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Theaterprojekt holt Straßenkids auf die Bühne: Die wahren Kinder vom Bahnhof Zoo

zuletzt aktualisiert: 21.04.2005 - 14:34

Berlin (rpo). Auf dieser Bühne stehen die wahren Kinder vom Bahnhof Zoo. Kostüme brauchen sie nicht, denn sie spielen sich selbst. Sie tragen Springerstiefel und Ketten an den Hosen. Pink, grün oder blau haben sie ihre Haare gefärbt. "Arbeit ist Scheiße" steht auf einem T-Shirt. Viele sind arbeitslos, nehmen Drogen oder prostituieren sich. Die Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not (KuB) will ihnen mit einem Theaterprojekt mehr Lebensmut geben. Am Donnerstag ist Premiere des ungewöhnlichen Dramas.

Straßenkinder spielen sich selbst in einem Theaterprojekt, mit dem ihnen die Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not (KuB) mehr Lebensmut geben will.  Foto: ddp
Straßenkinder spielen sich selbst in einem Theaterprojekt, mit dem ihnen die Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not (KuB) mehr Lebensmut geben will. Foto: ddp

In Berlin leben etwa 3.000 bis 5.000 Straßenkinder im Alter von 12 bis 18 Jahren. Sozialarbeiter der Beratungsstelle des Landesjugendamtes fahren mit dem "KuBBus" regelmäßig an die sozialen Brennpunkte am Zoo, am Alexanderplatz und in der Kurfürstenstraße. "Wir versuchen Kontakt zu den Straßenkindern aufzunehmen", sagt Sozialpädagogin Gabriele Jankowski. Sie verteilen belegte Brote, Obst, Getränke, Kondome und leisten Erste Hilfe. Außerdem bieten sie den jungen Menschen Übernachtungsplätze und vermitteln sie in Wohngemeinschaften.

Das Theaterprojekt ist ein weiterer Ansatz für Reintegration in die Gesellschaft. "Diese jungen Menschen haben nie Anerkennung gespürt, sondern wurden in ihren Familien unterdrückt oder nicht wahrgenommen", sagt die Streetworkerin. Darum gebe ihnen der Erfolg auf der Bühne einen ungeheures Selbstbewusstsein.

Ihre Hunde haben die Straßenkinder immer dabei, auch bei der Probe zum Theaterstück "39,10". Foto: ddp

Seit Anfang Februar proben 17 Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren drei mal wöchentlich im Center für Straßenjugendliche, der "Zoobaracke" in Tiergarten. An der Wand hängt ein Zettel mit den Hausregeln: "Keine Waffen, keine Drogen, keine Gewalt". Die Geschichte des Stückes ist schnell erzählt. Ein junges Straßenmädchen bekommt ein Kind. Sie lernt einen wohlhabenden Mann kennen, gibt ihr Kind weg und heiratet ihn. Jahre später wird sie von ihrer Tochter - inzwischen selber Straßenkind - überfallen.

Jeder durfte sich eine Rolle aussuchen, die am besten zu ihm passt. Fast jeder. "Ich spiele eine Tochter, die ihren Vater lieb hat. Da kann ich mich voll rein versetzen", sagt Diane mit verächtlicher Ironie. Die 15-Jährige ist von zu Hause weggelaufen. Warum, will sie nicht sagen. Jetzt wohnt sie bei Schlaubi, einem Freund.

Die Jugendlichen kommen alle aus zerrütteten Familien, sagt Jankowski. "80 Prozent der Mädchen wurden sexuell missbraucht, die anderen sind wegen Gewalt und Alkoholismus weggelaufen". Bevor sie Theater gespielt hat, ist Diane mit Schlaubi am Alex "schnorren" gegangen. "In zwei Stunden verdiene ich 15 bis 20 Euro", sagt sie. "Damit komme ich gut über die Runden." Das Theaterspielen macht ihr Spaß. Es sei aber auch chaotisch, weil jeder mache, was er wolle.

Diane hat Recht. Die Theaterprobe verläuft anarchisch. Alle reden durcheinander. Verzweifelt schreit Autorin und Regisseurin Margareta Riefenthaler Anweisungen dazwischen. Ein ausgefeiltes Drehbuch gibt es nicht. Nur die Handlung ist festgelegt. Der Text wird bei jeder Aufführung neu improvisiert.

"Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen nicht noch weiter abrutschen und sich irgendwann einen goldenen Schuss geben", sagt Sozialpädagogin Jankowski. Die meisten Theaterkinder haben immerhin den Weg in eine Ausbildung oder eine Therapie gefunden.

Quelle: afp

 
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