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"Die Zeit der Volkskirche ist vorbei"

Interview Der neue Generalvikar Stefan Heße setzt für das Erzbistum Köln auf Leuchttürme des Glaubens

Köln Seit März ist Prälat Stefan Heße (45) Generalvikar und damit Leiter der erzbischöflichen Verwaltung von Joachim Kardinal Meisner. Er leitete bislang die Hauptabteilung Seelsorge-Personal. Als Chef des Generalvikariats (500 Mitarbeiter) wünscht sich Heße, der eigentlich Gemeindepfarrer werden wollte, eine missionarische Kirche.

Ihr Amt ist an die Amtszeit des Bischofs gebunden. Wie gestalten Sie die Aufgabe vor dem Hintergrund, dass 2013 Kardinal Meisner 80 Jahre alt wird und dann zurücktreten könnte?

Heße Jede Aufgabe in der Kirche ist nur auf Zeit anvertraut. Es ist daher gut, wenn man auch in einer einflussreichen Position weiß: das ist nicht für die Ewigkeit. Mir ist wichtig, dass die Arbeit im Generalvikariat eine vernetzte ist, dass das Miteinander der Abteilungen gestärkt und die Prozesse zielstrebig ausgerichtet werden. Und bei allem, was wir tun, dürfen wir nie Jesus Christus aus dem Blick verlieren, daran muss sich alles messen lassen.

Dennoch: Stehen Sie unter Zeitdruck?

Heße Nein. Niemand weiß, ob der Papst in einem oder in anderthalb Jahren den Rücktritt des Kardinals annimmt, und wer dann Erzbischof von Köln wird. Für mich gilt: Ich lasse nichts liegen; und was jetzt dran ist, das wird jetzt getan. Wir müssen zum Beispiel in Projekten einmal neue Wege der Glaubensvermittlung ausprobieren und Erfahrungen damit sammeln. Das halte ich für ganz wichtig. Mir liegt am Herzen, dass unsere Kirche eine missionarische ist und wir neue Wege beschreiten, um den Menschen das Evangelium zu verkünden.

Welche Bevölkerungsgruppen haben Sie dabei besonders im Blick?

Heße Es gibt seit ein paar Jahren die sogenannte Sinus-Milieu-Studie, die gesellschaftliche Gruppen im Hinblick auf Vorlieben und Verhalten untersucht. Da muss man einräumen: Die meisten dieser Milieus erreichen wir zurzeit leider nicht. Ich glaube aber, dass es Wege gibt, sie anzusprechen. Das Wichtigste ist, den Glauben authentisch zu verkünden und bei den Menschen zu beginnen, zu denen man einen Bezug aufbauen kann.

Bedeutet das letztlich einen Abschied von der Volkskirche?

Heße Theologen und Bischöfe sagen ziemlich deutlich: Die Zeit der Volkskirche ist vorbei. Denn dass Gesellschaft und Kirche nicht mehr deckungsgleich sind, wird jeder bestätigen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns auf "den heiligen Rest" zurückziehen. Der Anspruch bleibt: "Geht hinaus in alle Welt und lehret alle Völker." Wir müssen damit rechnen, dass der Samen nicht überall aufgeht und gedeiht. Trotzdem gilt es zu säen.

Muss sich die Kirche in Zukunft auf Leuchttürme konzentrieren?

Heße Schwerpunkte müssen wir setzen, vor allem aus Gründen der Pastoral. Klar ist für mich, dass wir an zentralen Stätten die Gemeinden stärken und das geistliche Angebot vertiefen müssen. Nehmen Sie zum Beispiel St. Lambertus, St. Andreas oder St. Max in Düsseldorf, das sind spezifische Orte, die wir mit einem klaren pastoralen Profil stärken müssen. In dieser Hinsicht müssen wir im Erzbistum sogar mehr tun als heute und bewusst investieren.

In seiner Freiburger Rede hat der Papst das Modell der Kirchensteuer infrage gestellt, aus der das Erzbistum 79 Prozent seines Haushaltsvolumens von 928 Millionen Euro finanziert. Was würde der Wegfall bedeuten?

Heße Ich habe den Papst nicht so verstanden, dass er mit dem Terminus von der "Entweltlichung" der Kirche die Abschaffung der Kirchensteuer gemeint hat. Gemeint ist: Unsere Botschaft ist zwar immer an die Menschen und die Welt gerichtet. Dass wir der Welt aber manchmal zum Verwechseln ähnlich sehen und in ihr aufgehen, ist das Problem. Das unterscheidend Christliche ist das Entscheidende. Ganz klar ist aber auch: Wenn die Kirchensteuer fiele, könnten wir viele Aufgaben nicht mehr übernehmen. Das träfe nicht nur die Kirche, sondern vor allem den Staat, der sich dann selbst um Kindergärten, Schulen und viele Sozialeinrichtungen kümmern müsste.

Im Bistum Aachen müssen bis zu einem Drittel der pastoral genutzten Räume aufgegeben werden. Droht das auch in Köln?

Heße Wir haben 2004 mit dem Programm "Zukunft heute" alles auf den finanziellen Prüfstand gestellt, Überflüssiges abgebaut und damit eine solide Basis geschaffen. Kirchen waren dabei ausdrücklich ausgenommen. Das sollte auch das Letzte sein, was wir aufgeben. Gotteshäuser sind für mich die wichtigsten Gebäude, weil unsere Botschaft nirgendwo so klar in Stein gemeißelt ist wie hier.

Horst Thoren und Ulli Tückmantel führten das Gespräch.

Quelle: RP
 
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