| 10.21 Uhr

"Großstadtgeflüster"
Die Melodie der Großstadt

Nach mehreren mittelmäßig erfolgreichen Alben hat sich die Berliner Kombo Großstadtgeflüster zur deutschen Band des Jahres gemausert. Zu verdanken ist das vor allem Sängerin Jen, die mutig mit Sprache und Betonung spielt. Von Konrad Schnabel

Manchmal lässt der Erfolg eben auf sich warten. Zwölf Jahre lang rumpelte das Berliner Elektro-Fun-Punk-Trio Großstadtgeflüster (GSGF) durch Clubs und alternative Festivals und avancierte zu einer Art Sprachrohr für alberne Anarchos und leidenschaftliche Loser mit Selbsterhaltungstrieb. Der erste Plattenvertrag kam schneller, als es Jen(nifer) Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk lieb war, aber durch diesen fühlten sich die Drei zur Kreativität und der zeitnahen Umsetzung ihrer Ideen verpflichtet. Sechs Alben entstanden zwischen 2006 und 2013, ohne dass sonderliche Ausschläge im Erfolgs-Barometer zu verzeichnen gewesen wären. Doch nun sind GSGF die wichtigste deutsche Band des Jahres.

Und das liegt vor allem an der antiautoritär aufgewachsen Sängerin Jen, die es versteht, mit ihrer unbeschwert praktizierten Punk-Attitüde und Hauptstadt-Hermeneutik zu becircen. Sie spielt mutig mit Sprache und Betonung, auch wenn manche Reime der frechen Kettenraucherin an die Rappelkiste oder Deichkind erinnern. Sie hat keine Angst vor Stilbrüchen und erhebt die Regression zur Kunstform. Am meisten beeindruckt aber die klare Haltung der kleinen Frau.

Hat da jemand Nina (Hagen) gesagt? Oder gar "neue Nena"? Bis auf die Achselhaare hat Jen nun wirklich nichts gemein mit der verdienten Neuen-Deutschen-Welle-Oma. Wenn schon generationsübergreifende Vergleiche mit Stars der NDW angestellt werden sollen, dann darf man GSGF bestenfalls als die neuen Ideal ("Berlin", "Blaue Augen") bezeichnen - alleine schon wegen der exakten Vertonung des aktuellen Hauptstadtgefühls. Jen findet "Rosenstolz auf Crack" als schönste Beschreibung ihres Stils, aber Großstadtgeflüster sind und bleiben vor allem GSGF. Ein Trio, das macht, was es will. Dessen Konzept die konsequente Konzeptionslosigkeit ist. Das trotz eines Plattenvertrags mit Four Music immer noch wie eine Indie-Band arbeitet und über sämtliche Schritte die Kontrolle behält. Das alles selbst macht: Vom Artwork über Videos bis zu Pressetexten.

Waren ihre Songs in der Vergangenheit vielleicht eine Spur zu naiv, radikal oder konsequent für ein größeres Publikum, so schüttelten GSGF seit Ende 2015 drei Songs aus dem Ärmel, die das schlagartig änderten. Es begann mit dem Wochenendhäuschen auf der "Fickt-euch-Allee". Ein ulkiger Lo-Fi-Beat wurde auf den poppigen Punk(t) gebracht und der Refrain zwingt einfach zum Mitgrölen. Die Nummer fegte zur Jahreswende durchs Netz, wurde sogar unzensiert im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt und erfuhr immerhin drei Wochen lang Charts-Ehren in Österreich.

"Dass der Song so eingeschlagen ist, liegt wahrscheinlich daran, dass er von einem zutiefst menschlichen Gefühl handelt. Und das verbindet. Auch live ist das eine unglaubliche Kraft und Energie, die da auf uns zuschwappt, wenn wir das Lied spielen. Es ist sehr befreiend, einfach mal den Mittelfinger ins Universum zu strecken", sagte Jen in einem Interview. In Berlin wuchs die Ode an die schlechte Laune (welche den Hauptstädtern nicht ganz zu Unrecht nachgesagt wird) inzwischen zur neuen Stadt-Hymne. Im vielgeklickten Video treffen GSGF auf den Straßen Berlins ein paar ihrer Fans wie Andreas Bourani, Marteria, MC Fitti und Miss Platnum.

Mitte dieses Jahres schob die Band den Song "Blaues Wunder" nach. Eine zeitlose Ballade mit unwiderstehlichem Gitarrenriff und einem enormen Ohrwurmpotential. Dafür legte Jen sogar zwischenzeitlich ihr Berliner Idiom ab, intoniert in halbwegs seriöser Stimmlage und mit elaboriertem Gesang ein Pop-Stück, das es beinahe zum bundesweiten Radio-Hit geschafft hätte. Der Promille-Kracher demonstriert allerdings, über welches enorme Potential die drei Ü-30er verfügen. Noch bevor irgendjemand auf die Idee kam, das GSGF nun mit sogenanntem Erwachsenen-Pop à la Klee oder Silbermond weitermachen und die dicke Kohle scheffeln, bringen sie nur wenige Wochen später ihr neues Stück "Ich rollator mit meinem Besten" in guter alter Manier (inklusive Headbanger-Beat und Berliner Schnauze) heraus. Ein beinahe fröhliches Lied übers Älterwerden ("früher war ich knackig, heute knack ich noch viel mehr"), zu dem Großstadtgeflüster wieder zeigen, dass man auch mit ökonomischer Anarchie gute Videos machen kann.

Quelle: RP
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