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Düsseldorf
Der glaubensgewisse Widerstandskämpfer

Dietrich Bonhoeffer: Eine Predigt noch kurz vor dem Tod?
FOTO: epd
Düsseldorf. Vor 70 Jahren wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von den Nazis hingerichtet. Von Lothar Schröder

Bevor sie ihn holten, soll er noch eine Predigt gehalten haben - auf Bitten seiner Mitgefangenen im Konzentrationslager Flossenbürg. Dann kamen die SS-Leute und sagten: "Gefangener Bonhoeffer, fertig machen, mitkommen." Das war heute vor 70 Jahren, als der evangelische Theologe, Pfarrer und Widerstandskämpfer wenige Tage vor Kriegsende hingerichtet wurde.

Eine Predigt noch kurz vor dem Tod? Das irritiert zumindest und stellt die Frage danach, ob darin nicht vielleicht auch eine blinde Gläubigkeit Bonhoeffers hervorscheint. Doch der war kein frömmelnder Weltflüchtling. Er wusste ganz genau, was ihn erwartet. "Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens", hatte er den anderen Inhaftierten anvertraut. Für schöne Illusionen finden sich andere Worte. Zudem wusste er, dass es nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler - von dem er wusste - eine Überlebenschance im KZ für ihn nicht mehr gab. Doch weil ihn der Glaube nicht verließ, konnte er den nötigen Mut schöpfen.

Eine solche Glaubensgewissheit hat Dietrich Bonhoeffer schon in den Jahren davor scheinbar unklug sein lassen. Er war Auslandspfarrer im sicheren London, und kehrte als erklärter Hitler-Gegner 1935 doch wieder nach Deutschland zurück. Selbst fünf Jahre später beendete er einen USA-Aufenthalt, obwohl ihm ein Lehrstuhl in Harlem angeboten wurde. Während viele Verfolgte ihre letzte Chance nutzten, das sogenannte deutsche Reich zu verlassen, schlug Bonhoeffer die Gegenrichtung ein. Für ihn war es die Pflicht, den Verfolgten beizustehen und sich seiner Kirche zu stellen, von der er sich zunehmend verlassen fühlte. Stumm ist die Kirche, schrieb er, "wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie". Dabei sei die Kirche vor allem den Opfern verpflichtet. Nur wer für die Juden schreie, könne nach seinen Worten auch gregorianisch singen.

Für den 1906 in Breslau Geborenen gab es offenbar keine Entscheidungsnot. Weil es ihm gar nicht darum ging, Krieg und Nazi-Reich irgendwie zu überleben. Er stellte sich vielmehr die Frage, was der Glaube von ihm in der Gegenwart forderte, um mit diesem Glauben die Zukunft bestehen zu können. "Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens in Deutschland nach dem Kriege mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teile", schrieb er 1939, den Krieg vor Augen, bei seinem ersten Amerikabesuch.

Von dieser unfassbaren Glaubenskraft erzählt auch sein bekanntester Text, den man so oft schon gesungen hat, dass man ihn kaum zu erwähnen wagt. Das ist das Gebet "Von guten Mächten", das seit der Vertonung durch den Liedermacher Siegfried Fietz 1970 ungeheure Popularität erlangte. Mit Sätzen, die ungeheuerlich sind - wie diesem: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag." Dietrich Bonhoeffer hat diese so gelassenen Worte in seiner Zelle Ende '44 im Berliner Gestapokeller geschrieben. Sie gehören zu seinem Vermächtnis: Keine heroische Tat wird darin besungen, sondern die Haltung einer bewussten Nachfolge Christi.

Gerichtet hatte Bonhoeffer die Verse an seine Braut, an Maria von Wedemeyer. Ihren Leseeindruck können wir noch heute teilen: "Deine Worte sind wie eine offene Hand, die ich anfassen und an der ich mich festhalten kann."

Quelle: RP
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