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Ein Prellbock der Einsamkeit

"Rauschzeit" - der neue Roman des Georg-Büchner-Preisträgers Arnold Stadler. Von Peter Mohr

Er ist weder als Vielschreiber noch als zeitgeistorientierter Autor bekannt geworden. Im Gegenteil - die Romane des 62-jährigen Arnold Stadler eignen sich nicht zum schnellen Verzehr. "Es war alles einen Tick verrückt bei mir", bekannte Stadlers Hauptfigur aus dem Roman "Sehnsucht" (2002) durchaus charakteristisch für das Gesamtwerk des Georg-Büchner-Preisträgers. Im neuen Roman mit dem mehrdeutigen Titel "Rauschzeit" widmet sich Stadler dem Evergreen-Thema "Was ist eigentlich Liebe?". Nicht platt, nicht kitschig, schon gar nicht romantisch, sondern rational und humorvoll.

Im Mittelpunkt stehen Alain und seine Frau Irene, die nur "Mausi" genannt wird. Beide sind um die vierzig Jahre alt, beide arbeiten als Übersetzer, leben in Berlin-Schöneberg mit getrennten Schlafzimmern eher neben- als miteinander.

"Was ist Glück? Nachher weiß man es", lautet Stadlers vielsagender Romaneinstieg. In seinem ausschweifenden, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen angelegten Epos dreht sich alles um "vorher" und "nachher", um Sehnsüchte, um verpasste Lebenschancen und verschämte Ausbruchversuche.

Die "Rauschzeit" ist vorbei. Rauschzeit wird im Jägervokabular die Phase zwischen November und Februar genannt, in der sich das Schwarzwild hemmungslos paart. Rauschzeit hieß auch die beste Freundin von Alain und Mausi. Die Fotografin Elida Elfrida Rauschzeit, die bestrebt war, das Unsichtbare ablichten zu wollen, hat vierzigjährig ihrem Leben ein Ende gesetzt, nachdem ihr langjähriger Lebensgefährte Norbert zuvor an Aids gestorben war. Eines der Rätsel, die schon im dem Roman vorangestellten Büchner-Motto "Wir wissen wenig voneinander" avisiert werden.

Ausgangspunkt ist ein Sommertag 2004. Alain ist zu einem Übersetzerkongress nach Köln gereist und dort nach vielen Jahren seiner einstigen Jugendliebe Babette begegnet. Mausi hat sich zeitgleich bei einem Opernbesuch in den Dänen Jesper "verguckt". Alain sitzt auf einer Parkbank, seziert beinahe selbstquälerisch sein bisheriges Leben ("Die Erinnerung ist ein Rückspiegelschmerz, ihr Ort heißt: Ich war einmal"), während Mausi in Berlin weilt und ähnliche Gefühlswallungen durchmacht wie ihr Ehemann.

Alternierend erzählt Stadler aus den Perspektiven von Mausi und Alain, die das Aufblühen längst vergessen geglaubter (oder unterdrückter) sexueller Begierden erleben. Ähnliche Gefühle, wie sie in den Erinnerungen aus der Studentenzeit in Wohngemeinschaften und wilden Jahren mit ausschweifenden Urlauben an der französischen Atlantikküste existierten. Elfis Selbstmord fungiert als Initialzündung, als Weckruf, etwas Neues zu probieren. Am Morgen ihrer Beerdigung befindet Alain: "Mein Körper war nicht viel mehr als ein Prellbock meiner Einsamkeit."

Liebe, Einsamkeit, Glück, Altersmelancholie als latente Hintergrundmusik und tiefsinnige Schlenker zu Martin Heidegger, der wie Arnold Stadler in Meßkirch geboren wurde, prägen die "Rauschzeit". Wie sagte Stadler vor Jahren einmal: "Es muss ein Geheimnis haben, damit ein Buch bleibt, was es ist: im Idealfall etwas Faszinierendes." Eine wahrlich faszinierende Herausforderung, für gut trainierte Leser eine Art literarischer Gipfelsturm. Wenn man oben ist, öffnet sich ein gigantischer Weitblick.

Quelle: RP
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