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Dieter Hildebrandt wurde 86 Jahre alt
Der größte Kabarettist Deutschlands ist tot

Zitate über und von Dieter Hildebrandt
Zitate über und von Dieter Hildebrandt FOTO: dpa, Bernd Thissen
Düsseldorf. Mit 86 Jahren ist Dieter Hildebrandt an Krebs gestorben. Die Republik verliert einen großen Grantler, der Politiker beim Wort nahm. Von Dorothee Krings

Er hat die Kritik aus dem Gestammel geboren, aus lautem Grübeln, Echauffieren, Ansetzen, Abbrechen, Verhaspeln – so lange, bis der Gedanke verfertigt war und traf. Bei Dieter Hildebrandt war der Zuschauer dabei, wenn er den Pfeil wählte, den Bogen spannte, noch ein wenig tänzelte und dann schoss. Mitten ins Schwarze.

Der Zauderkönig des rhetorischen Stolperns

Darum war dieser bedeutende Kabarettist kein Großinquisitor. Er hatte seine Urteile nicht immer schon parat, verkündete sie auch nicht weihevoll, unangreifbar. Hildebrandt war der Zauderkönig des rhetorischen Stolperns. Er schlug bewusst Kerben in seine Texte, ließ Gedanken im Verhuschten, Zerstotterten, Unausgesprochenen kümmerlich verenden. Und genau darin steckte die eigentliche Pointe, die Entlarvung. Der Zuhörer musste sie nur selbst denken. Das macht einen Mann der Fernsehunterhaltung zum Aufklärer – zum Kabarettisten.

Die Karriere des Dieter Hildebrandt FOTO: dpa, Markus Scholz

1927 im schlesischen Bunzlau geboren, wurde Hildebrandt 1943 Luftwaffenhelfer und noch kurz vor Kriegsende in die Wehrmacht eingezogen. Er gehörte zu jener Generation, die gerade genug von der Nazizeit und dem Krieg erlebt hatte, um in den Jahren danach die Beschwichtiger und Schlussstrichzieher genauso skeptisch zu hinterfragen wie die selbstgerechten Aufklärungspathetiker.

Sprachmächtiger Wutbürger

Er war ein Linker, aber kein Ideologe. Darum hat er Phrasen nicht durchgehen lassen, wurde nicht müde, Politiker beim Wort zu nehmen, ihre Sätze hervorzukramen, zu drehen, zu wenden, zu parodieren. Er konnte sich fundiert erregen, war ein sprachmächtiger Wutbürger, dialektisch geschult, angriffslustig, nie überheblich. Davon gibt es nicht viele.

Hildebrandt verkörpert auch die Zeit, als Fernsehen noch Studiokunst sein durfte, als eine muntere Combo noch zum Kabarettistentreffen fiedelte und dann Männer im besten Alter mit Anzug und Krawatte aus der Sperrholzkulisse hervortraten und einfach redeten. Sie waren Moralapostel, Besserwisser, kleinbürgerliche Idealisten. Sie wollten tatsächlich Einfluss nehmen auf das Bewusstsein der Bürger, wahrscheinlich sogar auf die Politik. Sie waren so engagiert, dass es heute rührt, in der Postmoderne, die sich entschlossen hat, nichts mehr für wahr zu halten.

Dieter Hildebrandt war noch ein bisschen Erzieher, manchmal streckte er den Zeigefinger aus, er nahm seine Aufgabe ernst. Er fand, dass er eine Aufgabe hatte. Aber es ging ihm eben auch um Lacher, um gute Unterhaltung, um das Vergnügen an der Bosheit. Die Pointe hat ihn vor der Verbohrtheit bewahrt. Und wenn man mit ihm sprach, begegnete man einem aufrichtig freundlichen Menschen, der immer die eine Umdrehung im Kopf weiter war, die den Komiker ausmacht. Trotzdem machte ihn das nicht arrogant.

Das ZDF nahm ihn 1979 vom Sender

Die Mächtigen aber hat er genervt. Und manchmal ließen sie ihn vom Sender nehmen. 1979 etwa hatte das ZDF genug von seinen "Notizen aus der Provinz". Nach 66 Sendungen sollte er lieber schweigen.

Doch Hildebrandt ließ sich das Massenmedium nicht entziehen. Im Ersten warf er die "Scheibenwischer" an, lud seine besten Kollegen ein, Gerhard Polt, Konstantin Wecker, Bruno Jonas, Mathias Richling, kommentierte mit ihnen die Politik, die Medien, das Leben. Und während im restlichen Programm die Shows bunter, größer, banaler wurden, machte er einfach immer weiter. 23 Jahre lang.

Vielleicht stammelte er sich auch deswegen so sehr in Herz und Denken der Menschen, weil er eigentlich ein Schauspieler war, ein Komödiant. Schon 1965 hatte er in einer Böll-Verfilmung mitgewirkt, in Helmut Dietls gnadenloser Gesellschaftssatire "Kir Royal" spielte er den Klatschfotografen Herbie Fried. Da gab er den Ahnungslosen mit dem Fotokoffer, der doch nur seinen Job tat, den Auslöser drückte, das schmutzige Geschäft übernahm ja Reporter Baby Schimmerlos. Diese Haltung hat Hildebrandts satirische Lust geweckt.

Die Kunst der Bruchstück-Pointe

Als er mit 83 Jahren sein erstes wirkliches Solo-Programm in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auf die Bühne brachte, nannte er es "Ich kann doch auch nichts dafür". 1956 hatte er zu den Gründern der Bühne gehört. Dort hat er die Arbeit an seinen "gestammelten Werken" begonnen, hat als kritischer Bürger gegen die Heucheleien der Mächtigen gegrantelt, hat die Kunst der Bruchstück-Pointe entwickelt, die vom direkten Kontakt mit dem Publikum lebt.

Doch als 1972 der heimgekehrte Emigrant und Sozialdemokrat Willy Brandt an die Macht kam, wurde es schwieriger für linkes Kabarett, auf die Macht zu zielen. Die erste Lach & Schieß-Truppe löste sich auf. Hildebrandt gelang an der Seite von Werner Schneyder der Schritt ins Fernsehen, in den großen Unterhaltungsapparat. Den Biss ließ er sich nicht nehmen. Auch das gehört zur Leistung seines Lebens.

Dieter Hildebrandt mochte die Menschen, er mochte auch das Leben. Darum hatte er sich vorgenommen zu kämpfen, als er im Sommer die Diagnose Prostatakrebs erhielt. Er hatte doch bis zuletzt auf der Bühne gestanden. Aber dann war die Krankheit stärker, es ging schnell, und die Republik konnte sich nicht darauf vorbereiten, dass ihr Gewissen nun schweigt.

Dieter Hildebrandt war wie alle, die das Leben kritisch, ohne falschen Schmelz betrachten, ein großer Melancholiker. Noch kurz vor seinem Tod, den man als zu früh empfindet, obwohl er doch 86 Jahre alt wurde, hat man ihn nach dem Glück gefragt. "Glück ist vergänglich", hat er geantwortet. "So schnell vergänglich, dass man im Glück schon ein Bedauern spürt – man hat es gehabt, man kann es nicht wiederholen." Dieter Hildebrandt war ein Glück für Deutschland.
 

Zum Tod von Dieter Hildebrandt ändern mehrere TV-Sender ihr Programm.

(jco)
 
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