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Aachen
Die Pforte der Barmherzigkeit

Aachen. Mit Kunst beginnt im Aachener Dom am Sonntag das Heilige Jahr. Vera Sous hat mit Flüchtlingskindern 14 Banner geschaffen. Von Annette Bosetti

"Nackte kleiden" steht auf dem blauen Banner in einer der karolingischen Minuskel nachempfundenen Schrift. Kinder aus fernen Ländern haben das - Buchstabe für Buchstabe - meisterhaft aufgestickt. Dieselben Kinder haben auch die Szene dargestellt, die als übermalte Fotomontage ausgeschnitten und aufgenäht wurde. Denn diese Kinder sind Experten. Sie wissen eigener Erfahrung, wie man in Kleiderkammern Notwendiges ergattert. Sie sind alle Flüchtlinge, manche haben keine Eltern. Ein Junge aus der zehnköpfigen Gruppe ist noch nicht lange in Deutschland. Der 16-Jährige ist zu Fuß von Afghanistan gekommen.

"Nackte kleiden" ist nur eines der 14 Werke der Barmherzigkeit, die im Zentrum der Botschaft des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres stehen. Es gehört zu den sieben leiblichen Handlungsanweisungen, die ferner dazu aufrufen, Hungrige zu speisen, Fremde aufzunehmen, Gefangene zu besuchen, Durstenden zu trinken zu geben und Tote zu begraben. Dazu kommen sieben geistige Werke.

Im Aachener Dom werden heute diese 14 Banner aufgehängt, aber erst am Sonntag im Rahmen des feierlichen Hochamtes um 10 Uhr enthüllt. Papst Franziskus hatte anlässlich des außerordentlichen Heiligen Jahres die Bischofskirchen in Deutschland aufgefordert, am dritten Adventswochenende die Gläubigen erstmals durch Pforten der Barmherzigkeit ziehen zu lassen. Zu diesem Anlass hat das Domkapitel Aachen Kunst in Auftrag gegeben, die das Entree zur Marienkirche beidseitig mit Franziskus' Kernbotschaften verhüllen soll. Dompropst Manfred von Holtum will damit einen positiven Akzent in der aktuellen Flüchtlingskrise setzen. Er beauftragte die Künstlerin Vera Sous und bat sie, ihre Arbeit gemeinsam mit Flüchtlingen zu verwirklichen.

Vera Sous tat das gerne. Die 52-Jährige stammt aus einer bedeutenden Künstlerfamilie, in der der Vater Albert Sous - ein Gold- und Silberschmied - viele Aufträge für die Kirche übernimmt. Alle vier Kinder sind Künstler, von Stefan Sous sind die grünleuchtenden Bänke im Hofgarten den Düsseldorfern bekannt. Vera Sous ist Einzelgängerin. Ihr bildnerisches und plastisches Werk ist vielfältig, oft verschlüsselt. Sie baut in ihre Bilder und Plastiken oft leise Botschaften ein, drückt ihren Protest aus gegen die Mächtigen und Oberflächlichen in der Welt.

Dieses Mal geht sie anders vor, schon während des Arbeitsprozesses steht der Gedanke der Barmherzigkeit im Mittelpunkt. "Wir zeigen Barmherzigkeit, indem wir Fremde aufnehmen, sie in unsere Mitte, unser Zuhause, integrieren", sagt Sous. Sie hat die Flüchtlingskinder in ihr Atelier eingeladen, sie beherbergt und sie versorgt. Diese Geste stellte sie vor die Arbeit. Die Kinder aus Syrien, Eritrea und Afghanistan brachten ungeahnte Fertigkeiten mit, einige konnten sehr gut nähen, weil sie schon im Alter von fünf oder sechs Jahren in ihrer alten Heimat bis nachts an Nähmaschinen sitzen mussten. Nur ein Kind ist christlich getauft, die anderen sind Muslime. Aber in der gemeinsamen Arbeit an einer zutiefst christlich geprägten Botschaft haben sie zusammengefunden.

Sie stellten die Handlungen der Barmherzigkeit schauspielerisch nach, vieles fiel ihnen leicht. Nur Tote spielen - das wollten die meist traumatisierten Kinder nicht. Die 14 Szenen hat Vera Sous gemeinsam mit ihrer Tochter Ana fotografiert, verfremdet, abgemalt und appliziert. Am Ende wurde reliefartig hineingestickt. Viele Menschen halfen dabei. Über fünf Wochen sind die unterschiedlich langen Fahnen entstanden in Farben vom kalten Grau des Alltags bis zum verheißungsvollen Gold. Im Hintergrund bilden Architekturen und Landschaften malerische Ausblicke. Die Ornamente haben die Kinder nach Vorlagen aus der Renaissance gedruckt. Die Banner der Barmherzigkeit, die für ein Jahr die Vorhalle des Doms schmücken, öffnen den Raum zum Gebet und zur Reflexion unseres Lebens. In ihnen wird die Botschaft des Papstes nicht nur vermittelt, sondern auch vorgelebt. Eigentlich müsste Franziskus in Aachen vorbeischauen.

Quelle: RP
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