| 10.33 Uhr

Die große Freiheit Nr.1
Ein Stück vom amerikanischen Traum

Düsseldorf. In den 80ern prägten Filme und TV-Serien unser Bild von den USA. Deshalb war der Wunsch groß, es mit der Wirklichkeit abzugleichen Von Jörg Isringhaus

"Go west, young man!" Das war die Parole, die meinem Freund Ralf und mir Anfang der 80er nicht mehr aus dem Kopf ging. Ein Jahr nach dem Abitur hatten wir bereits mehr oder weniger vertrödelt, und bevor es tatsächlich ernst zu werden drohte mit dem Leben, wollten wir wenigstens einmal am großen Abenteuer schnuppern. Für uns hieß das: Unsere Version des amerikanischen Traums wahr werden zu lassen, einzutauchen in die Welt der Bücher, Serien und Filme, mit denen wir aufgewachsen waren. Kojaks New York erleben, die "Straßen von San Francisco" besuchen, John Fords Kulissen erkunden. Monatelang diskutierten wir eine spinnerte Idee nach der anderen. Vielleicht ein Ritt durchs Land, obwohl wir noch nie auf einem Pferd gesessen hatten, oder doch lieber unterwegs sein auf den Spuren des Dichters Jack Kerouac? Es wurde nichts von alledem. Aber ein Abenteuer, das wurde es. Nur nicht das, was wir uns vorgestellt hatten.

Detaillierte und brauchbare Planung war, man kann es schon vermuten, nicht so ganz unser Ding. Sicher, wir hatten vage Vorstellungen von dem, was uns in den USA erwarten könnte. Aber nicht wirklich Lust, sie zu vertiefen. Internet gab es nicht. Und Reiseführer waren öde. Außerdem wollten wir dem Abenteuer auch den nötigen Raum zugestehen, um sich zu entfalten. Mein Onkel erkannte das Risiko und versuchte es zu minimieren, indem er uns eine Anlaufstelle besorgte, Norbert, einen deutschen Freund in Los Angeles. Bei ihm könnten wir erst einmal wohnen, er würde uns behutsam heranführen ans Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Was sollte da noch schiefgehen?

Also Los Angeles. Sieben Wochen. Der Dollar stand damals bei rund 2,50 D-Mark. Ich verkaufte meinen VW-Käfer und leerte mein Sparbuch. Meine Eltern stockten die Urlaubskasse auf. Bei Ralf sah es ähnlich aus. Wird schon reichen, dachten wir. Um es mal mit Thomas Magnums Worten zu sagen: Ich weiß, was Sie jetzt denken, und Sie haben natürlich recht. Aber unser Kapital waren eben unerschütterlicher Optimismus und eine an Arroganz grenzende jugendliche Unbekümmertheit. Davon hatten wir mehr als genug. Vorerst.

In L.A. angekommen, quartierte uns Norbert in seinem Apartment im Mariner's Village ein, einer schicken, verschachtelten Wohnanlage in Marina del Rey. Nur: Norbert war arbeitslos. Pleite. Das drückte auf die Stimmung, auch wenn sich Norbert locker gab. Geld wollte er von uns keines nehmen. Also ließen wir es auf der Küchentheke liegen. Wenn wir zurückkamen, war es weg. Zwei Wochen wohnten wir bei ihm und büßten dabei einen Großteil unserer Dollars ein. Nicht, dass es uns gestört hätte. Norbert schien uns ein wenig so, wie aus einer unserer TV-Serien entstiegen: ein Sportsmann, lässig, cool, ein wenig chaotisch, immer gut gelaunt. In der Mittagshitze joggte er bis zum Pier von Santa Monica und zurück, was uns komplett wahnsinnig erschien. Wir hingen am Strand ab oder noch lieber nachmittags im großen Jaccuzi der Anlage, weil dort alle zwanglos miteinander plauderten. Bald kannte uns jeder im Mariner's Village, und der american way of life hatte uns fest im Griff. Abenteuer? Bloß nicht anstrengen.

