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Frankfurt/Main
Die Maler der Medici mögen es bizarr

Frankfurt/Main. Florenz als erstes Zentrum des europäischen Manierismus ist das Thema einer hochrangigen Ausstellung im Frankfurter Städel. Von Bertram Müller

Der heilige Hieronymus wirkt nur in Maßen wie ein Büßer. Man könnte sich auch vorstellen, er habe soeben das Fitnessstudio verlassen und sei nun in die spärlich angedeutete felsige Einöde zurückgekehrt. Jacopo Pontormo (1494-1557), einer der bedeutendsten Maler des Manierismus, hebt in seinem Bild die Muskeln hervor und will damit womöglich zeigen, dass sich die Tugend eines Heiligen auch in körperlicher Stärke zu erkennen gibt. Eine in sich verschraubte Figur, die typisch ist für die Stilrichtung, der sie entstammt. Der Manierismus wollte die Harmonie der Hochrenaissance sprengen, wollte da Vinci, Michelangelo und Raffael unter sich lassen und erschuf eine bis dahin nicht gekannte Welt individualisierter Figuren.

Das Frankfurter Städelmuseum hat unter dem Titel "Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici" 120 Gemälde, Skulpturen und grafische Blätter versammelt, die ein Porträt der damaligen Neuerungen in der Kunst und zugleich der gesellschaftlichen Umbrüche ergeben. Den Medici gefielen die bizarren Bildfindungen so sehr, dass sie den jungen Wilden eine Fülle von Aufträgen erteilten. Und das waren keinesfalls nur Porträts. Heute würde man solche Bilder "stylish" nennen: kapriziös, elegant, extravagant. Eine Maria mit transparentem Oberteil wie in Rosso Fiorentinos "Heiliger Familie mit dem Johannesknaben" war bis dahin in der Malerei kaum vorstellbar.

Erst recht lässt sich ermessen, wie groß der Sprung in eine neue Kunstwelt war, wenn man Raffaels "Madonna Esterházy" von 1507/08 neben Pontormos neun Jahre später entstandener "Madonna mit Kind und dem Johannesknaben" betrachtet: hier eine ebenmäßige, als Pyramide aufgebaute Komposition mit idealisierten Gesichtern, dort eine Nahsicht, die sich auf die drei genannten Gestalten beschränkt. Der Penis des nackten Jesuskinds weist zum Betrachter, Maria scheint gerade zum Sprechen anzusetzen, die beiden Kinder wirken ungebärdig und lebensfroh.

Pontormo ist der Star der Frankfurter Schau, eines seiner Meisterwerke die fast zwei Meter breite "Anbetung der Könige". Darin wimmelt es von farbenprächtig gekleideten Figuren, die die Anbetung zum Fest erheben. Als erfindungsreicher Porträtist erweist sich Pontormo in seinem "Bildnis eines Goldschmieds": leicht gedrehter Oberkörper mit angewinkeltem, auf der Brust aufliegendem Arm.

Die nächste Station der Schau, die sich über zwei Etagen erstreckt, führt zunächst fort aus Florenz zur Plünderung Roms durch die Söldnertruppen Karls V. Die Ereignisse haben auch Folgen für Florenz. Die Fraktion der Medici-Gegner vertreibt die Familie aus der Stadt und ruft die Republik aus. Doch im Herbst 1529 beginnen Truppen des Kaisers die Stadt zu belagern, die Republik Florenz muss sich ihnen beugen. Wie so oft in der Geschichte ist auch in Florenz diese Zeit gesellschaftlicher Umwälzungen eine der produktivsten, erneuerungsfreudigsten Perioden in der Malerei. Die stadtgeschichtlichen Ereignisse spiegeln sich vor allem in den vier Versionen des Motivs "Martyrium der Zehntausend" von Pontormo, Bronzino und Perino del Vaga. In der Ausstellung sind sie erstmals an einem Ort zusammengeführt.

Wie "Die Anbetung der Könige" ist auch das "Martyrium" Pontormos ein Wimmelbild. Es geht um die 10.000 Märtyrer, die von Diokletian verurteilt worden waren und allesamt in einem Wald gekreuzigt wurden. Nackte Männerleiber füllen die dramatische Komposition.

Das nächste Kapitel zeichnet den Aufstieg Agnolo Bronzinos zum führenden Porträtmaler in Florenz nach. Den Mittelpunkt bildet ein Besitz, dessen sich das Städelmuseum glücklich schätzt: Bronzinos "Bildnis einer Dame in Rot", das Porträt einer im Sessel seitlich zum Betrachter gewandten, ehrwürdigen Dame mit Schoßhündchen. Städelchef Max Hollein sieht in solchen Bildern auch das "self-fashioning" unserer Gegenwart, in der Stil alles bedeute.

Zu jener Zeit, als die "Dame in Rot" entstand, war Alessandro de' Medici bereits in den Familienpalast nach Florenz zurückgekehrt. Unter Alessandro, dem ersten Herzog von Florenz, begann Pontormos Schüler Bronzino seinem Lehrer den Rang des führenden Malers streitig zu machen.

Vorbei an einer verkleinernden Nachbildung der Treppe in Michelangelos "Treppenhaus der Biblioteca Laurenziana" läuft man in die Endgerade der Ausstellung ein. Noch einmal reiht sich Porträt an Porträt, Statuetten von Benvenuto Cellini treten hinzu, und das Schlusskapitel gilt vor allem dem Mann, der von der Kunst seiner Zeit "Maniera" forderte, eigenen Stil: dem Künstler, Architekten und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari.

Wie sehr die Malerei jener Zeit in die florentinische Kultur eingebettet war, geht aus Vasaris Gemälde "Sechs toskanische Dichter" hervor. Dante Alighieri erscheint darin als Schlüsselfigur. Als einziger Sitzender thront er in einem mit Löwenköpfen verzierten Faltstuhl, ringsum Erd- und Himmelsglobus, Tintenfass und Bücher als Zeichen der Gelehrsamkeit. Boccaccio, Petrarca und Vergil müssen sich mit einem Platz im Hintergrund begnügen.

Kaum zu glauben, dass da am Ende unscheinbar in einer Vitrine Pontormos originales Tagebuch ruht, eines der frühesten erhaltenen Künstlertagebücher überhaupt. Man kann zwar nicht drin blättern, doch Faksimiles an den Wänden rücken mit ihrem Schriftbild den Besuchern den führenden Kopf der Maniera ganz nahe. Das hat Stil.

Quelle: RP
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