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Stockholm
Ein Märchen-Erzähler unserer Zeit

Stockholm. Heute erscheint der dritte Roman von Jonas Jonasson - ein Buch über den Lebenssinn, die Liebe und das Morden. Von Lothar Schröder

Einmal angenommen, es gäbe in Schweden eine ungläubige Pastorin, die von der Kanzel den Tod ihres Vaters eher freudig kommentiert und daraufhin kurzerhand aus der Gemeinde geschmissen wird. Ebenso angenommen, sie träfe einen jungen, aber eher lethargischen Rezeptionisten aus der Pension Sjöudden. Und in der würde - dritte Annahme - ein ungemütlicher Langzeitbewohner hausen, der der Gewalt nicht sonderlich abgeneigt ist und darum völlig zu Recht nur "Mörder Anders" genannt wird. Tja, wenn es all dies gäbe oder doch wenigstens vorstellbar wäre, hätte man schon einmal ein ziemlich skurriles Personal beisammen.

Fehlt dann nur noch der halsbrecherische Übermut des Jonas Jonasson, diese drei Helden gemeinsame Sache machen zu lassen. In einer Art Körperverletzungsagentur, die nach Auftrag und ordentlicher Entlohnung Prügelstrafen inklusive mancher Knochenbrüche verabreicht. Mord allerdings bleibt ausgeschlossen, schließlich hat sich die Agentur unter Federführung der Ex-Pastorin klare ethische Leitlinien gegeben.

So landet man also mitten im neuen Buch des schwedischen Autors. Und nichts spricht dagegen, dass - Obacht, jetzt folgt der gleichsam skurrile Titel - "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" wieder so ein Riesenbestseller wird. Wie schon seine Bücher vom Hundertjährigen und von der Analphabetin, die die verkaufte Auflage auf 13 Millionen katapultierte und den 54-Jährigen binnen kurzer Zeit von allen finanziellen Sorgen befreite.

Das ist jetzt nur eine Randgeschichte, aber vielleicht keine unwichtige. Denn Jonasson, einst Chef eines Medienunternehmens, das 100 Mitarbeiter nährte, musste erst die Hölle von 16-Stunden-Arbeitstagen mit anschließendem Burn-out samt Depression durchlaufen, eher er zur Besinnung und Ruhe kam - auf der Insel Gotland, die so einsam sein kann, wie es ihr Name schon verspricht.

Warum das wichtig ist? Weil alle Jonasson-Werke vor diesem Hintergrund wie Therapiebücher erscheinen. Es passiert darin recht viel und nicht immer nur Schönes. Doch eigentlich bleibt alles stets sehr heiter und ist am Ende auch noch gut. Schönfärber würde man einen solchen Redner vielleicht in der Kneipe nennen; in der Literatur mit trefflichem Niveau heißt das Märchenerzähler. Das ist eine wichtige Zutat seines Erfolgsrezeptes. Ihr kann sich der Leser ganz und gar anvertrauen, getragen von der Gewissheit: Was immer auch auf der nächsten Buchseite geschehen mag, es ist nicht wirklich schlimm. Mord und Totschlag, Liebeskummer und Einsamkeit sind bestenfalls Episoden eines Lebens, das es gut mit uns meint.

Das klingt nun ein wenig mickrig und wird Jonasson auch nicht gerecht, der seine drei Geschöpfe virtuos und absolut souverän durch eine Welt führt, die auf solche Typen nur zu warten scheint. Selbst auf Schläger wie Mörder Anders, der zur Ankurbelung des handfesten Geschäfts in ein exklusives Zeitungsinterview geschickt wird. Um Kunden attraktiv zu erscheinen, sollen drei Botschaften über seine Person rüberkommen: käuflich, gefährlich und wahnsinnig.

Kurzum: Der Laden läuft und endet mit einem großen Betrug. Doch bevor die geprellten Auftraggeber dahinterkommen, ist das Trio längst über alle schwedischen Berge und bereits dabei, ein noch lukrativeres Geschäft zu verfolgen: Es gründet eine Religion, zumal Unglaubliches geschieht - Mörder Anders wird tatsächlich lammfromm; er ist ins Gespräch mit Jesus getreten und als Prediger zumindest originell. Die neue Kirche wird also rappelvoll, so dass der uralte angrenzende Friedhof für Parkplätze zubetoniert werden muss. In den Gottesdiensten wird ordentlich Rotwein verabreicht, was die Spendenfreudigkeit der Gläubigen noch einmal zählbar in die Höhe treibt.

Eigentlich wäre alles gut, würden nicht Ganoven aus früheren Zeiten auf Rache sinnen. Doch dabei stirbt lediglich ein Kirchendiener, während sich die Attentäter dank der erschreckend unbedarften Handhabung ihrer Handgranate selbst ins Jenseits befördern.

So geht es noch ein bisschen weiter in diesem turbulenten Buch, sogar noch bis zum Weihnachtsmann. Natürlich darf man sich bei diesem Thema fragen, ob die Menschen unserer Zeit tatsächlich so fanatisch glauben, dass sie jedem Wahnsinn ihr Herz und ihr Geld schenken. Darin aber schon eine heiter verpackte Analyse unserer Gesellschaft zu sehen, würde den Roman mit Sicherheit überfordern.

Die Welt des Jonas Jonasson ist immer eine erträumte und letztendlich heile, trotz so mancher Deformationen. Ein kluges Trost-Buch ist es. Mächtig unterhaltsam. Lebensfroh obendrein. Gegen all das ist nichts und nie etwas einzuwenden. Märchen sind ja nicht dazu da, auch wahr zu sein. Sie werden es immer erst beim Lesen. Eine bessere Empfehlung für diesen Roman gibt es nicht.

Quelle: RP
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