Nur Norbert drängelte. Ob wir denn nicht doch einen Wagen kaufen wollten, um auf Tour zu gehen? Wir kapierten, wälzten mit ihm Anzeigen und fuhren ein paar schrottreife Schlitten Probe, entschieden aber schnell, dass es doch besser wäre zu mieten. Das mit Abstand günstigste Modell war ein Chevy Chevette Diesel. Wir griffen zu. Fortan gehörte die Suche nach einer Tankstelle mit Dieselzapfsäule für Pkw zum Tagesgeschäft - Dieselmotoren in Pkw waren damals so rar wie Perlen in Muscheln. Und teurer war der Sprit noch dazu. Mancher Abstecher hing nur mit einer Tankstelle zusammen, von der man uns versichert hatte, dass wir dort Diesel tanken könnten.

Die Tour sollte an den klassischen Zielen entlang führen. Grand Canyon, Bryce Canyon, Zion National Park, Las Vegas, Yosemite, San Francisco, Highway 1 zurück nach Los Angeles. Leider hatte die Zeit bei Norbert, die unsere Dollarvorräte eigentlich schonen sollte, diese bedenklich schrumpfen lassen. Nicht nur Motels waren jetzt zu kostspielig, auch Campingplätze schienen uns unverschämt. Also campierten wir wild oder schliefen im Auto, nicht ohne uns vorher daran zu erinnern, dass wir gerade im Land der Serienkiller ungeschützt im Nirgendwo übernachteten. Mehrfach schockten uns Cops, weil sie nachts mit der Taschenlampe gegen die Scheibe klopften, um uns zu wecken. Campingplätze suchten wir nur auf, um uns zu waschen; vor den abgeschlossenen Duschen warteten wir, bis jemand herauskam und uns die Tür aufhielt. Echt abenteuerlich.

Irgendwie aber kamen wir immer durch. Obwohl wir unter anderem auf dubiosen Privatpartys landeten und in San Francisco erst feststellten, dass wir in einer Disco nur für Schwarze tanzten, als uns mehrere Typen böse anrempelten. Nach vier Wochen auf Tour standen wir nahezu abgebrannt in Anaheim vor den Toren von Disneyland. Was tun? Tickets kaufen und Norbert anpumpen? Bis zum Rückflug waren es noch vier Tage. Oder Disney die kalte Schulter zeigen und knapp über die Runden kommen? Wir sahen uns an. Dass wir noch mal in die USA kommen würden, schien uns unwahrscheinlich. Also entschieden wir uns für Option eins. Wir hätten es besser wissen müssen. An Disneyland kann ich mich nicht mehr erinnern, an die folgenden, entbehrungsreichen Tage sehr gut.

Denn Norbert war immer noch arbeitslos. Und pleite. In seinem Apartment wohnte jetzt ein anderer Untermieter, einer, der mehr Geld auf der Küchentheke liegen ließ als wir. Für uns blieb als Schlafplatz nur Norberts vergammelter VW-Bus, in dem es leicht schimmelig roch. Schweren Herzens pumpten wir seinen Untermieter an und ließen uns von zu Hause Geld anweisen. Diese Schmach wog weit schwerer als die Suche nach Kassenbons in leeren Supermarkt-Einkaufswagen. Auf manchen waren hinten Gutscheine gedruckt für Fast-Food-Burger. Verhungert sind wir nicht. Aber als Abenteurer gefühlt haben wir uns ebensowenig.

Dennoch war dieser Urlaub prägend. Bis heute geblieben ist mir eine lebenslange Leidenschaft für die USA, dieses großartige wie größenwahnsinnige Land. Viele Jahre und Amerika-Aufenthalte später bin ich noch einmal durch Mariner's Village spaziert, um meine Erinnerungen aufzufrischen und das Aroma der von der Meeresbrise abgeschmirgelten Holzplanken zu genießen. Für mich ist es ein unverwechselbarer Duft - es riecht nach Sommer, nach Jugend und nach Glück.

Quelle: RP
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