaft, die im Hass gipfelt, sind eng verwandt. Hass und Liebe, die in ihren stärksten Formen den Anderen von Grund auf verneinen oder bejahen, können sich vermischen in der Hassliebe. Dies entspricht dem ambivalenten Charakter des Fremden, das zugleich verlockt und erschreckt. Der Umschlag von Liebe in Hass entspringt oft einer enttäuschten Liebe, so bei dem ins Abseits Getriebenen in Goethes "Harzreise", "der sich Menschenhass aus der Fülle der Liebe trank". Nähe, die nie total sein kann, macht besonders empfindlich. Dies lehren uns Familienfehden und Bruderkriege.

Welche Rolle spielt dabei Intoleranz?

Waldenfels Toleranz und Intoleranz haben ihren Platz im Vorzimmer von Liebe und Hass. Es gibt eine schwächliche Toleranz, die Fremdes nur duldet und der Gleichgültigkeit nahekommt. Was mich nicht interessiert, kann ich leicht tolerieren und ignorieren. Eine starke Form der Toleranz, die der Intoleranz abgerungen wird, bedeutet, dass man den Anderen, der anders lebt, anders denkt, anders glaubt, in seiner Andersheit bejaht und erträgt. Ein Satz wie "Ich kann dich nicht riechen" deutet an, dass die Sinne an einer leibhaftigen Fremdheit beteiligt sind. Fremdheit ist keine bloße Idee.

Unter Wissenschaftlern überwiegt die Auffassung, Fremdenangst beruhe auf einem gesellschaftlich hergestellten und somit beeinflussbaren Mechanismus. Oder stimmen Sie eher der sozialbiologischen These zu, Fremdenfeindlichkeit gehöre zu den menschlichen Anlagen?

Waldenfels Mir scheint, dass die Alternative: hier natürliche Anlage, dort gesellschaftliches "Konstrukt", wie es heute vielfach heißt, die Sache des Fremden gründlich verfehlt. Als leibliche Wesen leben wir auf der Schwelle zwischen Kultur und Natur; dies lehren uns nicht zuletzt Ethnologen wie Lévi-Strauss. Nichts ist rein natürlich, nichts rein kulturell, auch nicht die Angst und auch nicht die Fremdheit. Es gibt Situationen wie die Dunkelheit oder die Dämmerung, französisch: "entre chien et loup", in der Hund und Wolf nicht sicher zu unterscheiden sind, oder die Drohgebärde, die uns Angst macht; doch die Art und Weise, wie wir auf unheimliche Situationen antworten und wie wir mit dem Fremden umgehen, ist ein variables Erzeugnis der Kultur. Es gibt eine Angstgeschichte, ähnlich wie es nach Freud ein Triebgeschick gibt. Dies schließt nicht aus, dass es darin Spuren einer Naturgeschichte gibt.

Im Griechischen beinhaltet das Wort für den Fremden, "Xenos", zugleich den Begriff Gast. Auch im Lateinischen gibt es für das Wort "hospes" zwei Bedeutungen, nämlich Gast und Fremder, während "hostis" zugleich Fremdling und Feind bedeutet. Was sagt das über unsere Beziehung zum Fremden aus?

Waldenfels Der Gast ist ein Fremder besonderer Art, ein Fremder auf der Schwelle. Er gehört dazu, aber nicht ganz. Als jemand, der unterwegs ist, ist er besonderen Gefährdungen ausgesetzt. Gastfreundschaft und Gastrecht gehören daher zu den ältesten Kulturgütern. So heißt es im jüdischen Buch Mose: "Die Fremdlinge sollst du nicht schinden noch unterdrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen", und bei den Griechen trägt Zeus den Beinamen Xenios. Der Soziologe Simmel, der als assimilierter Jude die Situation der halben Zugehörigkeit am eigenen Leib erfahren musste, bestimmt den Gast, im Gegensatz zu allen Gepflogenheiten des Gastrechts, als jemanden, "der heute kommt und morgen bleibt". Wir haben noch das schillernde Wort "Gastarbeiter" im Ohr, das vielfach recht gedankenlos verwendet wurde. Alles in allem ist die Gastlichkeit keine bloße soziologische Spezialität, sie ist Kern eines Ethos des Fremden.

