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Düsseldorf
Düsseldorf feiert brüchige "Kleinbürgerhochzeit"

Düsseldorf. Hans-Ulrich Becker inszeniert das Frühwerk von Bertolt Brecht als harmlosen Bühnenbild-Kracher. Von Dorothee Krings

Es ist schon ein Fluch, den schönsten Tag im Leben erleben zu müssen: Brautleute wollen ihre Liebe feiern, unverwechselbar und haben doch lauter Gepflogenheiten zu erfüllen. Es herrscht Erwartungsdruck, Romantikzwang und auch die ungeliebten Onkel sind geladen. Da kommt es gern zu Spannungen vor lauter Harmonie.

Hochzeiten sind also bestens geeignet, Konventionalismus und familiäre Enge in bürgerlichen Kreisen vorzuführen. Und so reizte es den jungen Bertolt Brecht 1919 in einem grotesken Einakter, ein kleinbürgerliches Liebesfest mit größter Wonne zu zertrümmern. Brecht lebte damals noch in Augsburg, wurde zum ersten Mal ungewollt Vater, erlebte in der Familie seiner Geliebten, wie die Vertuschungsmechanismen einsetzten, während er selbst ungerührt den dichterischen Aufbruch nach Berlin plante. Seine "Kleinbürgerhochzeit" ist also ein Racheakt am Milieu, dem er gerade entfloh. Die Braut in seinem Stück ist schwanger, was sich kaum noch verhüllen lässt. Ihr Bräutigam hat sich notgedrungen als Heimwerker betätigt und die Ausstattung des jungen Hausstands selbst gezimmert. Allerdings halten weder Leim noch Schrauben, alles brüchig an diesem Fest. Derbe Anekdoten werden erzählt, zotige Lieder gesunden, die falschen Paare tanzen lasziv, und schon bald kracht der erste Tisch, splittern die Stühle, sinkt die Fassade unaufhaltsam.

Als vergnügliche Bühnenbild-Apokalypse inszeniert das Hans-Ulrich Becker am Düsseldorfer Schauspielhaus. Das Theater hat gerade für eineinhalb Jahre das Ausweichquartier Central am Hauptbahnhof bezogen. Während das Stammhaus am Gründgens-Platz grundsaniert wird, muss das Schauspiel mit dem Probenzentrum Vorlieb nehmen. Da passt eine Farce, in der allerlei provisorisches Mobiliar genüsslich zu Bruch geht. Und das Publikum zeigte Vergnügen an der destruktiven Dynamik einer Feier, die sich Stuhl um Stuhl, Dialog um Dialog auf das totale Fiasko zubewegt.

Viola Pobitschka und Moritz von Treuenfels geben auch ein emsig um Harmonie bemühtes, beizeiten aber offen feindseliges Brautpaar ab, Louisa Stroux ist eine großartig biestige Zicken-Freundin, Marcus Calvin ein beherzt peinlicher Brautvater und auch der Rest der Gesellschaft ist mit Lust abscheulich.

Indes bleibt die Inszenierung vollkommen harmlos. Zwar verlegt Becker die Handlung vage in die Gegenwart, fügt moderne Songs in die Abendunterhaltung und streut Elemente moderner Spießigkeit ins Spiel. Der gezimmerte Murks ist "Manufaktum", die Schwester der Braut schenkt eine Glückskatze mit Winkearm, und Teile des cleveren Bühnenbildes von Stefanie Seitz sind urban umhäkelt. Doch der Skandal in Brechts böser, kleiner Etüde ist die Schwangerschaft der Braut - die heute niemand mehr erschüttern würde. So ist das Stück im Kern höchst zeitgebunden - und zielt nicht mehr auf den Zuschauer der Gegenwart. Der kann sich über die Spießigkeit der anderen amüsieren, er selbst ist nicht mehr gemeint. Jede Gesellschaftssatire von Yasmina Reza hat da mehr Biss.

Der Antibürger Brecht hat sich in seinen großen Werken mit der Wechselwirkung von Kapitalismus und Faschismus beschäftigt und das analytische Potenzial des Theaters untersucht. Brecht hat der Gegenwart viel zu sagen. Seine "Kleinbürgerhochzeit" war nur eine Farce zum Warmwerden, Kabarett aus einer Zeit, die vergangen ist.

Quelle: RP
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