Berlin: Ein Besuch der Hitler-Ausstellung
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 16.10.2010 - 14:03Berlin (RP). Eine neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin widmet sich dem Verhältnis der Deutschen zu Adolf Hitler – die erste große Schau, die sich mit der Wirkung des Diktators beschäftigt und dabei auch die Frage nach den NS-Verbrechen stellt. Das Ergebnis ist beunruhigend.
Das Grauen lauert hinter der Mittelmäßigkeit. Auf den ersten Blick ist das Porträt einer jungen Frau zu sehen: dunkle Haare, rotes Kleid, Halskette mit Kreuz, Buch in der Hand – ein mediokres Ölgemälde wie tausend andere, datiert vom unbekannten Künstler auf März 1943. Wer um das Bild herumgeht, der sieht: Bildträger ist keine Leinwand, sondern Pergament – ein Stück Thora-Rolle, die heilige Schrift der Juden. Ein Stück aus der Genesis: Josef wird von seinen Brüdern verraten und nach Ägypten in die Sklaverei verkauft.
Biedere Bürgerlichkeit und Barbarei liegen verstörend nah beieinander – das zeigt das frevelhafte Porträt so unmittelbar wie wenige andere der rund 600 Exponate in der Ausstellung "Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen", die jetzt im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zu sehen ist. Es ist die erste Schau von überregionaler Ausstrahlung, die sich mit Hitlers Wirkung auf die Deutschen beschäftigt – und ausdrücklich keinen biografischen Ansatz verfolgt.
Das bringt die Ausstellung auf die Höhe der wissenschaftlichen Erforschung der NS-Zeit: Der Ansatz, nur Einzelpersonen machten die Geschichte, hat die verdiente Ruhe in der historiografischen Mottenkiste gefunden. Das heißt aber auch, dass die Schau eine Strukturfrage sinnenfällig machen muss: Wie waren Hitler und der Holocaust möglich? Was erwarteten die Deutschen von Hitler? Warum, wie lange folgten sie ihm? Wer darauf antworten will, geht das Risiko ein, eine Art Leistungsschau der Geschichtsforschung zu veranstalten.
Das Unternehmen gelingt
Der Gefahr sind die Ausstellungsmacher entronnen. Das Unternehmen gelingt, mit kleinen Abstrichen. Und es gelingt mit erstaunlich wenig Text. Die Kuratoren haben die Objekte gefunden, die sie für ihren Ansatz einer entschlossenen Visualisierung benötigten. Da ist etwa ein gestickter Wandbehang von 1935 aus der Kleinstadt Rotenburg an der Fulda: Frauen, BDM-Mädchen, Hitlerjungen und SA-Männer marschieren auf die hakenkreuzgeschmückte Jakobikirche zu, das Ganze gerahmt vom Vaterunser. Das bizarre Werk hing bis 1945 neben der Kanzel der Kirche. Hergestellt wurde es von der NS-Frauenschaft und der evangelischen Frauenhilfe. "Dem Führer entgegenarbeiten" hat der Historiker Ian Kershaw in seiner wegweisenden Hitler-Biografie solche Kooperationen mit einem Zitat aus der NS-Zeit genannt. Sie waren ein Erfolgsrezept der braunen Diktatur.
Ein Prinzip durchzieht die Ausstellung: Die Propaganda wird an der Realität gebrochen. Wer vor dem Zwölf-Quadratmeter-Ölschinken "Kämpfendes Volk" aus dem Jahr 1942 steht, sieht zunächst nur muskulöse Arbeiter, sorgende Matronen und einherpreschende Soldaten – aber nicht die Stahlhelme, die die Macher ins Halbdunkel davor gelegt haben. Unwillkürlich sucht man nach den Einschusslöchern. Und unter dem Plakat zur Werbung von Fremdarbeitern aus dem besetzten Osten – freundliche Gesichter, Blumen – geht der Blick durch einen Spalt auf KZ-Häftlingskleidung. Die Verbrechen sah, wer sehen wollte, heißt das.
Wenig Originalobjekte aus Hitlers Dunstkreis
An "Hitleriana", Originalobjekten aus Hitlers Dunstkreis, ist die Ausstellung arm: ein paar hastige Notizen in einer Vitrine. Eine angesengte Uniformjacke Hitlers hätte man wohl aus Moskau haben können, lehnte aber ab. Das hat den Kuratoren den Vorwurf der Angst vor der eigenen Courage eingetragen. Dazu kam der unglückliche Satz von DHM-Stiftungspräsident Hans Ottomeyer im Katalog über Tabus, die es "unmöglich" machten, "persönliche Gegenstände" Hitlers zu zeigen. Selbstzensur aus Furcht vor Interesse aus der falschen, weil rechten Ecke? Die Ausstellungsmacher haben versucht, die Diskussion wieder einzufangen, indem sie auf bürokratische Hürden verwiesen. Zu fragen wäre dabei: Welche Erkenntnis soll ein verkokelter Fetzen über das Verhältnis der Deutschen zu Hitler bringen?
Denn "Hitler und die Deutschen" sagt viel über die Deutschen und wenig über Hitler. Vielleicht trotz allem zu wenig – so wenig Hitler ein Dämon aus den Tiefen der Historienhölle war, so wenig war er ein austauschbarer Hanswurst oder gar eine Marionette mächtigerer Strippenzieher. Hitler war, mindestens bis zum Krieg, ein ausgefuchster Realpolitiker, und er verstand es meisterlich, sich die Heilserwartungen der Deutschen zunutze zu machen. Am Ende, als der Krieg verloren war, hatte er nur Verachtung für sie übrig. Sie waren eigentlich nie seine Deutschen.
Hitler aber war für die Deutschen ihr Hitler. Ihre Sehnsüchte, Kränkungen, Ängste und Aggressionen ermöglichten ihm und seinem Regime erst, die ungeheuren Verbrechen zu begehen. Das zeigt die Ausstellung. Eine solche Aussage ist 65 Jahre nach Hitlers Ende keine Sensation mehr. Aber auch beileibe keine beruhigende Erkenntnis.
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