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Düsseldorf
Die zwei Gesichter des Hildebrand Gurlitt

Düsseldorf. Eine spannende Biografie erzählt das Leben des Sammlers und Kunst-Chefeinkäufers der Nazis. Von Lothar Schröder

Cornelius Gurlitt (1932-2014) kennt jeder. Das war der verschreckt wirkende alte Mann; und sein Foto mit dem Rollkoffer erweckte den Eindruck, als sei er auf der Flucht: vor einer neugierigen Öffentlichkeit, vor seiner unglaublichen Sammlung moderner Kunst, die er vor allem in seiner Schwabinger Wohnung aufbewahrte, und vor der Vergangenheit.

Erst nach und nach richtete sich die Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Sammler, auf den Vater Hildebrand Gurlitt. Seine Lebensgeschichte ist das Dokument, das die Verstrickung eines Menschen in die Zeitläufte eines Jahrhunderts zeigt. Der Weg beginnt ruhmreich: Hildebrand Gurlitt wird 1925 Museumsdirektor in Zwickau - da ist er gerade 30 Jahre alt. Er macht das Haus zu einer wichtigen Stätte moderner Kunst und wird selbst zum Förderer der Avantgarde. Und er bleibt es, als er das Haus 1930 verlassen muss. Den Verantwortlichen in Zwickau war die Moderne dann doch etwas zu modern geworden.

Als Geschäftsführer des Hamburger Kunstvereins geht es für Gurlitt weiter - bis zum 1. Mai 1933. Es wird sein Schicksalstag, an dem sich sein Leben spaltet: in ein Davor und ein Danach. Am "Tag der Arbeit" gibt er ein Zeichen des Widerstandes gegen die machthabenden Nazis, indem er sich weigert, vor seinem Kunstverein die Fahne der Nazis zu hissen. Damit ist die Karriere des Mannes beendet, der nach den sogenannten Rassengesetzen ein "Viertel-Jude" ist und mit seinem Faible für moderne Kunst nicht auf Linie des Nazi-Geschmacks liegt.

Gurlitt wandert ab in den Kunsthandel und ist bald so erfolgreich, dass er für die Nazis wieder interessant wird. Und Gurlitt geht den Pakt mit den Schergen ein, wie es Meike Hoffmann in ihrer jetzt veröffentlichten, spannenden Gurlitt-Biografie schreibt. "Er ist janusköpfig, ein Grenzgänger zwischen Gut und Böse", so das Urteil der Kunstexpertin, die die Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin leitet.

Gurlitt wollte unbedingt kulturpolitisch wirken; eine Emigration war daher undenkbar. Stattdessen ließ er sich von den Nazis korrumpieren und wurde zu ihrem Chefeinkäufer. Aus dem kritischen Geist war ein Mitläufer, aus dem Vorkämpfer der Moderne ein Liquidator geworden. Seiner Meinung nach war das nicht verwerflich, da er dazu ja gezwungen worden war und das Verkaufssystem der Nazis auch sabotierte, indem er die verpönte Kunst an inländische Sammler verkaufte. Allerdings profitierte er auch. Erst ist er Sammler, dann angeblicher Beschützer, schließlich Profiteur. So verkaufen jüdische Sammler ihre Werke vor der Flucht zu niedrigen Preisen. Später wird Gurlitt seinen Geschäftsbereich ausweiten und in den von Deutschland besetzten Ländern kunsthändlerisch tätig: in Belgien, Frankreich, Holland, Ungarn.

Am Ende wird die eigene Sammlung 4000 Werke umfassen, die nach der Kapitulation von den Alliierten zu einem großen Teil freigegeben wird. Und Gurlitt macht Karriere, diesmal in Düsseldorf. Er knüpft da an, wo er 1933 aufhören musste. Als Direktor des Kunstvereines ist er Ausstellungsmacher, Drahtzieher, Förderer der Moderne im Rheinland. Eine Lichtgestalt. Sein Leben findet ein tragisches Ende: Im Oktober 1956 verunglückt er auf der Autobahn bei Oberhausen tödlich.

Info "Hitlers Kunsthändler". C.H. Beck, 400 Seiten, 36 Abbildungen, 19,99 Euro

Quelle: RP
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