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Düsseldorf
Ein beschädigtes Mädchen

Düsseldorf. Donna Leons Commissario Brunetti geht einem folgenreichen Unfall nach. Von Frank Dietschreit

Aus dem Wasser gerettet, und doch mehr tot als lebendig, so steht es um Manuela, einst eine kluge und bildschöne 15-jährige Frau, heute ein 30-jähriges Kleinkind. Denn bei dem Sturz in einen venezianischen Kanal war sie so lange im Wasser, dass in ihrem längst erwachsenen Körper die geistigen und emotionalen Fähigkeiten eines kleinen Kindes wohnen.

Ihre alte und sterbenskranke Großmutter, Contessa Lando-Continui, mag sich bis heute nicht damit abfinden und will, bevor sie das Zeitliche segnet, unbedingt Klarheit darüber erlangen, was damals wirklich geschah, ob es nur ein Unfall oder ein Mordanschlag war. Für die Contessa ist Manuela seitdem ein "beschädigtes" Mädchen.

Und wer könnte besser dafür geeignet sein, Licht in die dunklen Geheimnissen der Vergangenheit zu bringen als Commissario Brunetti? Ist er doch nicht nur jemand, der aktuelle mafiöse Machenschaften aufdeckt, sondern auch ein Faible für die Fallstricke der Geschichte hat. Denn so wie die Autorin Donna Leon Liebhaberin des Barock und ausgewiesene Kennerin von Händels Musik ist, wandelt eben auch ihr Commissario bisweilen auf klassischen intellektuellen Pfaden. Das macht er natürlich auch diesmal, bei der Lösung seines 25. Falles, in einem Roman, dem Donna Leon den Titel "Ewige Jugend" gegeben hat.

Euripides und dessen "Medea" liegen gerade auf seinem Nachttisch. Aber ob und was das Drama um die von ihrem Gatten betrogene und von ihrer Heimat entwurzelte Fremde mit dem Schicksal von Manuela zu tun hat, sollte jeder Leser selbst herausfinden. Denn genau das gehört schließlich zum raffinierten literarischen Spiel, das Donna Leon in Gang setzt, um den Ausflügen in mörderische menschliche Abgründe wie immer einen ironischen intellektuellen Überbau zu geben.

Zum Spiel gehört auch, dass Brunetti zu Hause mit Gattin Paola bei Essen und Wein über die Verrücktheiten der Moderne diskutiert und sich über die touristische Verwüstung der Lagunenstadt erregt.

Wer bei der Lektüre der langen Anfangssequenz genau aufpasst und die bei der Contessa zum Sponsoren-Essen geladenen Gäste, all die neureichen Schnösel und arroganten Wichtigtuer, genauer unter die Lupe nimmt, ahnt bereits, wer als hinterhältiger Bösewicht infrage kommt. Bei Donna Leon ist eben alles geplant und hat jede noch so nebensächliche Bemerkung einen tieferen Sinn. Vielleicht ist das der Grund, warum auch dieser Fall wieder einmal nicht besonders aufregend und doch äußerst unterhaltsam ist und literarisch höchst filigran in Szene gesetzt wurde.

Quelle: RP
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