Bereits in der Antike waren Vorurteile gegen die Barbaren geläufig, Fremde ohne Bürgerrechte eine Realität. Zugleich aber wurde Fremden - das sehen wir am Wort - eine besondere Achtung entgegengebracht. Hat sich das gehalten?

Waldenfels Die Barbaren gehören zu den schwarzen Schatten des Fremden. Barbaren sind wörtlich solche, die unverständliche, fremdländische Laute von sich geben, denen es aber darüber hinaus an einer zivilisatorischen Vernunft mangelt. Dies war bei den Griechen nicht von Anfang an so; bei Homer werden die Trojaner den Griechen gleichgestellt, Hektor ist kein Barbar. Mit der philosophischen Entdeckung einer allgemeinen Vernunft geht der Ausschluss einer als barbarisch betrachteten Unvernunft einher. So darf man laut Platon mit den Barbaren Vernichtungskriege führen im Gegensatz zu Bruderkriegen zwischen Griechen. Dieser Ausschluss des feindlichen Fremden durchzieht die europäische Geschichte. Die Spuren reichen von den Barbaren, Heiden, Ungläubigen, Hunnen, Wilden bis zu den Untermenschen, den Klassenfeinden oder Menschheitsfeinden der Gegenwart, bis hin zu den Displaced Persons der Nachkriegszeit und den Folterkäfigen auf Guantanamo. Problematisch ist die Verwandlung von Fremden in Feinde. Dies ist die eine Seite. Andererseits stimmt es, dass es seit alters her neben der Barbarisierung des Anderen eine geachtete Fremdheit gibt, etwa in Gestalt des Sokrates, der als ortlos, fremdartig, als atopos beschrieben wird, oder in Gestalt der Diotima, die im Symposion stets als Fremde, als xene angeredet wird; auch Brechts Begriff der theatralischen Verfremdung geht auf die aristotelische Rhetorik zurück. Man sollte die westliche Geschichte des Fremden nicht schönreden, sie aber auch nicht unterschiedslos anschwärzen.

Die Welt ist heute ein globales Dorf. Das hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon 1962 geschrieben und die Ausweitung der digitalen Kommunikation dafür verantwortlich gemacht. In derselben Geschwindigkeit, mit der die Welt zusammenrückte, nahmen offenbar die Abwehrhaltungen zu. Was muss oder kann der Mensch, die Gesellschaft, als Korrektiv einsetzen?

Waldenfels Die Rede vom globalen Dorf ist höchst missverständlich. Das Dorf steht für das Lokale, für die Verankerung im leibhaftigen Hier, mit dem Beiklang der Enge und Beschränktheit; das Globale steht dagegen für die Erdkugel, auf der alles irgendwo ist. Heißt dies nun, dass wir überall hier sind? Besteht nicht die Gefahr, dass die theologische in eine technologische Allgegenwart umgedichtet wird?

Dies führt zu einer kulturpolitischen Pendelbewegung.

Waldenfels Auf der einen Seite haben wir einen Globalismus, der annimmt, dass alles irgendwo zusammenhängt, und für den es gleichgültig ist, wo sich jemand befindet; man ist überall zu Hause und nirgends. Auf der anderen Seite haben wir einen Lokalismus, der sich an das Hiesige, Eigene und Bodenständige klammert mit einem Ressentiment gegen alles Urbane und Weltläufige. Das bayerische "Mia san mia" wird zur allgemeinen Parole. Gehen wir dagegen davon aus, dass Eigenes nichts ist ohne den Kontrast zum Fremden und dass umgekehrt Fremdes nichts bedeutet ohne den Rückverweis auf Eigenes, so bedeutet dies, dass wir zugleich hier sind und anderswo.

Und wofür steht dieses Anderswo?

Waldenfels Für das, was Musil den Möglichkeitssinn nennt, das Hier für einen unerlässlichen Wirklichkeitssinn. Wer nirgends zu Hause ist, hat auch keinen Ort, an dem er Fremde empfangen kann.

