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Köln
Die Rolle fürs Leben

Köln. 1984 spielte Axel Siefer zum ersten Mal "Der Kontrabass". Daraus wurde ein Lebenswerk. Das will er nun vollenden. Von Dorothee Krings

Die letzte Vorstellung soll schlicht über die Bühne gehen. "So schlicht wie Sterben in Wahrheit ist", sagt Axel Siefer. Darum will er kein Ausrufezeichen setzen, plant keine Party, kein Brimborium, wenn er sich im kommenden Jahr ein letztes Mal in den Kontrabassisten verwandelt, wenn er ein letztes Mal im Kölner Theater im Bauturm die Geschichte eines gescheiterten Musikers durchlebt - und dann Abschied nimmt von der Rolle seines Lebens. Aus und vorbei. Nach 32 Jahren.

Natürlich fühlt sich das an, als sterbe jemand - eine erdachte Figur zwar, aber doch ein Weggefährte nach all den Jahren. Denn Axel Siefer gehört zu den Schauspielern, die sich einfühlen in eine Figur, die sie erwecken wollen, möglichst realistisch, plausibel, wahrhaftig. "Ich fühle mich als Schauspieler immer dann am Punkt, wenn ich Wege spontan gehen kann, nicht weil ich sie eingeübt habe, sondern weil der Augenblick mir den Impuls gibt", sagt Siefer. Im "Kontrabass" war er an dem Punkt - viele Jahre lang. Darum legt er nächstes Jahr nicht nur eine Rolle ab, sondern einen Teil seiner selbst.

Siefer hat sich diesen Monolog eines musikalischen Außenseiters einverleibt. Dabei ist es eine melancholische Geschichte. Eine, die von Vergeblichkeit handelt. Denn Patrick Süskinds Musiker hat sich einst voller Idealismus dem sperrigsten aller Instrumente verschrieben - und irgendwann erkannt, dass er nur ein unbedeutender Orchestermusiker geworden ist. Einer, der sich in eine Sängerin verliebt, aber nicht wagt, sie anzusprechen. Einer, an dem das Leben vorbeizieht. Es ist auch eine Last mit diesem Typen. Axel Siefer wird sie fehlen.

Dabei war diese Rolle für ihn eine Notlösung. Er war ja mal ein junger Wilder, ein Rebell im Geist der 68er, der Theater machen wollte, um aufzuklären, an den Verhältnissen zu rütteln und neue Formen auszuprobieren. "Emanzipatorisch, freiheitlich, antihierarchisch", sagt er. Solche Darsteller sind anstrengend. Anfang der 80er Jahre landete Siefer bei den Ruhrfestspielen. Als dort ein neuer Intendant antrat, wurde sein Vertrag nicht verlängert. Doch man räumte ihm eine letzte Rolle ein, mit der er sich an anderen Häusern bewerben könnte. Eine "Ansehrolle". Kurz zuvor hatte Patrick Süskind die misanthropischen Selbstreflexionen eines Bassisten verfasst und einen Erfolg gelandet. Siefer lernte den Text, übte auf der Riesengeige und ahnte nicht, dass dieses Stück sein Lebenswerk werden würde.

"Ich habe zwei Kinder, musste eine Familie ernähren, also habe ich das Stück diversen Theatern angeboten", sagt Siefer. In Köln hatte sich in der freien Szene gerade das Theater im Bauturm gegründet. Dort lief "Der Kontrabass" so gut, dass man Siefer bald die Theaterleitung anbot. Fünf Jahre wurde er Chef des Hauses, als Pläne zur Erweiterung an der Kölner Kulturpolitik scheiterten, nahm er den Hut. Den "Kontrabass" spielte er weiter.

"Dieses Stück hat mir enorme Freiheit geschenkt", sagt Siefer. Er hatte ein Grundeinkommen, musste nur Rollen annehmen, die ihm behagten. Vieles behagte ihm nicht.

"Das Stück hat mich auch einsam gemacht", sagt Siefer, "ich musste im Beruf nie Kompromisse eingehen, ich konnte meine Überzeugungen leben, wenn ich mit Leuten künstlerisch nicht übereinstimmte, habe ich mich von ihnen getrennt." So sei er ein "rares Wesen" geworden mit Überzeugungen, die heute als überkommen gelten - politisch wie künstlerisch. Das "Theater des Bluts und der Nacktheit" etwa, das auf große Bilder, spektakuläre Vorgänge setzt, ist nicht seine Sache. "Ich halte viele Menschen heute für Egomanen, die nur ihren eigenen Willen durchsetzen wollen", sagt Siefer, der auch als Regisseur arbeitet. Er spricht ohne Erregung von solchen Entwicklungen, er ist ja Beobachter geblieben. Einer, der es sich leisten konnte, Nein zu sagen. Und dann fuhr er nach Köln und spielte seinen "Kontrabass". Und wurde älter mit einer Rolle.

Anfang 30 ist die Figur bei Süskind. Siefer ist 65, wenn er nächstes Jahr aufhört - Rentenalter, einen Orchestermusiker hätte der Ruhestand spätestens jetzt erwischt. "Darum kann ich die Figur nicht weiter spielen", sagt Siefer, "ich nehme mein reales Alter so ernst, wie ich das Stück immer ernst genommen habe. Und darum höre ich auf, wie ich gespielt habe: real und wahrhaftig."

Siefer hat seine Rolle im Laufe der Jahre altern lassen. Das war wichtig, denn der Kontrabassist ist ja in jene junge Sopranistin verliebt. "Wer mich mit Mitte 30 erlebt hat, dachte: Der junge Mann ist ein bisschen verzagt, aber das wird schon. Mit 45 dachte man: Der muss sich ranhalten; mit 50: Das wird nichts mehr", sagt Siefer. So sei das Stück immer essenzieller, tragischer - immer besser geworden. Doch weil er es so ernst meint mit dem Realismus, muss nun auch Schluss sein. Axel Siefer kann sein Lebenswerk nur bewahren, indem er es abbricht.

Er habe durch das Stück viel über das Altwerden gelernt, sagt er. Zum Beispiel, dass es gut sei, Lebensphasen bewusst abzuschließen. Darum hat er seinen Rücktritt für 2016 auch angekündigt. Es gibt Zuschauer, die sind ihm all die Jahre treu geblieben, die kannten das Stück längst, aber sie wollten sehen, wie es sich mit dem Älterwerden des einzigen Darstellers verändert. Und so kamen sie alle drei, vier Jahre vorbei. Diese Zuschauer sollen nun Abschied nehmen können. Siefer ist schon einen Schritt weiter, seit er den Entschluss gefasst hat, seine Lebensrolle aufzugeben, ist das für ihn eigentlich vollzogen. Seine letzten Auftritte sind schon Nachspiele.

Zu Patrick Süskind, dem großen Phantom des Literaturbetriebs, hat der Schauspieler nie Kontakt gehabt. Einmal hat er ihm ein Buch nach Frankreich geschickt. Das hat Siefer selbst geschrieben, als er 20 Jahre in der Rolle hinter sich hatte. Einige Wochen später bekam er eine Benachrichtigung: Ein zu gering frankierter Brief aus Frankreich liege an der Post. Siefer verpasste die Abholfrist.

Heute findet er es gut, dass der Mann, der den Text für sein Leben schrieb, ein Unbekannter bleiben wird. Siefer hält sich lieber an Süskinds Figur, einen gescheiterten Musiker, der mit ihm das Leben geteilt hat.

Quelle: RP
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