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Erlangen
Die Propaganda-Pianistin

Erlangen. Mit Adolf Hitlers Lieblingsmusikerin Elly Ney und ihrem Verhältnis zu "Beethovens Frömmigkeit" beschäftigt sich ein neues Buch. Von Wolfram Goertz

Dem großen Ludwig van Beethoven wäre diese Vision nie erschienen, selbst in seinen wirrsten Träumen nicht: dass die Hörer eines Tages beim Hören seiner Musik die Hände falten würden, dass sie ergriffen die Augen rollen, Gebete zum Himmel schicken und glauben, er, Beethoven, sei als musikalischer Prediger fast noch bedeutender als Johann Sebastian Bach. Beethoven war ja eher irdisch gepolt, ein Grobian vor dem Herrn und garantiert nicht der Frommste vor Gottes Altaren - und ewigkeitsbezüglich allenfalls in seiner Musik, ihren Konstruktionen und Harmonien.

Und trotzdem ist da dieses seltsame "Heilige", diese immer glühende Andacht, die auch hartgesottene Beethoven-Hörer befällt. Die "Pathétique"! Die "Mondschein-Sonate"! Die Arietta der Sonate op. 111! Nicht grundlos nannte der Dirigent Hans von Bülow die 32 Sonaten das "Neue Testament" der Klavierliteratur (das "Alte Testament" war für ihn Bachs "Wohltemperiertes Klavier"). Zu allen Zeiten hob Beethoven seine Hörer himmelwärts, und vielleicht war dies ja auch das geheime Programm seiner Musik: dass sie als der "Choral der Glaubenslosen" wirkte (wie Alfred Kerr es genannt hat) und auch die Heiden ergriff; dass sie ein Art Glaubensersatz zu bieten und kultische Qualitäten ins Spiel zu bringen schien.

Jetzt hat dieses pikante Thema in einem Anflug von interdisziplinärer Zuständigkeit der Erlanger Theologe Martin Nicol (evangelisch) aufgegriffen. In seinem überaus klugen und bedenkenswerten Buch "Gottesklang und Fingersatz - Beethovens Klaviersonaten" unternimmt er eine Tour d'horizon der Beethoven-Rezeption als Besuch bei einer sehr deutschen Gemeinde, bei welcher zu den heikelsten Zeiten Beethoven erst als Heilsbringer (während Hitlers Diktatur) und dann als Beichtvater oder gar Erlöser (in der Nachkriegszeit) diente. Wer zu Beethoven ging, sah förmlich die Flamme glühen und hörte feierliche Gesänge an seinem inneren Ohr, an denen weder Englein noch menschliche Stimmen beteiligt waren.

Schon der junge Beethoven wusste, so weist Nicol nach, die inneren Kerzen zu entzünden. So heißt es in einem Klaviermusikführer über den langsamen Satz der ersten Sonate: "In ihm hat der Meister das Tiefste und Wunderbarste, was seine erhabene Seele erfüllte, niedergelegt. Weitab von allem Irdischen führt es uns in eine weite, stille Unendlichkeit, die durchflutet ist vom Himmelsglanze milden Sternenlichtes, das uns der Nacht Geheimnis offenbart." Und so weiter.

Der Theologe Nicol sieht bei Beethoven und bei sich als dem Autor eine "ästhetische Theologie" am Werk - und natürlich ist Nicol ziemlich tief drin in den Botschaften, die aus der Musik zu kommen scheinen. Manchmal tappt er selbst in die Frömmigkeitsfalle, das heißt: Er spürt das "Religiöse" in sich, wenn er daheim am fränkischen Herd in die Tasten greift und seinen Beethoven spielt, und formt aus seinen Empfindungen ein gottgesetzliches Denkgebäude. Er operiert dann auch viel mit Vermutungen, Andeutungen. Und vergisst, dass es zahllose Menschen gibt, denen sich bei Beethoven kein einziges Glaubenshärchen hochstellt und keine Seelenfaser in Rührung gerät.

Selbstverständlich führt dieses feine Buch eine lange Prozession musizierender Priester an, die in Beethovens Dienst traten. Deren bemerkenswerteste und umstrittenste ist die in Düsseldorf geborene Pianistin Elly Ney (1882-1968), sozusagen die Winifred Wagner der Beethoven-Interpretation: eine stramme Parteigängerin, die sich vom "Führer" ebenso erhoben fühlte wie von Beethovens Musik. Bei Ney diagnostiziert Nicol eine Art "Gottesdimension des künstlerischen Wirkens"; für sie "repräsentierte Beethoven in idealer Weise den Menschen, der seiner göttlichen Bestimmung lebte".

Mit Elly Neys unschlagbaren eigenen Worten: "Mit drohenden Schlägen und stärksten Akzenten reißt Ludwig van Beethoven uns heraus aus allen Traumwelten und stellt uns hinein in die unerbittliche Wirklichkeit. Er ist der große Aufwecker, der uns alle Schauer und Mühsale des aus dem Paradiese verstoßenen Menschen erleben lässt. Aber dann versucht er aus seinen Höhen, in die Wirrnisse und das Dunkel dieser Erde gestellt, unter heißem Ringen, das Verlorene wiederzugewinnen. Und so lässt er uns nicht ohne Trost und Halt in der Finsternis verweilen, sondern führt uns in seinen Tönen den Weg zurück in eine verlorene reine Welt." Solche Oden an den freudigen Unsinn müssen in Adolf Hitler wie Glockengeläut gedröhnt haben. Schier unentbehrlich war eine solche Propaganda-Pianistin, die den Leuten sagte: Die Zeiten sind hart, ihr wisst und merkt es selbst, aber Beethoven erlöst euch von euren Plagen. Und wenn ihm das nicht gelingt, so ist er doch Leidensgenosse. Nicol lässt ihr das aber durchgehen, denn er wertet die Passage so: "Die Christusanalogie ist evident - Beethoven, der göttliche Mensch, öffnet der Menschheit mit seinen Tönen wieder das Tor zum Paradies." Man kann Neys pathetisches Läuten auch anders lesen: als Durchhalteparole.

Beethovens Position als Mittler zwischen Himmel und Erde (und eben auch Hölle) sahen auch andere; und wie Martin Nicol diese Konstante der emotionalen Wertung herausarbeitet, ist großartig. Der Pianist Edwin Fischer, politisch unverdächtig, sah in dieser Musik einen "durchgehenden Transzendenzbezug"; Beethoven, so Fischer, "gab das Beispiel, wie man trotz aller Materie und menschlicher Beschränkung im Diesseitigen das Jenseitige aufleuchten lassen kann".

Beethoven selbst hat solchen Deutungen Nahrung gegeben. Zwar sind die allermeisten Vortragsanweisungen musikbezogen und nicht religiös, aber die Musik erreicht vor allem in den langsamen Sätzen eine gesanglich-feierliche Höhe, die manchen Hörer glauben lässt, der Komponist bete. In Wirklichkeit hat er nur komponiert.

Quelle: RP
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