Was raten Sie den Menschen in Deutschland? Wie lässt sich heute Angst vor Fremden überwinden?

Waldenfels Angst lässt sich nicht wegreden. Es gibt traumatische Angsterlebnisse, die den Lebensnerv treffen und nur therapeutisch bearbeitet werden können. Ängste werden durch Einbildungen verstärkt, und diese können tödlich sein wie in der Ballade vom Erlkönig. Es gibt berechtigte Ängste, die sich nur bekämpfen lassen, indem man den Gefahren ins Auge blickt und nicht in Panik gerät, so wie man Phobien kuriert, indem man den Patienten an den Anblick der furchteinflößenden Objekte und Situationen gewöhnt. Ein völlig angstfreies Leben wäre ein apathisches Leben, frei von den Überraschungen, auch von den produktiven Überraschungen des Fremden. Doch sind Ängste immer nur die eigenen Ängste? Gibt es nicht auch gemeinsam erlebte Bedrohungen, die solidarische Formen der Angstbewältigung hervorrufen? Und schließlich, wer hat Angst vor wem? Man schaue, wie Hund und Katze umeinander herumschleichen. Wenn Hobbes versichert, das größte Übel sei der Tod durch fremde Hand, so setzt er voraus, dass es einem jeden zuallererst um seine eigene Selbsterhaltung geht. Doch dies ist ein fragwürdiges Dogma der Moderne.

Wie kann die Politik Zeichen setzen, die über Zelte bauen und Brot verteilen hinausgehen und tatsächlich etwas für die Völkerverständigung im eigenen Land tun?

Waldenfels Vielleicht wäre das Erste, dass man das Zeltebauen und Brotverteilen als eine Gabe versteht, die Empfänger hat, und nicht nur als Notmaßnahme wie das Eindämmen eines Flusses. Verständigung setzt voraus, dass man einander Aufmerksamkeit schenkt, dass man hinschaut und hinhört, bevor man argumentiert. Sie setzt voraus, dass man fremde Sprachen lernt und dies nicht nur von den Ankommenden fordert. "Lernt Sprachen. Auch die nicht vorhandenen", ermahnt uns der polnische Aphoristiker Lec. Eine Politik des Fremden wäre eine Politik, die sich an den Grenzen des Normalen bewegt.

Was müssen die Asylsuchenden, die Flüchtlinge ihrerseits beachten?

Waldenfels Aus der Sicht der Betroffenen würde ich weniger von Integration sprechen als von der Suche nach einer Zugehörigkeit, die ihre eigene Herkunft, also auch ihre partielle Fremdheit nicht verleugnet. Doch wer von uns ist ganz und gar im eigenen Land zu Hause? Schon Descartes, der auch als Philosoph ein Migrantenschicksal durchlebte, schrieb: "Einen Fuß in einem Land, den anderen in einem anderen", das ist wahre Freiheit.

Nietzsche sagte, der Sinn der Gastfreundschaft liege darin, das Feindliche im Fremden zu lähmen. Könnten wir, wenn wir das beherzigen, Asylbewerber als Chance begreifen?

Waldenfels Schwierige Frage. Empfindet man im Fremden zunächst den Feind, wie Nietzsche suggeriert? Hier müsste man beachten, dass Nietzsche unter dem guten Feind jemanden versteht, den man nicht zu vernichten sucht, sondern an dem man seine Kräfte misst. So warnt er davor, nur Gäste zu erwarten, an denen man "fürlieb nimmt". Zur Fremdheit gehört auch das Widerständige. In diesem Sinne habe ich mein erstes Buch über die Fremdheit "Der Stachel des Fremden" genannt: Das Fremde stachelt uns an, es stimuliert uns, zugleich verletzt es unsere Eigenliebe, unser Eigeninteresse. Es stellt uns in Frage, es reißt uns aus dem Schlummer der Normalität. Darin liegt in der Tat eine Chance für die Aufnahme von Asylanten und Flüchtlingen, die beiden Seiten zugute kommt.

Quelle: RP
 
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