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Oberhausen
Dieser Lkw lehrt uns den Pott neu sehen

Oberhausen. Die Theatergruppe Rimini Protokoll inszeniert "Truck Tracks Ruhr" an mehreren Orten im Ruhrgebiet. Von Max Florian Kühlem

Die Welt der Kunst bildet eine eigene Realität. Selten wird diese Einsicht so offenbar wie beim Projekt "Truck Tracks Ruhr" von Rimini Protokoll. Die Arbeiten der Gruppe werden oft mit dem Begriff des Dokumentar-Theaters zu fassen versucht. Aber damit kommt man ihnen nicht mehr bei. Manchmal bitten die Theatermacher "Experten des Alltags", also "normale" Menschen mit "normalen" Berufen, auf die Bühne. Bei "Truck Tracks Ruhr" machen sie kurzerhand die Wirklichkeit einer Ruhrgebietsstadt zum Darsteller einer rollenden Theater-Intervention.

Erste Station ist derzeit Oberhausen. Bis Anfang 2017 kommen weitere Städte von Duisburg über Recklinghausen bis Bochum hinzu. Ein breites Netzwerk von Kooperationspartnern von den Ruhrfestspielen über die Ruhrtriennale bis zu Stadttheatern und Ruhrmuseen ermöglicht das.

Beim Start am Theater Oberhausen nehmen 50 Zuschauer auf einer Tribüne Platz, die in einem Lkw installiert ist, und starren auf eine geschlossene Seitenwand. Darauf werden Bilder von Landschaften projiziert, die irgendwann nicht mehr zum Fahrgefühl passen: "Wir stehen doch gar nicht", denkt der Zuschauer und erlebt, was ein Verfremdungseffekt im postmodernen Theater bedeuten kann. An sieben Stationen fährt die Wand hoch und gibt den Blick frei auf die Bühnen der Stadt, die die beteiligten Künstler für ihre "Tracks" gewählt haben. Meist sind das Un-Orte, also Plätze, an denen der Blick sonst schnell vorbei schweift. Jetzt ist der Zuschauer gezwungen, sie sich einmal ganz genau anzuschauen.

Und er lauscht einer Neu-Erzählung dieser Orte über die Lautsprecher. Das Restaurant China City, das von seinen Dimensionen eher einer Auto-Ausstellungshalle gleicht, macht Martin Kindervater zur Bühne der Utopie vom Wirtschaftszentrum der Stadt Oberhausen mit seinen chinesischen Partner-Regionen. Ein Recyclinghof ist dem Theaterkollektiv Anlass zur Reflektion über den Wert von Dingen. Die Studentin Laura Nitsch erzählt von den Erinnerungen, die hochkommen, wenn sie die Klamotten ihrer verstorbenen Mutter aufträgt. Ähnlich berührend ist die Schlussszene am Busbahnhof. Während das Publikum im Lkw Ankommende und Verschwindende sieht, erzählen eine 94-Jährige und eine 100-Jährige von Gedanken zur bevorstehenden letzten Reise.

Manchmal schwingt sich die Realität aber auch auf, ihre eigenen Geschichten zu erzählen: Wenn der Lkw ausnahmsweise mit geöffneter Wand fährt und etwa den Blick freigibt auf eine Videothek, die verzweifelt auf den veränderten Film-Markt reagiert: "Wir kaufen alles!", steht im Schaufenster, "Bargeld lacht". Der rollende Zuschauer lernt: Es lohnt, genau hinzuschauen.

Termine und Karten im Internet unter www.trucktracksruhr.de

Quelle: RP
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