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Düsseldorf
Die Königin der Performance

Düsseldorf. Marina Abramovic erzählt erstmals aus ihrem Leben, so dass man den Sinn ihrer Aktionen versteht. Heute wird die Künstlerin 70. Von Annette Bosetti

Anfangs fanden sich gerade mal 20 bis 40 Zuschauer ein, wenn sie agierte, sich im Namen der Kunst entblößte oder selbst gefährdete. 1978, in einer Galerie in Wiesbaden, ließ sie sich auf eine Python ein. Zuerst in Edinburgh, später an anderen internationalen Schauplätzen, rammte sie sich ein Messer in die Finger nach dem tückischen System des russisches Roulettes. Einmal wurde die als "Marina Dolorosa" auch gern ins Lächerliche gezogene Künstlerin sogar ohnmächtig in den Flammen, die sie selbst provoziert hatte. Sie musste von Zuschauern gerettet werden. Die sind ja immer da. Ohne Publikum keine Performance. Immateriell nennt man solche Kunst, bei der der Energieaustausch im Augenblick entsteht. Was bleibt, ist Erinnerung oder Überlieferung.

Marina Abramovic wurde oft missverstanden in den zurückliegenden vier Jahrzehnten - als Selbstdarstellerin, Exhibitionistin oder Masochistin etikettiert, der es alleine darum gehe, das Publikum zu schockieren. Doch als die diplomierte Kunstmalerin am 14. März 2010 ihre längste Performance aller Zeiten anging, noch dazu im medienwirksamen New Yorker Museum of Modern Art, da schien ihr endlich die Anerkennung als Mitglied des Großkünstlertums sicher, nach der sie sich lange gesehnt hatte. Heute steht die 1946 in Belgrad Geborene als Fixstern der internationalen Performancekunst da.

Aus Anlass ihres 70. Geburtstages hat die radikale Künstlerin Einblick in ihr bewegtes wie bewegendes Erwachsenwerden zugelassen. Sie hat für das Buch "Durch Mauern gehen" dem US-Biografen James Kaplan all das erzählt, was ihre Persönlichkeit geprägt, beseelt und gefordert hat. 700 Stunden sollen die beiden miteinander verbracht haben. 469 Seiten sind daraus geworden, chronologisch geordnet. Ein anregendes Lesebuch, das vieles in einem schwierig verlaufenden Leben plausibel erscheinen lässt - in einem Frauenleben, das von Grenzerfahrung, Rebellion, Wut, Schmerz, Liebe und Sehnsucht getrieben ist. Vor dem Hintergrund der Entsagungen als Kind im ehemaligen Jugoslawien, der Auseinandersetzung mit den Eltern, die hochrangige Partisanen und stramme Kommunisten waren, versteht man vielleicht ihre Unruhe, die sie bis heute zur Explosion treibt. Ihr Impetus rührt auch von lebenslangen Minderwertigkeitskomplexen. Die Idee zu ihrer ersten Performance: "Ich würde in meinen normalen Kleidern vor ein Publikum treten und mir dann nach und nach die Sachen anziehen, die meine Mutter immer für mich kaufte - langer Rock, dicke Strümpfe, orthopädische Schuhe, hässliche Pünktchenbluse. Dann würde ich mir einen Revolver mit einer Kugel in der Trommel an die Schläfe halten und abdrücken." (Der Vorschlag wurde 1969 vom Belgrader Kulturzentrum abgelehnt. Zum Glück.)

Gemalt hatte die junge Marina auch, die eigenen Bilder gefielen ihr nie. Ein Wandobjekt mit Erdnuss trieb sie sodann in die dritte Dimension, und als erste Performance führte sie 1973 in Edinburgh ihr Messerspektakel "Rhythm 10" auf. Joseph Beuys war damals der Star des schottischen Festivals, er schaute zu, als Abramovic mit dem Messer traf, ihr Blut aufs weiße Papier tropfte. Die Künstlerin hatte während dieser Aktion ein Schlüsselerlebnis. Es überkam sie ein Gefühl, wie wenn Strom durch alle Körper flösse, "als wären das Publikum und ich eins geworden", schreibt sie im Buch. Sie liebt diese Energie der Performance, man agiere nicht alleine als Selbst, sondern von einer höheren Ebene des Selbst aus.

Der deutsche Kulturmanagerstar und New Yorker Chefkurator Klaus Biesenbach hatte Abramovic zu der Performance im MoMa überredet, die nach ihrer eigenen Einschätzung die strapaziöseste ihres Lebens war und im Rahmen einer Ausstellung lief. An 75 Tagen verharrte sie von morgens bis abends auf einem hölzernen Stuhl. Nahezu bewegungslos. Ohne WC-Pause, ohne Trinken und Essen. Eingehüllt in ein überlanges Kleid, mal rot, mal blau, mal weiß. Den Blick gesenkt. Acht Stunden am Tag. Vor ihr ein Tisch, gegenüber ein zweiter Stuhl.

Ab dem ersten Tag schon stehen die Menschen Schlange, um gegenüber der wie eine Wachsfigur wirkenden Künstlerin Platz zu nehmen. Wortlos schaut man sich in die Augen, so lange, wie es passt. Berühren und Sprechen verboten.

Es gab Leute, die setzten sich öfter als 20 Mal auf den Stuhl. Stumme Verständigung und Rührung im eiskalten Scheinwerferlicht des Atriums, vor tausenden Handys und laufenden Kameras. 736 Stunden dauerte die Performance, 750.000 Besucher sahen zu. 1500 Menschen, darunter Stars wie Sharon Stone, Isabella Rossellini, James Franco und Björk; die Düsseldorfer Videokunstsammlerin Julia Stoschek kam auch. Lady Gaga schaute nur zu, doch alleine ihre Präsenz sorgte dafür, dass die Performance via Twitter und YouTube breitenwirksam wahrgenommen wurde.

Auch Ulay, Abramovics wichtigster Weggefährte und langjähriger Performancepartner, traute sich an den Tisch. Fast ein wenig verlegen nahm er Platz. Als Abramovic aufschaute zu ihrer einstmals großen Liebe, konnte sie nicht anders, als ihre Hände über den Tisch zu schieben, ihn zu berühren. In beider Augen war Rührung.

Nur dieses eine Mal hatte Abramovic eine Grenze, die sie gesetzt hatte, selbst nicht einhalten können. Normalerweise ist das ihre Königsdisziplin. Nicht nur die Grenzen des eigenen Körpers wie die des Kunstbetriebs auszuloten, sondern auch die Grenzen dessen, was ein Publikum auszuhalten vermag. Im Leben wie in der Kunst, sagt sie, geht es um Disziplin, Selbstkontrolle, Konzentration. "Wenn du es schaffst, Linsen und Reiskörner zu zählen, wirst du auch das Leben meistern." Und man schaut auf das Coverfoto der schönen Reiskornzählerin, die 100 werden will, die sagt, dass das Leben nur ein Traum und der Tod das Erwachen ist. In ihren Zügen liegen Klarheit, Kühnheit, Entschlossenheit, Mut, Milde . . . auch Künstlichkeit. All das, was sie zur Performance-Königin macht.

Quelle: RP
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