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Bonn
Die Menschheit im Schnelldurchgang

Bonn. Vom Schädel eines Homo sapiens bis zum Manuskript von Einsteins Relativitätstheorie - die Bundeskunsthalle Bonn breitet zurzeit eine kurze Geschichte der Menschheit aus. Dabei lehnt sie sich an den gleichnamigen Bestseller an. Von Bertram Müller

Bildung ja, aber bitte kompakt, unterhaltsam und leicht verdaulich - dieser Forderung unserer Zeit kommt die Bundeskunsthalle in Bonn mit einer bemerkenswerten Ausstellung nach. Angehende Abiturienten erfahren darin im Schnelldurchgang das Wichtigste aus 800.000 Jahren Kulturgeschichte, traditionelle Museumsgänger bekommen die Schädel eines Homo sapiens und eines Neandertalers vorgesetzt und dazu die älteste, vor 780.000 Jahren benutzte Feuerstelle Eurasiens. Wem das zu trocken ist, der mag sich an reichlich Gegenwartskunst erfreuen, die die Geschichte der Menschheit reflektiert. Fast alle Objekte stammen aus dem Israel Museum in Jerusalem, dem Nationalmuseum, das 1965 unter dem Bürgermeister Teddy Kollek errichtet wurde. Das Konzept der Schau stützt sich auf einen Bestseller: "Eine kurze Geschichte der Menschheit", verfasst vom israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Die Ausstellung entfaltet ihre Wucht vor allem durch ihre prähistorischen Objekte: 500.000 Jahre alte Werkzeuge aus der Siedlungsstätte von Ubeidiya bei Bethlehem zum Beispiel und ein 60.000 Jahre altes Zungenbein, das in Nordpalästina gefunden wurde und davon zeugt, dass der zugehörige Neandertaler sprechen konnte. Die Gegenwartskunst, die sich darum gruppiert, wirkt dagegen oft etwas bemüht. Die Künstler haben sich dieses Umfeld nicht selbst ausgesucht, ihre Werke wurden ins Konzept der Kuratoren eingespannt. So müssen sich die Cornflakes-Schachteln, die Haim Steinbach mit Krügen aus Eisen- und Bronzezeit kombinierte, in die Abteilung "Die landwirtschaftliche Revolution" fügen, und Doron Solomons' Video "Shopping Day" muss die Landwirtschaft aus vorgeschichtlicher Zeit gleichfalls in die Gegenwart verlängern.

Auch die Antike setzt in der Ausstellung einen Blickfang - mit einigen der ältesten Münzen der Welt. Diese Elektronmünzen, meist aus einer Legierung aus Gold und Silber, sind im siebten Jahrhundert v. Chr. in Kleinasien geprägt worden. Zu den berühmtesten, in Bonn gezeigten zählen diejenigen mit der Darstellung eines äsenden Hirschen mit gesprenkeltem Fell, gerahmt von einer griechischen Inschrift: "Ich bin das Zeichen von Phanes", einem Gott der griechischen Mythologie.

So gelangt man von der "kognitiven Revolution" über die landwirtschaftliche und die industrielle zur wissenschaftlichen, vorbei an einer aus Fulda entliehenden Gutenberg-Bibel und der Kopie einer Glühlampe von Thomas Alva Edison. Dann trumpft das Israel Museum noch einmal mit einer eigenen Leihgabe von geistigem Gewicht auf: dem Originalmanuskript Einsteins zur Speziellen Relativitätstheorie. Es enthält die berühmte Gleichung "E = mc2". Teddy Kollek war davon überzeugt, dass dieser Text genauso bedeutend sei wie die Schriftrollen vom Toten Meer und fädelte den Erwerb des Manuskripts aus dem Nachlass des Gelehrten für das Israel Museum ein.

Immer wieder schlägt die Ausstellung eine Brücke von oft biblischen Stätten in die Gegenwart. Ein Beispiel ist die Abteilung "Stadt und Haus", in der sich ein tönernes Hausmodell aus der Frühbronzezeit mit einer Wohnkapsel von heute verbindet. Das etwa 20 Zentimeter hohe, quaderförmige Hausmodell stammt aus Arad, einer der bedeutendsten Städte im Land Kanaan gut 2000 Jahre vor Christus, Kreuzungspunkt zweier bedeutender Handelsrouten. Eine blühende Wirtschaft und Vielsprachigkeit kennzeichneten den Ort. Ausgrabungen haben öffentliche Gebäude, Tempel, Markplätze und Paläste zutage gefördert.

Warum jemand ein Modell der Häuser jener Stadt anfertigte, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Jedenfalls gibt das Stück über die Archäologie hinaus Aufschluss über die damalige Architektur. Die Häuser waren rechteckig, trugen jeweils ein Flachdach mit Vertiefungen, in denen sich das Regenwasser sammeln sollte. Sie umfassten einen Raum, der als Schlaf- und Aufenthaltsraum und als Küche diente, und dazu Seitenkammern.

Und heute? Der 1993 gestorbene israelische Künstler Absalon hat seine in der Ausstellung begehbare "Zelle Nr. 1" als minimalistisches Haus für eine Einzelperson entworfen: weißer Anstrich, Schlichtheit, Verzicht auf Details, eine Kombination einfacher geometrischer Formen. Absalon wollte auf solche Weise die Selbsterfahrung der Bewohner stärken. Die Enge der Architektur sollte denjenigen, der sie nutzte, auch in Momenten der Schwäche schützen, wenn es ihn nach menschlicher Gesellschaft dürstete. Es blieb indes bei einem Plan, aufgestellt wurden dieser Container nirgends.

Die Schau mündet in einen spekulierenden Ausblick, mit Bruce Conners Schwarzweiß-Film zu Atomtests der Amerikaner und Christopher Lockes ironischen "Modernen Fossilien", darunter ein künstlich versteinertes Telefon. Das ist der Rausschmeißer dieser schwungvollen, überladenen Geschichte der Menschheit, die die Besucher herausfordert, bei der einem Sehen und Hören aber auch leicht vergehen.

Quelle: RP
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